SVP: von Bildung keine Ahnung!

Von Erziehung und Ausbildung, bewährten Werten, Disziplin und Ordnung schreibt die SVP in ihrer Bildungsresolution vom 23. August 2008 als Auftrag für die Ausarbeitung eines neuen Bildungsleitbildes – und signalisiert damit eindeutig, dass sie von der Bildung keine Ahnung hat. Einige Tage später, am 26. August, stellte das NFP 52 den Bericht Kindheit und Jugend in der Schweiz. Die zentralen Ergebnisse (als Zitat aus der Medienmitteilung, Link siehe oben):
  • Eine eigenständige und gefestigte Persönlichkeit entwickeln Kinder, deren Eltern einen Erziehungsstil pflegen, der sich durch hohe emotionale und kognitive Qualität auszeichnet, die Entdeckung neuer Lebenswelten unterstützt und die Kinder an Entscheidungen teilhaben lässt. Diese Kinder sind aufmerksamer und weniger aggressiv, können ihr Verhalten besser kontrollieren und richten es auf das Wohlergehen anderer aus.
  • Eine mit Bestrafungen und Sanktionen operierende Erziehung führt nicht zu dem gewünschten Ergebnis.
  • Wenn nun die SVP “Disziplin und Ordnung” als Grundsatz des Bildungssystems verlangt, signalisiert sie damit, dass sie nicht an eigenständigen und gefestigten Persönlichkeiten interessiert ist – das entspricht ja auch tatsächlich dem Bild, welches die SVP in der Öffentlichkeit vermittelt. Die SVP spricht zudem systematisch von “Ausbildung” – und dies als wiederholte Wortwahl in einem Bildungspapier. Ausbildung meint (gemäss Wikipedia) die standardisierte Vermittlung von anwendbaren Fertigkeiten, die zumeist der gewerblichen Berufsausübung dient. Dieser Begriff fokussiert zudem auf jener Person, die diese Ausbildung vermittelt, aus der Sicht des “Auszubildenden” geht es um das Lernen – Lernender/Lernender ist deshalb auch die treffende Bezeichnung (was doch nur schon die Wortwahl mitteilt). Bildung ist ein qualitativer Wert und meint das Schaffen von Grundwerten, damit jeder Mensch sein Menschsein – eigenständig, nach eigenen Vorstellungen und auf das Wohlergehen der andern Menschen – gestalten kann, ein Vorgang, welcher das ganze Leben dauert (dazu ein Spruch: Wer meint, er oder sie sei fertig ausgebildet, ist eingebildet). Erziehung hat daran einen Anteil, sicher auch Ausbildung – darum ist es ausgesprochen problematisch, wenn die SVP Erziehung auf die Eltern und Ausbildung auf die Schule beschränkt. Hier ist zu verlangen, dass alle Beteiligten – dazu gehören z.B. auch Verwandte, Bekannte, Freunde (sowohl der Eltern als der Kinder/Jugendlichen), in der Öffentlichkeit stehende Personen aus Politik, Sport und Kultur – wissen, dass sie durch Wort und Tat einen Beitrag zur Bildung anderer Menschen leisten. Wer wie die SVP will, dass Erziehung und Ausbildung so streng getrennt sind, ist offenbar daran interessiert, Bildungsferne zu kultivieren – auch das passt ja eigentlich zum Bild, dass die SVP in der Öffentlichkeit vermittelt. Spannend auch, dass die SVP ihre Bildungspolitik negativ definiert, nämlich durch Abgrenzung von den 68ern. Abgesehen davon, dass in den 40 Jahren seit 1968 diverse gesellschaftliche Haltungen ihre Spuren hinterlassen haben, konzentriert die SVP ihre Kritik auf die Reformaktivitäten. Eine gewisse Zurückhaltung im Veränderungstempo scheint zwar manchmal angezeigt, andererseits sind die Herausforderungen an die heutige Zeit schlicht andere als in der 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Der menschgemachte Klimawandel, die grosse Bedeutung von Medien in teilweise neuen Formen (Internet), die Omnipräsenz der Elektronik in allen Lebensbereichen sind Herausforderungen, die auch bildungsmässig neue Zugänge erfordern. Mit dem Rückfall hinter die Reformbestrebungen der 68er würden Erziehung und Ausbildung junge Menschen in keiner Form auf das Leben in der heutigen Zeit vorbereiten. Eine höchst fragwürdige Sache – oder ist die SVP an manipulierbaren Menschenmassen interessiert, um ihre Diktaturgelüste befriedigen zu können? Diese SVP-“Bildungspolitik” ist in ihrer Summe sehr gefährlich, da sie nicht die jungen Menschen im Bild hat, sondern die Machtentfaltung der konservativen Kräfte (bei allem Respekt vor bewahrenden Aspekten zum Beispiel gegenüber der Schöpfung – nur genau diesen Aspekt meint die SVP in ihrer Politik nicht). Als alternativer Denkansatz: die Forderung des Bildungsexperten Howard Gardner. Für das Überleben benötige die Menschheit fünf Intelligenzen: die disziplinierte, die synthetisierende, die kreative, die respektvolle und die ethische Intelligenz, siehe ein Beitrag aus dem Credit Suisse Fokus. Die SVP-“Bildungspolitik” kann diesen Ansprüchen mit Sicherheit nicht genügen. P.S. Die Schweiz hat 26 verschiedene Schulsysteme, mit unterschiedlichen Einstiegsaltern, Stufenwechseln, Lehrmitteln, Fächerkatalogen usw. Gerade die SVP verlangt von den Arbeitnehmenden eine hohe Flexibilität in der beruflichen Mobilität. Damit all jene Kinder, die wegen den wirtschaftlichen bedingten (und auch von der SVP gewollten) Jobwechseln ihrer Eltern den Schulort wechseln müssen, wenigstens etwas bessere Chancen haben, ist eine Harmonisierung des Schulwesens im Sinne von HarmoS eine zwingende Notwendigkeit.
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