Lärm – Alarm

Tröten, Vuvuzelas, die Lärminstrumente an der Fussball-WM, sind gemäss Medienberichten und Fussballern ein Ärgernis. Aus dem deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen heisst es dazu: Die [von Vuvuzelas] ausgehende Gehörgefährdung für andere Besucher und das mögliche Übertönen von Notfalldurchsagen sprechen sehr deutlich gegen eine Benutzung in Menschenmengen. Dass die FIFA diesen unsinnigen Lärm weiter zulässt, betont einmal mehr die Dominanz des Marktes respektive der Geldgeilheit im Fussball, passt aber bestens zur Ignoranz der Fussballverantwortlichen gegenüber Menschenrechts- und Umweltschutz-Belangen. Andererseits passt diese FIFA-Ignoranz zur alltäglichen Erfahrung: Lärm ist eines der unterschätzten Gesellschaftsthemen! Montag-Morgen 8 Uhr: auf dem Bauplatz der Nicht-Grünmatt-Überbauung der FGZ beginnen die Arbeiten mit dem Rammkran: mit sehr hohem Impulslärm werden die bautechnisch erforderlichen Rammpfähle in den Boden geschlagen. Objektiverweise ein Steinzeitverfahren, für die AnwohnerInnen mit massiv übermässigen und absolut unnötigen Lärmbelastungen verbunden. Die Lebensqualität in Städten wird im wesentlichen bestimmt durch die gegenseitige Rücksichtnahme. Gehört dazu, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung, welche trotz penetranter omnipräsenter Werbung und offensichtlich einzig wichtigem Thema – die Oelpest im Golf von Mexico beispielsweise ist seit dem Start der Fussball-WM in Südafrika am 11. Juni 2010 aus den Schlagzeilen verschwunden – während etwa eines Monats durch lärmige Fussballfans belästigen lassen muss, selbst während den nächtlichen Ruhezeiten unter der Woche? Und dies, obwohl gleichzeitig – möglicherweise sogar auch von Fussballfans – verlangt wird, dass die nächtlichen Stunden- und Viertelstundenschläge von den Kirchentürmen abgestellt werden. Lärm hat den gleichen Wortstamm wie Alarm – Geräusche als Hinweis auf drohende Gefahr also. Klar, FussballfreundInnen wollen nicht wirklich Gefahr sein, sie wollen ihrer Freude oder ihrem Ärger über den Spielverlauf Ausdruck geben. Wer sich gegen diesen Lärm wehrt, sei dies nun die frühere Stadtzürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer, seien dies die AnwohnerInnen, wird als “Spassbremse”, zwinglianisch, Lachnummer und so weiter bezeichnet. Dabei ist die Reaktion auf diesen Fussball-Lärm so etwas wie ein Schmerzschrei, denn Lärm schmerzt – interessant dabei, dass in der Natur die sogenannten Beutetiere (Pferde, Rinder, usw) keinen Schmerzschrei von sich geben, damit sie ihren Jägern keinen Hinweis auf eine potentiell wehrlose Beute geben. Das Zulassen von nächtlichem Fussball-Fan-Lärm in Gartenbeizen ist ein direkter Angriff auf die Lebensqualität der Menschen, die in dieser Stadt wohnen – da wird die Toleranz überstrapaziert, da wird bewusst auf die gegenseitige Rücksichtnahme verzichtet. Vielleicht hat dies ja einmal mehr mit der Sprache zu tun. “Lärmschutz” heisst das Wort – andere Zusammensetzungen mit “schutz” heissen etwa Klimaschutz, Gesundheitsschutz, Denkmalschutz, Zivilschutz. Offenbar verstehen viele unter diesem Begriff, dass der Lärm zu schützen sei! Selbst die nicht als ausgeprägte Lebens- und UmweltqualitätsschützerIn bekannte Baurekurskommission musste die Verantwortlichen der Stadt Zürich darauf hinweisen, dass es neben dem Vergnügungsaspekt auch die Ansprüche der Anwohnenden zu berücksichtigen gilt, was beispielsweise zum NZZ-Titel Grenzen der «Eventitis» auf der Landiwiese geführt hat. Lärm ist ein Alarmzeichen, Lärm macht krank – selbst Fussballfan-Lärm! Warum eigentlich lässt sich Freude und Ärger nur mit Alarmsignalen ausdrücken?
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