3.14159265359 – mehr MINT?

3.14.15 9:26:53.59 – eine Datums- und Zeitangabe aus den USA. Auf den zweiten Blick: die Kreiszahl π (Pi), mit elf Stellen nach dem Komma, also 3.14159265359. Pi Day, Pi-Tag, sogar Pi-Moment wird dieser spezielle Zeitpunkt genannt. Als inoffizieller Feiertag soll der Pi Day für die Mathematik werben, soll hinweisen auf die Faszination der Mathematik. Dies ist durchaus beachtenswert in einer Zeit, die über den Mangel an MINT-SpezialistInnen klagt, die gleichzeitig zumindest in Teilen der Gesellschaft und Politik die Geisteswissenschaften, die GeisteswissenschafterInnen diffamiert.

MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, respektive für Aus- und Weiterbildungsfächer in diesem Bereich. Ich selber habe vor über dreissig Jahren meine Grundausbildung mit einem heute als Fachhochschulabschluss bezeichneten Diplom im Bereich der Technik abgeschlossen, mit starken Bezügen zu Mathematik, zu Informatik und einiges an Naturwissenschaften.

Wie sich meinem Blog entnehmen lässt, beschäftige ich mich beruflich und privat sehr intensiv mit Energiethemen, darauf aufbauend mit Klima- und Umweltschutz. Meine MINT-Kenntnisse sind dabei immer von grossem Nutzen – gefragt sind objektiverweise allerdings ganz andere Kenntnisse, wenn es um Energie- und Klimaschutz geht. Realistischerweise stören MINT-Kenntnisse ziemlich häufig, wenn es um Kommunikation und Politik im Energiebereich geht.

Die Voten der PolitikerInnen etwa zur Energiestrategie 2050 (des Bundes), die Diskussionen um Energiesteuern und Energieabgaben, die Medienartikel, die sich vorgeblich mit Energie- und Klimaschutzthemen beschäftigen, zeigen eines deutlich: es braucht erstens viel mehr Geistenswissenschaft, insbesondere bei MINT-Fachleuten, zweitens braucht es tatsächlich mehr MINT bei allen Ausbildungen, und drittens braucht es eine Flurbereinigung bei den sich wichtig gebenden, hoch irrationalen und durchgehend metaphysischen Wirtschaftswissenschaften.

Aus MINT-Sicht ist eine offensichtlich bewältigbare Herausforderung, in überblickbaren Zeiträumen sowohl aus der Atomenergie als auch aus den fossilen Energien auszusteigen. Es braucht ganz einfach klare Zielvorgaben, damit alle Beteiligten wissen, was zu tun. Von MINT-Seite liegen diese Aussagen auf dem Tisch, jetzt braucht es, wie immer bei allen Herausforderungen, eine interdiziplinäre Anstrengung, um die Umsetzung anzugehen.

Dabei wird es darum gehen, zum Beispiel Unternehmen, die bis anhin auf fossile Brenn- und Treibstoffe, auf Atomenergie gesetzt haben, davon zu überzeugen, dass diese Herausforderungen anzugehen ist, dass diese Herausforderung bewältigbar ist, dass eine solche Herausforderung ökonomisch und sozial verträglich umsetzbar ist. Vielleicht könnte dabei helfen, die Frage zu stellen, welche ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen zu erwarten sind, wenn NICHT aus der Atomenergie, wenn NICHT aus den Fossilen ausgestiegen wird. Das braucht wie gesagt interdisziplinäre Vorgehensweisen, MINT allein schafft dies nicht.

Es wird darum gehen, Hauseigentümerschaften davon zu überzeugen, dass es für jedes Haus einen Transformationspfad braucht, damit bis in etwa 30 bis 40 Jahren jedes Haus ohne Atomstrom und ohne fossile Energien funktioniert. Und dies trotz zetternden, MINT-freien Verbänden sowohl auf der Hauseigentümerschafts- als auch auf der MieterInnen-Seite.

Wissen Sie, wie ein Computer funktioniert? Wissen Sie, wie ein Automotor funktioniert? Kennen Sie den Unterschied zwischen einer Wärmepumpe und einem Kühlschrank? Und zwar sehr präzise. Im übrigen: Auch sehr viele MINT-Fachleute können diese Fragen nicht im Detail beantworten.

Es braucht dieses präzise Wissen nicht, um Computer zu nutzen, um mit Autos und anderen motorisch angetriebenen Fahrzeugen zu fahren. In jeder Wohnung steht ein Kühlschrank, in immer mehr Gebäuden stehen Wärmepumpen. MINT erbringt Dienstleistungen, hat zulieferenden Charakter. Durch diesen Graben zwischen MINT-Detailkenntnissen und alltäglicher MINT-loser Nutzung haben viele MINT-Fächer den Charakter von unverständlichen Geheimwissenschaften erhalten. Etwas plump: es scheint, als sei das MINT-Ansehen bei vielen MINT-NutzerInnen auf dem Niveau des Erschreckens beim ersten Blick auf die gerade ausgeteilte Mathematik- oder Physikprüfung zu Schulzeiten stehen geblieben. MINT hat auch den Ruf, für jedes Problemchen eine (technische) Lösung zu finden. Allerdings kann dies auch weiter gedacht werden. Dazu passend ein Spruch «Computer werden dazu verwendet, Probleme, die es ohne Computer nicht geben würde, zu lösen». Der heutige Umgang mit MINT zeigt, dass Herausforderungen nicht angegangen werden, sondern häufig nur Murksansätze umgesetzt werden, um Symptome von Fehlentwicklungen versuchsweise in den Griff zu bekommen.

Echte Lösungen würden auf anderen Wegen gesucht, zuerst mit ziemlich viel mehr Geisteswissenschaften, etwa mit den Ansätzen von Verhaltens-, Sozial- und Umweltpsychologie, mit kommunikativen Anstrengungen. Ebenso wäre intensiv an ökonomischen Gedankenwelten zu arbeiten. So gilt es etwa immer noch als akzeptabel, kurzfristige (finanzielle) Vorteile zu realisieren, statt nachweislich nachhaltige Lösungen zu realisieren: Oel- und Gasheizungen sind etwa billiger zu einzubauen als Lösungen mit erneuerbaren Energien. Wie sich Oel- und Gaspreise längerfristig entwickeln, ist nicht bekannt. Mit Sicherheit wird mittel- bis längerfristig die Nutzung erneuerbarer Energien billiger.

Wer wie etwa die SVP mehr MINT fordert und gleichzeitig die Geisteswissenschaften in Frage stellt, ist nicht an zukunftsgerichteten Lösungen interessiert, sondern profitiert von Symptombekämpfungen. Dies ist objektiv Missbrauch der MINT-Möglichkeiten. Solange etwa der Mensch gemachte Klimawandel ignoriert und eine glaubwürdige Energie- und Klimaschutzpolitik verhindert wird, stellen Forderungen nach mehr MINT gesellschaftlichen und politischen Missbrauch dar.

Die Erfahrungen sowohl im beruflichen wie im privaten Bereich zeigen, dass «weiches» Know-how wichtiger ist als fachspezifischen (MINT-)Wissen – Projekt-Leadership, Projekt-Wissensmanagement, Kommunikations- und Didaktikfähigkeiten, Glaubwürdigkeit, Denken in Varianten, Lösungs- statt Problemorientierung, Beharrlichkeit als Stichworte, und immer «So einfach wie möglich, aber nicht einfacher» von Albert Einstein im Blick! Die Diskussionen über Nudging – libertärer Paternalismus, Anstossen kluger Entscheidungen – etwa zeigt, dass es einmal mehr nicht um MINT geht, sondern um den Menschen. Und da braucht es die Geisteswissenschaften; die MINT-Szene kann dabei unterstützend mitwirken!


Nachsatz: Vom technischen Prinzip her gibt es keinen Unterschied zwischen Wärmepumpe und Kühlschrank. Bei beiden Maschinen geht es um den gleichen Kreislauf eines durch Wärmezufuhr verdampfenden Arbeitsmittels, die Druckerhöhung im Kompressor und die Wärmeabgabe mit anschliessender Druckentspannung. Beim Kühlschrank resultiert durch die Wärmezufuhr an das Arbeitsmittel eine Abkühlung im Innern des Kühlschranks, bei der Wärmepumpe wird die Wärmeabgabe aus dem Kreisprozess z.B. Heizungswasser erwärmt. Beim Kühlschrank wird die entstehende Wärme an die Küchenumgebung abgegeben, bei der Wärmepumpe wird die Wärmequelle (z.B. Aussenluft, Flüssigkeit in der Erdsonde) abgekühlt. Eine Wärmepumpe ist also nicht einfach ein umgekehrt laufender Kühlschrank – bei der Wärmepumpe interessiert die abgegebene Wärme der Technik, beim Kühlschrank die der Technik zuzuführende Wärme. Eine MINT-Herausforderung wäre es etwa, die beiden Nutzungen zu kombinieren, und die Abwärme des Kühlschrankes für Heizzwecke zu nutzen, und alles so einfach wie möglich und damit auch kostengünstig zu realisieren.

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