Wenn wir es wollen … – zu «Kraftwerk Schweiz» von Anton Gunzinger

Schon länger ist klar, dass die «Energiestrategie 2050» des Bundesrates untauglich ist, die Schweiz energie- und klimaschutzmässig Richtung Zukunft zu bewegen. Sehr gut begründet legt Anton Gunzinger in seinem von Journalisten René Staubli geschrieben Buch «Kraftwerk Schweiz» dar, dass es einen Plan B gibt, der tatsächlich in die Zukunft führt, sowohl bezüglich Energie, Klimaschutz als auch Ökonomie. Die zentrale Botschaft: «wenn wir es wollen», dann ist eine Versorgung der Schweiz mit erneuerbaren Energien möglich!

Aussagen über die Zukunft werden auch im Energiebereich häufig mit Szenariorechnungen begründet, klassischen «Wenn-Dann»-Aussagen also. Dies trifft auch für die Szenarien zu, die von Anton Gunzinger und den Mitarbeitenden Supercomputing Systems AG nahezu ausschliesslich für die Stromversorgung der Schweiz erstellt worden sind. Die «Wenn»-Kataloge sind jeweils sehr lang, und viele der Massnahmen lassen sich nicht aus der Vergangenheitsentwicklung ableiten. Diese erforderlichen Brüche sind es denn auch, die im wenig innovativen Energiewirtschaftsumfeld zu Aussagen wie «völlig unrealistische Annahmen». «Kraftwerk Schweiz» bestätigt – wie beispielsweise bereits die ETH-Studie «How Rich Is The 2000 Watt Society», dass es gut begründete zukunftsverträgliche Lösungen gibt, die ohne Fossile und Nuklearenergie auskommen, und die volkswirtschaftlich vergleichbar sind mit «business-as-usual»-Szenarien. Dies ist nicht weiter verwunderlich, weil die Energiekosten nur einen tiefen einprozentigen Anteil in der volkswirtschaftlichen Buchhaltung ausmachen und weil bei den meisten Szenarien angenommen wird, dass der verminderte Energieverbrauch durch einen höheren Investitionsaufwand erreicht wird.

Anton Gunzinger schreibt mehrfach von «wir», auch beim Zitat «wenn wir es wollen». Und er meint es auch so: jede und jeder ist gefordert, einen Beitrag zur Erreichung der ambitiösen Ziele zu erreichen. In einzelnen Szenarien wird etwa angenommen, dass dezentrale Stromspeicherung im grossen Umfang erfolgt, was den Pumpspeicherwerken «Arbeit abnimmt» – die Energiewirtschaft hat bei derartigen Szenarien deutlich andere Aufgaben als heute, wahrscheinlich mit ein Grund für die zurückhaltende bis ablehnende Kommentierung des Buchs «Kraftwerk Schweiz». Ein weiterer Grund: Anton Gunzinger bezieht – auch mit ökonomischen Argumenten – sehr dezidiert Stellung gegen die weitere Nutzung der Atomenergie! In «Kraftwerk Schweiz» wird direkt wenig über das Wollen geschrieben, auch bleibt die Konkretisierung des «wir» eher vage. Mit «Energiepolitik von unten» oder «Energiepolitik for Dummies» gibt es in umweltnetz.ch einige Beiträge zur Konkretisierung derartiger Szenarien.

Zwei Vorbehalte aus meiner Sicht: den eher hohen Stellenwert, den «Kraftwerk Schweiz» Biomasse und Kehricht in der zukünftigen Energieversorgung zuweist, kann ich mit Blick auf Potenziale und die Ressourcenpolitik, Stichwort etwa «cradle-to-cradle», nicht nachvollziehen, aber da gäbe es vergleichbare, ähnlich plausible Szenarien mit einem ebenfalls nuklear- und fossilfreien Energieträgermix. Auch die Betonung des Wettbewerbs und des Unternehmertums hat gelegentlich Zerrbildcharakter.

Die politischen und energiewirtschaftlichen Machenschaften rund um die Energiestrategie 2050 zeigen es deutlich: «Wenn wir es wollen …» trifft derzeit für die Realität nicht zu. Es ist zu befürchten, dass dies auch durch noch so plausible Szenarien nicht verändert werden kann. Gerade auch im Hinblick darauf, dass die Energiekosten volkswirtschaftlich einen geringen Anteil ausmachen, ist es von zentraler Bedeutung, dass Anton Gunzinger eine grosse Breite von gesellschaftlichen Aspekten mit Auswirkungen auf den Energieverbrauch anspricht, etwa das existenzsichernde Grundeinkommen oder die Allmenden/Gemeingüter. Die Kapitel über den Verkehr sind sehr beeindruckend, auch wenn einiges, was aufgeführt wird, bereits bekannt ist. Wer im Stau steht, ist wirklich selber schuld – denn «das Schweizer Strassennetz ist übers Jahr nur zu 2,84 Prozent ausgelastet»!

Das stärkste Kapitel aus dem Buch «Kraftwerk Schweiz» von Anton Gunziger ist aus meiner Sicht das 31. und gleichzeitig letzte Kapitel, der «Brief einer Studentin an ihren Urgrossvater». Auch wenn Anton Gunzinger diesen Brief mit den Augen des heutigen Menschen quasi an sich selbst schreibt, wird eine ethische, eine moralische Dimension der Energie- und Klimaschutzthematik erkennbar, durchaus vergleichbar mit dem, was Papst Franziskus in «Laudato Si» dargelegt hat, was die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks zum Klimaschutz als moralische Pflicht ausführt. Aber eben: Wenn wir es wollen …

«Umsetzung innert 20 Jahren (weil ich den Wandel noch selbst erleben möchte)» ist eines der Ziele für die Strategien, die Anton Gunzinger zu Beginn des Buches festhält. Auch diese Ungeduld ist bestens begründet – gerade im Verkehr und bei der Stromversorgung lässt sich in dieser Zeit sehr viel erreichen, auch wenn die Stromwirtschaft mit grossen und langfristigen Investionen in die Atomkraft langfristig blockiert ist.

Eine Energieversorgung ohne Fossile und ohne Atomenergie entspricht grundsätzlich dem, was die Gesellschaft raschmöglichst erreichen will – die Szenarien von Anton Gunzinger und seinem Team bestätigen einmal mehr die Machbarkeit unter der Voraussetzung «Wenn wir es wollen …», auch wenn die Umsetzung anspruchsvoll und für uns alle fordernd ist. Daran gilt es zu arbeiten, damit nicht die unqualifizierten, lärmigen Stimmen gegen eine nuklear- und fossil-freie Energieversorgung das Sagen haben!


Zum Plan B von Anton Gunzinger angesichts des offensichtlich mangelhaften Plan A «Energiestrategie 2050»: Wenn Plan A und Plan B nicht klappen – cool bleiben, das Alphabet hat noch mindestens 24 Buchstaben!


Auch wenn das Buch bereits seit April 2015 verfügbar ist, kann es Stand 21. Juli 2015 noch nicht als eBook gekauft werde. Hier verfolgen insbesondere Schweizer Verlage eine eigenartige Publikationsstrategie. Es ist zu erwarten, dass auch Schweizer Verlage zukünftig die gedruckte und die digitale Version einer Publikation gleichzeitig auf den Markt bringen, selbst dann, wenn ein Werk wie «Kraftwerk Schweiz» 76 Abbildungen, 31 Tabellen, 17 ganzseitige Bilder-Intermezzi (von Gianni Vasari) und 15 ganzsseitige, grafisch gestaltete Text-Intermezzi (von Seraina Morell Gunzinger) umfasst.

Nachtrag 25. Juli 2015: seit 22. Juli 2015 ist «Kraftwerk Schweiz» auch als eBook erhältlich!

Die Buchdetails: Gunzinger Anton. Kraftwerk Schweiz. Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft. Zytglogge, Erstausgabe April 2015, 2. Auflage Mai 2015., Geb., A5, 320 Seiten, mit farbigen Abb., Redaktion: René Staubli, Coverfoto: Thomas Gierl, ISBN 978-3-7296-0888-7

Erste Fassung 21.7.2015

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