Menschenrecht Klimaschutz: endlich ernsthaft!

Eine der Reaktionen auf die Klimastreiks und Klimademos ist das Warmluft-Gelabber von liberalen Ansätzen und Eigenverantwortung. Im Umweltbereich funktioniert dies seit 30 Jahren nachweislich nicht – auch für den Klimaschutz bringt dies kaum etwas. Da geht es also um «illusioliberale» Dinge. Woran zeigt sich dies?

Eine typische Situation an einem sonnigen Herbst-Sonntagnachmittag: auf passartigen Strassen in der Nähe von Städten sind sehr viele Motorradfahrer und Oldtimer-Fahrer unterwegs (Schreibweise entspricht der Gender-Realität). Diese Fahrzeuge sind furchtbar laut, sie werden zudem besonders lautstark gefahren. Und sie stinken fürchterlich – uralte fossile Steinzeit-Technologie halt. Darf mensch 2019 noch so unterwegs sein? Nein, eigentlich nicht.

Entlang der Strassen stehen viele Werbeplakate – es wird hauptsächlich für grosse Autos mit der Effizienzklasse G (steht für «ganz schlecht»), Flugreisen und Erdgas geworben. Darf für solchen Unsinn 2019 noch geworben werden? Nein, eigentlich nicht – denn die heutige offizielle Klimapolitik ist schlicht illegal (nach Egart/Wieding, zitiert von Marcel Hänggi).

Nun, das ist die Realität der liberalen und eigenverantwortlichen Energie- und Klimapolitik der letzten mindestens 30 Jahre. Wer an einer solchen Politik festhalten will, ist nicht zukunftsfähig. Gemäss dem Deutschen Institut für Menschenrechte «bedroht der Klimawandel die menschenrechtlichen Freiheitsvoraussetzungen auf existenzielle und irreversible Weise».

Wer Liberalität und Eigenverantwortung als Grundhaltung gegen den Klimawandel versteht, bringt damit zuerst zum Ausdruck, dass sie oder er den Klimanotstand nicht akzeptiert.

Eines der grundlegenden Prinzipen der Ethik ist im kategorischen Imperativ festgehalten, durch Immanuel Kant formuliert: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

In vielen Gesprächen mit vielen, die liberal und eigenverantwortlich in ihrem Wortschatz führen, wird eines klar: viele dieser Liberal-Eigenverantwortungs-Fans beanspruchen für sich einen über dem Durchschnitt liegenden ökologischen Fussabdruck, im Sinne einer säkularisierten Form der calvinistischen Prädestination. Obwohl längst klar ist, dass ernsthafter Klimaschutz einen umfassenden Systemwechsel erfordert, der die Nachhaltigkeitsprinzipien Suffizienz, Effizienz und Konsistenz umfassend und in allen Bereichen der Gesellschaft anwendet, postuliert die Liberal-Eigenverantwortlich-Position einen Beliebigkeits-Wunsch-Katalog, der mit Sicherheit dem kategorischen Imperativ nicht entspricht.

Diese Beliebigkeitsposition ist vor allem dadurch geprägt, dass nicht oder fast nichts am heutigen Lebensstil geändert werden darf – die Konkretisierung des oben erwähnte Anspruchs auf den übergrossen ökologischen Fussabdruck.

An einem Beispiel: Nur ein kleiner Anteil der Menschheit fliegt, dieser Anteil dafür relativ viel. Wenn dies alle tun wollen (im Sinne des kategorischen Imperativs), dann erfordert dies erheblichen Energieaufwand, derzeit nahezu ausschliesslich aus fossilen Energien, mit erheblichen Auswirkungen auf das Klima, sowohl wegen des Ausstosses des Treibhausgases CO2 als auch wegen des im Abgas enthaltenen und ebenfalls als Treibhausgas wirkenden Wasserdampfes.

Es ist – mit viel Aufwand und grossem ökologischen Fussabdruck – grundsätzlich möglich, nicht-fossile Flugtreibstoffe herzustellen. Diese erfordern riesige Energiemengen aus erneuerbaren Quellen – und sie hinterlassen bei der Verbrennung weiterhin die Treibhausgase Wasserdampf und CO2 (nichtfossil) in der Atmosphäre.

Zum nicht-fossilen Flugtreibstoff:
Zitat 1: Laut US Department of Energy verbraucht der internationale Flugverkehr täglich mehr als 1 Mrd. Liter Kerosin, das entspricht 11.500 Liter pro Sekunde.
Zitat 2: Eine kommerzielle Solaranlage von einem Quadratkilometer Fläche könnte pro Tag aus Licht und Luft 20 000 Liter Kerosin produzieren.
Rechne: Bedarf 1 Mrd. Liter Kerosin pro Tag, pro Quadratkilometer Solaranlage 20’000 Liter Licht-Luft-Kerosin pro Tag – das braucht weltweit also 50’000 Quadratkilometer Solaranlagen. Der Preis für Luft-Licht-Kerosin wäre deutlich höher als von heutigem Flugtreibstoff, und eben, die Abgase tragen weiterhin Treibhausgase in die Atmosphäre. Und zudem ist damit noch nicht berücksichtigt, dass der Flugverkehr weiterhin zunimmt.

Quintessenz: Suffizienz ist gefordert, Effizienz ebenfalls (zum Beispiel Luftschiffe statt Flugzeuge), im Sinne der Konsistenz braucht es andere Antriebssysteme, die keine Abgase mehr in die Atmosphäre entlassen. Nur mit einem ganzheitlichen Ansatz von Suffizienz, Effizienz und Konsistenz lässt sich die Zukunft gestalten – liberal-eigenverantwortliche Beliebigkeit vermag dies nicht zu leisten.

Dazu kommt: jene, die Lösungen wie das Licht-Luft-Kerosin postulieren, sind meist die gleichen, die behaupten, es habe zu wenig erneuerbare Energien, um Heizöl und Gas ablösen zu können.

Klar ist nach dem kategorischen Imperativ: ein Ansatz, der für alle taugen soll, muss ein Gesetz sein!  Nur in der Kombination aller Handlungsmöglichkeiten eines demokratischen Rechtsstaates – Freiwilligkeit, Anreize und gesetzliche Pflichten – lassen sich die zwingend erforderlichen «schnellen, weitreichenden und beispiellosen Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft» erreichen!


 

Das einleitende Plakat mit dem Zitat des Deutschen Instituts für Menschenrechte verwendet den Schriftsatz GRETA GROTESK.

 

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