2000-Watt-Gesellschaft: NULL – die grosse Herausforderung

2008 galt die Verpflichtung der Stadt Zürich auf die 2000-Watt-Gesellschaft als visionär. Die seither entstandenen Erkenntnisgewinne zeigen etwas deutlich: im Sinne der Zukunftsfähigkeit und zur Sicherstellung einer nachhaltigen Entwicklung verstärkt sich tendenziell die visionäre Herausforderung. Jetzt geht es um NULL, Brutto oder Netto Null fossile Energien, und dies möglichst rasch.

Um 2008 und einige Jahre danach hat die Stadt Zürich festgelegt, was genau unter 2000-Watt-Gesellschaft zu verstehen ist: eine Tonne Treibhausgase pro Person und Jahr aus dem Energieverbrauch auf Stadtgebiet inklusive Vorketten (beispielsweise beim Öl vom Bohrloch bis zum Tank) plus die bevölkerungsproportionalen Anteile aus dem Treibstoffverbrauch des Flugverkehrs, und dies im Jahr 2050. Es handelt sich dabei um sogenannte CO2-Äquivalente.

Der Vollständigkeit halber: als zweites Ziel neben den Vorgaben für Treibhausgase geht es längerfristig um die Beschränkung der mittleren Primär-Energie-Dauerleistung auf eben 2000 Watt pro Person, respektive in Zürich 2‘500 Watt bis 2050. In diesem Beitrag behandle ich in erster Linie die Überlegungen zu den Treibhausgasen, die mittlere Primär-Energie-Dauerleistung wird sicher auch wieder zum Thema.

Im Mai 2009 wurde im Dokument «Grundlagen für ein Umsetzungskonzept der 2000-Watt-Gesellschaft» die Treibhausgas-Zielsetzung für das Jahr 2150 (also hundert Jahre später als für die Stadt Zürich) auf diese eine Tonne CO2-Äquivalente pro Person festgelegt, mit dem Zwischenziel zwei Tonnen CO2-Äquivalente pro Person im Jahr 2050. Im September 2014 wurde einzig der Zeitpunkt für das Langfristziel auf 2100 verschoben, also eine Tonne CO2-Äquivalente pro Person im Jahr 2100 (Bilanzierungskonzept 2000-Watt-Gesellschaft, Kurzfassung, September 2014).

Auch wenn bereits 2012 klar war, dass für echten Klimaschutz brutto oder netto Null um 2040 bis spätestens 2050 erreicht werden müsste, was durch die Konferenz COP 21 des Weltklimarates IPCC im Dezember 2015 in Paris und später durch im Oktober 2018 veröffentlichte Berichte bestätigt wurde, war und ist nicht nur in der Schweiz oder im Kanton Zürich die Politik wesentlich langsamer.

Die Stadt Winterthur etwa hat im November 2012, rund vier Jahre nach der Stadt Zürich, ebenfalls die Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft beschlossen, Zitat: «Bis zum Jahr 2050 sollen die folgenden Ziele erreicht werden: … Die Treibhausgasemissionen werden auf 2 Tonnen CO2-Äquivalente pro Person und Jahr reduziert

Im Kanton Zürich enthält der Zweck-Paragraph 1 des kantonalen Energiegesetzes seit September 2010 in Buchstabe d) eine Klimaschutzvorgabe: «Dieses Gesetz bezweckt, … die Effizienz der Energieanwendung zu fördern und im Rahmen des kantonalen Zuständigkeitsbereiches bis ins Jahr 2050 den CO2-Ausstoss auf 2,2 Tonnen pro Einwohnerin und Einwohner und Jahr zu senken». Hier geht es um den CO2-Ausstoss, also nicht um Treibhausgase insgesamt.

Im Mai 2020, bald fünf Jahre dem Pariser Klimaschutz-Übereinkommen – bald zwölf Jahre nach der Festschreibung der 2000-Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung der Stadt Zürich, bald zehn Jahre nach Gültigkeit der CO2-Vorgabe im kantonalen Energiegesetz, bald acht Jahre nach den Beschlüssen in Winterthur zur 2000-Watt-Gesellschaft – steht immer noch alles genau so wie vor zwölf, zehn oder acht Jahren in den massgeblichen Bestimmungen der Stadt Zürich, des Kantons Zürich und der Stadt Winterthur.

So hat der Stadtrat von Zürich am 20. November 2019 die Überarbeitung der kommunalen Energieplanung auf dieser Basis beschlossen. Allerdings hat der Stadtrat dabei vergessen, dass die 2000-Watt-Gesellschaft verbunden ist mit der Verpflichtung zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung – mit den Vorgaben des Pariser Klimaschutz-Übereinkommens vom Dezember 2015 ist brutto oder netto Null spätestens 2050 zwingend. Dazu passen auch zahlreiche Vorstösse in den Parlamenten der Stadt, des Kantons Zürich und des Bundes, entsprechend den Forderungen von Klimastreiks und Klimademos, Stichwort «Fridays for Future». Entgegen den Vorgaben der Gemeindeordnung zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung sollen 2050 immer noch zwanzig Prozent der Wärmeversorgung mit den fossilen Energieträgern Erdgas und Öl abgedeckt werden, und etwa elf Prozent mit Biogas (Effizienz-Szenario, Abbildung 17 im Planungsbericht Energieversorgung).

Und dann dies: am 18. März 2020 – nur rund 120 Tage später! – hat der Stadtrat die «Klima- und Energie-Charta Städte und Gemeinden» genehmigt. Diese verlangt unter anderem: «Die gesamte Energieversorgung (Primärenergie, d.h. inklusive Vorkette) auf Gemeindegebiet umfassend Strom, Wärme, Kälte, Mobilität und Prozessenergie bis spätestens 2050 auf Energiequellen umstellen, die 100 % erneuerbar sind und keine Treibhausgase mehr emittieren.»

Energieplanung und Klima- und Energie-Charta passen nicht zusammen: die Energieplanung hat eine Perspektive von fünfzehn Jahren. Sie beeinflusst in diesem Zeitraum Entscheide von Gebäudeeigentümerschaften etwa zu Wärmeerzeugungsanlagen mit einer technischen Nutzungsdauer von etwa zwanzig Jahren. Fünfzehn plus zwanzig Jahre ausgehend vom Jahr 2020, dies bedeutet also Wirkungen bis mindestens 2055 – brutto oder Netto Null sollte schon Jahre vorher erreicht sein, also ist die Energieplanung mit Beschlussdatum vom 20. November 2019 offensichtlich illegal (Zitat aus dem Buch «Null Öl. Null Gas. Null Kohle.» von Marcel Hänggi: «Eine unzureichende Klimapolitik ist illegal», gestützt auf das Gutachten Paris-Abkommen. Menschenrechte und Klimaklagen).

Offenbar hat dabei auch die politische Herkunft der zuständigen StadträtInnen einen erheblichen Einfluss: während der Verwaltungsratspräsident der Energie 360° AG Mitglied der FDP (heisst irgendwie «Fuck de Planet»-Partei oder so) ist, hat der Vorsteher des städtischen Finanzdepartements, der Grüne Daniel Leupi, die Sache wesentlich anders konkretisiert. Am 4. Februar 2020 wurde die «Strategische Planung 2020 bis 2023: Klima- und Umweltziele» des Finanzdepartements der Stadt Zürich vorgestellt. Ein längeres Zitat aus der Medienmitteilung: «Unter anderem soll bis 2030 die CO2-neutrale Versorgung der städtischen Wohnsiedlungen mit zu 100 Prozent erneuerbarer Energie umgesetzt sein. Die städtischen Rechenzentren sollen ökologisch und energieeffizient genutzt werden. Zudem werden Anleihen der Stadt Zürich am Kapitalmarkt als grüne Investitionen positioniert.» Dies entspricht den Vorgaben der Klima- und Energie-Charta für stadteigene Einrichtungen.


Mit hoher Wahrscheinlichkeit mitbeeinflusst durch die Klimastreiks ausgehend von Greta Thunberg ist auch in der Schweiz einiges in Bewegung geraten, zusätzlich zu den zahlreichen politischen Vorstössen in den legislativen Gremien.

Der Bundesrat hat am 28. August 2019 Netto Null 2050 für die Schweiz beschlossen, Zitat: «Ab dem Jahr 2050 soll die Schweiz unter dem Strich keine Treibhausgasemissionen mehr ausstossen. Damit entspricht die Schweiz dem international vereinbarten Ziel, die globale Klimaerwärmung auf maximal 1,5 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen.»

Das Bundesamt für Energie hat im Oktober 2019 in Dokument «Künftige Rolle von Gas und Gasinfrastruktur in der Energieversorgung der Schweiz» sinngemäss festgehalten: «Langfristig ist der Einsatz von Erdgas – unter Beimischung von Biogas – im Gebäudebereich NICHT sinnvoll.»

«Alternative, erneuerbare Brenn- und Treibstoffe (beispielsweise Biogas, synthetische Gase oder flüssige Treibstoffe) langfristig nur für ganz gezielte Einsatzzwecke vorsehen – sie werden auch 2050 nur limitiert zur Verfügung stehen, beispielsweise für Hochtemperaturprozesse in der Industrie, saisonale Speicherung von Strom oder die Luft-/Seeschifffahrt.» steht in der Klima- und Energie-Charta (siehe oben).

Damit wird offensichtlich: eine im November 2019 festgesetzte Energieplanung, die für die Wärmeversorgung 2050 der Stadt Zürich vierzehn Prozent Erdgas und elf Prozent Biogas vorsieht, entspricht in keiner Art und Weise einer Konkretisierung der nachhaltigen Entwicklung. Eine solche Energieplanung steht gegen die Interessen der Stadt Zürich und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.


Die Klima- und Energie-Charta nennt die 2000-Watt-Gesellschaft als «etabliertes Konzept». Die Charta wurde von der Fachstelle 2000-Watt-Gesellschaft entworfen, wird aber vom Klima-Bündnis Schweiz getragen.

Mitte der Nuller-Jahre wurde klar, dass der Begriff «Nachhaltige Entwicklung» konkretisiert werden musste. Die Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft boten sich dazu an, mit Zielwerten für die Treibhausgasemissionen und die mittlere Primär-Energie-Dauerleistung. Rund zehn bis fünfzehn Jahre später entstand die «Klima- und Energie-Charta Städte und Gemeinden». Da stellt sich die Frage, ob in der üblicherweise schnelllebigen Gesellschaft selbst Nachhaltigkeitsvorgaben eine begrenzte Nutzungsdauer haben, einerseits braucht es Anpassungen an neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, andererseits haben viele Dinge in der Gesellschaft leider die Tendenz, recht schnell zur sinnentleerten Worthülse zu verkommen.

Die Diskussion sowohl über Begriffe als auch über die Ziele der nachhaltigen Entwicklung darf nicht davon ablenken, dass «schnelle, weitreichende und beispiellose Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft» erforderlich sind, um die Klimaerhitzung auf ein für die Menschheit und die Umwelt erträgliches Mass zu begrenzen.

Ein fundamentaler Unterschied zu den Ausgangsdiskussionen über die 2000-Watt-Gesellschaft: damals wurde davon ausgegangen, dass netto oder brutto Null Treibhausgase wenn überhaupt in sehr ferner Zukunft erreicht werden müsste, also noch lange tendenziell immer weniger fossile Brenn- und Treibstoffe zur Verfügung stehen könnten. Derzeit ist demgegenüber offensichtlich, dass die Null um 2040 bis spätestens 2050 zu erreichen ist.

Als Erkenntnis hat sich weiter ergeben, dass für eine zukunftsfähige Entwicklung eine Anpassung an die Klimaerhitzung erforderlich ist; zudem dürften Entnahmen von Treibhausgasen aus der Atmosphäre verbunden mit dauerhaften Rückhaltungen notwendig werden. Auch wenn in den letzten Jahrzehnten einiges getan wurde: da hat offensichtlich mindestens eine Generation versagt und zu wenig für eine nachhaltige Entwicklung getan. Im Interesse der EnkelInnen und UrenkelInnen braucht es deutlich mehr – möglichst rasch NULL! Da muss die Politik zwingend mittun!

Der Schweizerische Nationalfonds hat Anfang 2020 festgehalten: «Aussteigen [aus der Kernenergie und der CO2-intensiven Energiewelt] ist möglich… wenn wir wollen, und dies sogar wirtschaftlich und sozial verträglich» – Ergebnisse der Nationalen Forschungsprogramme “Energiewende” (NFP 70) und “Steuerung des Energieverbrauchs” (NFP 71), vorgestellt am 14. Januar 2020.

Ich werde weiterhin beispielsweise mit der werkstatt.zweitausendundeinwatt dazu beitragen, dass die NULL möglichst rasch erreicht wird.

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