Klimaschutz: Neues Denken und Wollen

Zielführender Klimaschutz erfordert, dass die Menschen in wohlhabenden Ländern vieles, was derzeit als «normal, nützlich und notwendig» gilt, in Frage stellen und neu denken. Nur wenn Menschen davon überzeugt sind, dass es auch zukünftig neue Dinge gibt, die als «normal, nützlich und notwendig» betrachtet werden, und die weiterhin ein gutes Leben ermöglichen, sind sie bereit, in vielen Lebensbereichen diesen «System Change» anzugehen, mitzutragen und voranzubringen.

Klimaschutz wird seit mehr als 40 Jahren postuliert, mit zunehmender Dringlichkeit. Nach wie vor gibt es sehr viele Kräfte, die von dem, was heute als «normal, nützlich und notwendig» gilt, profitieren. Diese Kräfte setzen alles daran, dass die für den Klimaschutz erforderlichen Veränderungen zögerlich oder überhaupt nicht angegangen werden – und sie rechnen mit der Bequemlichkeit der handelnden Menschen.

Neben «Public Relations» ist auch Verunsicherung ein wichtiges Element, damit neue Dinge möglichst zögerlich den Status von «normal, nützlich und notwendig» erreichen. Denn: damit Menschen Veränderungen angehen, braucht es einfache Botschaften und klare Handlungsaufforderungen.

Zentral für die Zukunft: die unbegrenzt verfügbaren erneuerbaren Energien sind mit möglichst wenig Gesamt-Aufwand in Nutzenergie überzuführen.

Ein erstes Beispiel: Autos werden heute meist mit Treibstoffen fossilen Ursprungs (Diesel, Benzin) angetrieben. Neben den Emissionen an Treibhausgasen tragen Autos in massgeblichem Umfang zur Luftverschmutzung bei und verursachen erheblichen Lärm. Auch werden wertvolle und begrenzte Ressourcen verwendet. Auch wenn die Nutzung von Autos zur Mobilitätsabdeckung nicht zwingend erforderlich ist, ist die Erhaltung von Autos als Fortbewegungsmittel derzeit offenbar eine emotionale Erfordernis – oder eben, Autos sind für viele «normal, nützlich und notwendig». Somit wird derzeit in erster Linie über andere Antriebskonzepte für Autos geforscht und intensiv darüber diskutiert. Elektroautos, Autos, die mit Wasserstoff oder Gas betrieben werden, stehen dabei im Vordergrund.

Umfassende Ökobilanzierungen sind ein häufig verwendetes Argumentarium – es geht darum, nicht nur den CO2-Fussabdruck zu vermindern, sondern den gesamten ökologischen Fussabdruck.

Anfang Dezember 2019 wurde in Schweden die zweite Version einer Studie des IVL Swedish Environmental Research Institute zu den ökologischen Auswirkungen von elektrischen Autobatterien veröffentlicht. Die dabei ermittelten 61 bis 106 kg CO2-Äquivalente pro kWh Speicherkapazität waren dabei um etwa Faktor 2 tiefer als die Angaben der ersten Version, die vor zwei Jahren erstellt wurde. Die erste Version lieferte numerische Argumente gegen Elektrofahrzeuge, mit der zweiten Studie ist dies kaum mehr möglich. 

Ebenso zeigt sich, dass mit Ökobilanzierungen sehr sorgfältig umzugehen ist. Wie bei finanziellen Bilanzen sind auch bei Ökobilanzen gute Angaben über die bereits erfolgten Tätigkeiten möglich. Darstellungen der aktuellen Situation oder gar Aussagen zur Zukunft sind mit Bilanzierungen schlecht realisierbar.

Klar ist: Strom aus erneuerbaren Quellen sowohl bei der Produktion als auch beim Betrieb der Autos und ein möglichst geschlossener Ressourcenkreislauf sorgen dafür, dass elektrisch angetriebene Fahrzeuge teilweise erhebliche ökologische Vorteile gegenüber anderen Antriebssystemen aufweisen.

Somit haben Wissenschaft, Politik und Wirtschaft dazu beizutragen, dass gezielt Innovationen in den relevanten Bereichen erfolgen. Ebenso ist es erforderlich, Transparenz über die erreichte Ökologisierung sicherzustellen.

Dies führt zu einer relativ einfachen Botschaft: Wenn du tatsächlich ein eigenes Auto brauchst, weil die Füsse, das Velo, der öffentliche Verkehr, Sharing-Konzepte und so weiter nicht ausreichen, dann soll es ein möglichst kleines Fahrzeug mit ausschliesslich elektrischem Antrieb sein, betrieben mit zertifiziertem Ökostrom.  


Ein zweites Beispiel: Erdgas galt (und gilt teilweise immer noch) als ökologischere Wahl im Vergleich zu Erdöl. Dies führt zu internationalen Auseinandersetzungen, ob die Abhängigkeit von Russland (Nord Stream 2) oder von der USA (Flüssiggas) für Europa vorteilhafter sei – der Klimaschutz geht dabei schlicht vergessen.

Für den Klimaschutz ist es notwendig, raschmöglichst aus den fossilen Energieträgern, somit auch Erdgas, auszusteigen. Raschmöglichst heisst hier allerspätestens 2050, mit einem möglichst schnellen und mindestens linearen Absenkpfad.

Biogas – aus biologisch abbaubaren Reststoffen hergestellt – wird bereits genutzt. Auch wenn noch Potenzial vorhanden ist, reicht dies bei weitem nicht aus, um das fossile Erdgas zu ersetzen. Physikalisch ist es möglich, unter Einsatz von Strom ein brennbares Gas herzustellen, welches zu Methan oder flüssigen Brenn- und Treibstoffen weiterverarbeitet werden kann (Begriffe wie Power-to-Gas (PtG, P2G), Power-to-Fuel (PtF, P2F), Power-to-X (PtX, P2X) werden dabei verwendet). Zur Sicherstellung des Klimaschutzes ist dazu ausschliesslich Strom aus erneuerbaren Quellen zu verwenden – wer allerdings wie häufig bei derartigen Diskussionen von «überschüssigem» Strom spricht, hat zumindest energiewirtschaftlich keine Ahnung.

Sowohl das beschränkte Biogas-Potenzial als auch die sehr aufwändigen P2X-Prozesse führen zu erheblichen Diskussionen über das realistische Potenzial von solchen Energieträgern.  Derzeit ist erkennbar, dass P2X-Anwendungen am ehesten in der Luftfahrt, in der Schifffahrt und allenfalls bei Strassentransporten Verwendung finden könnten. Offen sind auch die Chancen bei der Wirkungsgradverbesserung der diversen P2X-Prozesse – und damit auch die Frage, ob es sich bei Gasen dieser Art um eine Brückentechnologie, eine Zukunftstechnologie oder um eine Sackgasse handelt.

Zwei Zitate zeigen die Schwierigkeit von einfachen Botschaften – eine solche könnte etwa sein, dass Gase für die Beheizung und die Warmwasserversorgung von Bauten keine Zukunft haben.

  • Das Bundesamt für Energie hat im Oktober 2019 das Dokument «Künftige Rolle von Gas und Gasinfrastruktur in der Energieversorgung der Schweiz» veröffentlicht. Unter Punkt 9 ist zu lesen: Kurz- bis mittelfristig ist der Einsatz von Erdgas – unter Beimischung von Biogas – im Gebäudebereich sinnvoll. Langfristig jedoch nicht. Oder wie im Einleitungsbild dieses Blogbeitrages zu lesen: Langfristig ist der Einsatz von Erdgas – auch unter Beimischung von Biogas – im Gebäudebereich nicht sinnvoll.
  • Der WWF Schweiz hat im März 2019 ein Factsheet «Erdgas – Biogas – Power-to-Gas. Potenziale, Grenzen, Infrastrukturbedarf» veröffentlicht. Eine der Aussagen fast am Schluss des Factsheets: Der WWF Schweiz erwartet oder fordert nicht den vollständigen Rückbau des Gasnetzes. Wir weisen lediglich darauf hin, dass bislang von der Gaswirtschaft kein hinreichend belegtes Szenario und erst recht keine überzeugende Strategie vorliegt, wie die Gasversorgung auf heutigem oder bloss leicht reduziertem Absatzniveau innert zwei Jahrzehnten nahezu vollständig dekarbonisiert werden könnte. Das Gasnetz wird so zu einer tickenden Klimabombe. 

Andererseits besteht eine ausreichende Zahl von Studien, die belegen, dass Gase unabhängig von der Herkunft nicht für Zwecke der Beheizung und der Warmwasserversorgung von Bauten erforderlich sind. Es gibt ausreichende und vielfältige Alternativen mit langfristig nachhaltiger Bilanz gerade im Gebäudebereich.

Diese Situation führt dazu, dass die Gasdebatte vor  allem ein Marketing-, allenfalls gar ein Campaigning-Thema ist – und noch nicht die Stufe erreicht hat zu verlässlichen Aussagen mit zukunftsfähiger Ausrichtung, die als «nützlich, normal und notwendig» dienen können. Dies führt zu Vorteilen für jene Kräften, die finanziell von der heutigen, fossil-lastigen Situation profitieren – wirklich zukunftsfähig ist dies nicht (und auch dies schon seit langen Jahren). 

Letztlich geht es darum, den Verbrauch von dauernd oder regelmässig gelieferten Energien – aus Erdöl, Erdgas oder P2X, aber auch Strom – zu minimieren und einen möglichst hohen Anteil an Energie vor Ort zu produzieren. Bisherige Energie-KonsumentInnen werden zu Energie-ProsumentInnen. Dies führt in der Regel zu höheren Investitionskosten und tieferen Energiekosten, in den meisten Fällen eine langfristig lohnende Sache.   

 

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