Denkmalschutz denk mal Klimaschutz

„Die Gegenwart“ hat die Verpflichtung, kommenden Generationen die Denkmäler im ganzen Reichtum ihrer Authentizität weiterzugeben. So steht es in der Präambel der Charta von Venedig – eine der Kernaussagen zum Denkmalschutz. Nachdem die gebaute Umwelt für einen erheblichen Teil des Energieverbrauchs – und damit für den Mensch gemachten Klimawandel – verantwortlich ist, ergibt sich die Titelfrage „Denkmalschutz denk mal Klimaschutz“ fast von selber. Der Zürcher Bauingenieur Urs Räbsamen, bekannt als Erhalter und gleichzeitig Erneuerer von alten Häusern, insbesondere halb verfallenen Restaurants wird im Tages-Anzeiger vom 9.4.2011 (leider nicht im offenen Internet verfügbar) porträtiert. Urs Räbsamen will bei der Erneuerung der Bauten den Minergie-Standard erreichen, er will auch erneuerbare Energien nutzen können – und stösst dabei regelmässig bei den Denkmalschutzbehörden auf Widerstand. Diverse Untersuchungen zeigen: wenn ein bestehendes Gebäude auf einen sehr guten energetischen Standard (heisst Level Minergie-Neubau) gebracht werden kann, ist dies unter Berücksichtigung der grauen Energie für Neubau und Erneuerung gleichwertig wie ein Ersatzneubau auf Minergie-P-Niveau. Jede andere Variante ist unter Nachhaltigkeitsanspekten nachteilig. Das heisst: Bauten mit baukultureller Bedeutung sind dann erhaltenswert, wenn es gelingt, den Energieverbrauch gegenüber dem heutigen Zustand deutlich zu vermindern. Daraus ergibt sich die Frage nach der Authentizität eines Denkmals. Gerade bei älteren Wohnbauten, aber auch bei anderen baukulturell bedeutsamen Gebäuden ist davon auszugehen, dass die heutige Nutzungsweise erheblich von der Nutzweise in der Erstellungszeit abweicht. Einige kleine Elemente davon: früher war der Erdgeschoss-Teil der zentrale Ort eines Gebäudes (kommt im englischen „First Floor“ treffend zum Ausdruck). Nach oben nahm die Bedeutung der Räume ab – ganz oben lagen die Dienstbotenräume und dann die gewaltigen Dachräume, bestenfalls als Abstellräume genutzt. Fliessendes Warmwasser in Küchen und Badezimmern ist eine eher neue Errungenschaft, auch die Beheizung des gesamten Gebäudevolumens ist neuzeitlich: früher wurden die zentralen Räume mit einem innenliegenden Kachelofen beheizt, angrenzende Räume allenfalls über offene Türen und Luken mitgeheizt – in den Schlafräumen musste ein Chriesisteinsack ausreichen, um das Bett etwas anzuwärmen, bevor die Körperwärme unter der schützenden Decke ausreichend war für ein gutes Schlafklima. Die riesigen Dachräume waren energetisch betrachtet Pufferräume – im Winter gegen die Winterkälte, im Sommer gegen die Hitze. Der Innenraum-Platzanspruch einer Person war deutlich geringer – viele der beruflichen und privaten Aktivitäten fanden zudem ausserhalb des Gebäudes mit erhöhter körperlicher Aktivität statt. Und um die Häuser herum – das zeigen auch die ersten Photos, gab es bis noch nicht so weit zurück keine Autos, gab es wenig öffentliche Verkehrsmittel, gab es allenfalls Pferdefuhrwerke! Die Erhaltung der Baukultur hat also vorerst musealen Charakter. Denkmalschutz produziert potekimsche Häuser! Authentizität ist also sehr stark zu relativieren. Dass beispielsweise Kirchen eine erhöhte baukulturelle Bedeutung haben, ist durchaus anerkannt. Gerade aus dem Glauben heraus besteht allerdings ein erhöhtes Verantwortungsgefühl gegenüber der Schöpfung. Aus dieser Verantwortung heraus entsteht bei vielen Kirchgemeinden die Absicht, die riesigen, gut Richtung Sonne orientierten Dachflächen zur Produktion von Solarstrom zu nutzen. Es ist nicht einsehbar, warum der Denkmalschutz solchen Anliegen entgegenstehen soll. Oder anders: es ist willkürlich, anzunehmen, dass die damaligen ErstellerInnen dieser Bauten Sonnenenergie nicht genutzt hätten, wenn der Strombedarf vorhanden und die Photovoltaik zur Verfügung gestanden hätte. Denn: Baukultur war IMMER eine Reaktion auf die Bedürfnisse der Zeit! Elektrische Lautsprecher-Anlagen sind eine Erfindung der Neuzeit, auch der elektromotorische Antrieb des Windwerks für den Betrieb einer Orgel ist neueren Datums. Auch hier ist Authentizität willkürlich festgelegt: warum ist der Elektroantrieb für das Windwerk mit dem Authentizitäts-Anspruch vereinbar, die Photovoltaikanlage – für den Betrieb dieses „neumödigen“ Elektroantriebs aber nicht? Die zentrale Frage: Warum soll die Bauleistung früherer Zeiten baukulturell bedeutsamer sein als eine aktuelle Bauleistung? Besonders fraglich ist dies bei Bauten aus der Hochkonjunkturzeit, mitverantwortlich für die massive Steigerung des Energieverbrauchs. Warum sollen nicht energetisch verbesserbare Energieschleudern mit offensichtlichen bauschadenträchtigen Mängeln, die sowohl im Winter wie im Sommer keinen behaglichen Aufenthalt ermöglichen, überhaupt als baukulturelle Leistung bezeichnet werden? Exemplarisch: wie kann in einem Schulhaus, welches aus baukulturellen Gründen als Energieschleuder gehätschelt wird, ein glaubwürdiger Umwelt- und Klimaschutzunterricht stattfinden? Das Zürcher Rathaus gibt ein weiteres Beispiel ab für die neuen Denkanstösse, die der Denkmalschutz braucht. Die baukulturelle Realisierung ist geprägt durch die ständische frühere Zunftverfassung der historischen Stadt Zürich, entstanden kurz vor der französischen Revolution – für einen demokratieorientierten Ratsbetrieb ist dieses Gebäude denkbar ungeeignet. Auch hier wieder könnte ein zeitgemässer Neubau – als Haus der Demokratie – wichtige Zukunftsakzente setzen!
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