Völlig daneben statt Interessenvertretung

Verbände sind in der Schweiz ein wichtiges Instrument der Interessenvertretung. Die Verbände haben aufgrund ihres Aufbaus die Neigung, die Interessen ihrer strukturell schwächsten Mitglieder übersteigert in die Diskussion einzubringen. Auf dem Weg zur fossil- und nuklear-freien Energiezukunft sind es derzeit mindestens zwei Verbände, die bestenfalls fiktive Interessen vertreten – statt Interessenvertretung geht dies allerdings völlig daneben! “Völlig daneben” ist derzeit etwa economiesuisse – ein Verband, der von sich behauptet, die Interessen der Wirtschaft zu vertreten. Auch wenn dies nach Tschernobyl und Fukushima weder die Politik noch die Wirtschaft wirklich will, will etwa economiesuisse-Präsident Gerold Bührer um eigentlich jeden Preis an der Atomenergie festhalten. Dabei ist gesamtgesellschaftlich klar: es kann so rasch als möglich auf die Atomenergie verzichtet werden – diskutiert wird eigentlich nur noch darüber, was “so rasch als möglich” heisst. P.S. Dieser Verband spricht in der Regel von Kernenergie – der Unterschied zu Atomenergie ist rein semantisch, dafür wertemässig massiv überladen. Es gibt einen anderen Wirtschaftsverband – Swiss Cleantech. Auch dieser Verband spricht von “Kernkraft“. Aber immerhin: dieser Wirtschaftsverband will den Kernkraftausstieg geordnet vor 2040 (hoffentlich geordnet, unordentliche AKWs sind eine ziemliche Sauerei …). P.S. Selbst “Sofort” oder “2021” ist “vor 2040”! Nachdem sich die UrnerInnen und Urner erfreulicherweise am 15. Mai 2011 gegen neue Autobahntunnels am Gotthard ausgesprochen haben, meldet sich economiesuisse-Sprachrohr Gerold Bührer schon wieder! Sein Verband und er wollen eine zweite Autobahn-Tunnel-Röhre am Gotthard, allenfalls privat finanziert. Die Begründung ist schlicht nicht nachvollziehbar – es hat schon bald dermassen viele Bahntunnels durch den Gotthard, da braucht es nicht mehr, sondern weniger Strassentunnels: der heutige Strassen-Personen- und -Güter-Verkehr gehört alpenquerend und verfassungskonform auf die Schiene. Die Forderung nach einem zweiten Gotthard-Autobahntunnel ist ganz einfach “völlig daneben“! Umweltschutz – und damit auch Energie- und Klimaschutzpolitik – erfordert ein hohes Mass an Information. Damit ich mich umweltkonform verhalten kann, muss ich wissen, durch welche Aktivitäten und in welchem Umfang ich die Umwelt belaste. Wenn ich von dieser Belastungssituation weiss, kann ich meine Verhaltensweise anpassen – und etwa dafür sorgen, dass die schlimmsten Umweltbelastungsquellen beseitigt werden. Genau so ist es bei Gebäuden: wenn ich weiss, dass ein mir gehörendes Gebäude in der schechtestens Energieeffizienzklasse G (für “ganz schlecht”) eingestuft ist, werde ich relativ bald aktiv, um eine Verbesserung zu erreichen – und ich bin durchaus bereit, zu akzeptieren, dass mich der Staat im Interesse der Allgemeinheit zu einer Verbesserung der Situation zwingen kann. Das Wörtchen “Wenn” ist hier entscheidend: der Hauseigentümerverband Bern war nicht bereits, den Hauseigentümerschaften das Wissen um die energetische Qualität des Gebäudes zukommen zu lassen. Dabei ist etwa durch das Beispiel des Heizgutachtens aus Deutschland längst klar, dass es sich dabei um eine och wirksame und kosteneffiziente Klimaschutzmassnahme handelt! Das Nein der Berner Hauseigentümerschaften zu dieser Verbesserung der Information an Hauseigentümerschaften ist einmal mehr “völlig daneben” – und wird nur noch dadurch verschlimmert, dass die Berner Stimmberechtigten dieser Ablehnung am 15.5.2011 gefolgt sind. Auch hier: der Hausverein Sektion Mittelland – ebenfalls eine Interessenvertretungsorganisation der Hauseigentümerschaften, hat dieser Informationsverbesserung zugestimmt! Sowohl economiesuisse als auch HEV sind relativ alte Verbände – es ist angezeigt, diese gelegentlich einzumotten und die Interessenvertretung den “Newcomern” Swiss Cleantech und Hausverein zu überlassen. Deshalb die Aufforderung an die Menschen in Wirtschaftsunternehmen und als Gebäudeeigentümerschaften: sorgen Sie dafür, dass Ihre Interessenvertretung Ihre Interessen für eine fosil- und nuklearfreie Energieversorgung auch tatsächlich vertritt!
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