Aussagen über die Zukunft werden auch im Energiebereich häufig mit Szenariorechnungen begründet, klassischen «Wenn-Dann»-Aussagen also. Dies trifft auch für die Szenarien zu, die von Anton Gunzinger und den Mitarbeitenden Supercomputing Systems AG nahezu ausschliesslich für die Stromversorgung der Schweiz erstellt worden sind. Die «Wenn»-Kataloge sind jeweils sehr lang, und viele der Massnahmen lassen sich nicht aus der Vergangenheitsentwicklung ableiten. Diese erforderlichen Brüche sind es denn auch, die im wenig innovativen Energiewirtschaftsumfeld zu Aussagen wie «völlig unrealistische Annahmen». «Kraftwerk Schweiz» bestätigt – wie beispielsweise bereits die ETH-Studie «How Rich Is The 2000 Watt Society», dass es gut begründete zukunftsverträgliche Lösungen gibt, die ohne Fossile und Nuklearenergie auskommen, und die volkswirtschaftlich vergleichbar sind mit «business-as-usual»-Szenarien. Dies ist nicht weiter verwunderlich, weil die Energiekosten nur einen tiefen einprozentigen Anteil in der volkswirtschaftlichen Buchhaltung ausmachen und weil bei den meisten Szenarien angenommen wird, dass der verminderte Energieverbrauch durch einen höheren Investitionsaufwand erreicht wird.
Anton Gunzinger schreibt mehrfach von «wir», auch beim Zitat «wenn wir es wollen». Und er meint es auch so: jede und jeder ist gefordert, einen Beitrag zur Erreichung der ambitiösen Ziele zu erreichen. In einzelnen Szenarien wird etwa angenommen, dass dezentrale Stromspeicherung im grossen Umfang erfolgt, was den Pumpspeicherwerken «Arbeit abnimmt» – die Energiewirtschaft hat bei derartigen Szenarien deutlich andere Aufgaben als heute, wahrscheinlich mit ein Grund für die zurückhaltende bis ablehnende Kommentierung des Buchs «Kraftwerk Schweiz». Ein weiterer Grund: Anton Gunzinger bezieht – auch mit ökonomischen Argumenten – sehr dezidiert Stellung gegen die weitere Nutzung der Atomenergie! In «Kraftwerk Schweiz» wird direkt wenig über das Wollen geschrieben, auch bleibt die Konkretisierung des «wir» eher vage. Mit «Energiepolitik von unten» oder «Energiepolitik for Dummies» gibt es in umweltnetz.ch einige Beiträge zur Konkretisierung derartiger Szenarien.
Zwei Vorbehalte aus meiner Sicht: den eher hohen Stellenwert, den «Kraftwerk Schweiz» Biomasse und Kehricht in der zukünftigen Energieversorgung zuweist, kann ich mit Blick auf Potenziale und die Ressourcenpolitik, Stichwort etwa «cradle-to-cradle», nicht nachvollziehen, aber da gäbe es vergleichbare, ähnlich plausible Szenarien mit einem ebenfalls nuklear- und fossilfreien Energieträgermix. Auch die Betonung des Wettbewerbs und des Unternehmertums hat gelegentlich Zerrbildcharakter.
Die politischen und energiewirtschaftlichen Machenschaften rund um die Energiestrategie 2050 zeigen es deutlich: «Wenn wir es wollen …» trifft derzeit für die Realität nicht zu. Es ist zu befürchten, dass dies auch durch noch so plausible Szenarien nicht verändert werden kann. Gerade auch im Hinblick darauf, dass die Energiekosten volkswirtschaftlich einen geringen Anteil ausmachen, ist es von zentraler Bedeutung, dass Anton Gunzinger eine grosse Breite von gesellschaftlichen Aspekten mit Auswirkungen auf den Energieverbrauch anspricht, etwa das existenzsichernde Grundeinkommen oder die Allmenden/Gemeingüter. Die Kapitel über den Verkehr sind sehr beeindruckend, auch wenn einiges, was aufgeführt wird, bereits bekannt ist. Wer im Stau steht, ist wirklich selber schuld – denn «das Schweizer Strassennetz ist übers Jahr nur zu 2,84 Prozent ausgelastet»!
Das stärkste Kapitel aus dem Buch «Kraftwerk Schweiz» von Anton Gunziger ist aus meiner Sicht das 31. und gleichzeitig letzte Kapitel, der «Brief einer Studentin an ihren Urgrossvater». Auch wenn Anton Gunzinger diesen Brief mit den Augen des heutigen Menschen quasi an sich selbst schreibt, wird eine ethische, eine moralische Dimension der Energie- und Klimaschutzthematik erkennbar, durchaus vergleichbar mit dem, was Papst Franziskus in «Laudato Si» dargelegt hat, was die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks zum Klimaschutz als moralische Pflicht ausführt. Aber eben: Wenn wir es wollen …
«Umsetzung innert 20 Jahren (weil ich den Wandel noch selbst erleben möchte)» ist eines der Ziele für die Strategien, die Anton Gunzinger zu Beginn des Buches festhält. Auch diese Ungeduld ist bestens begründet – gerade im Verkehr und bei der Stromversorgung lässt sich in dieser Zeit sehr viel erreichen, auch wenn die Stromwirtschaft mit grossen und langfristigen Investionen in die Atomkraft langfristig blockiert ist.
Eine Energieversorgung ohne Fossile und ohne Atomenergie entspricht grundsätzlich dem, was die Gesellschaft raschmöglichst erreichen will – die Szenarien von Anton Gunzinger und seinem Team bestätigen einmal mehr die Machbarkeit unter der Voraussetzung «Wenn wir es wollen …», auch wenn die Umsetzung anspruchsvoll und für uns alle fordernd ist. Daran gilt es zu arbeiten, damit nicht die unqualifizierten, lärmigen Stimmen gegen eine nuklear- und fossil-freie Energieversorgung das Sagen haben!
Zum Plan B von Anton Gunzinger angesichts des offensichtlich mangelhaften Plan A «Energiestrategie 2050»: Wenn Plan A und Plan B nicht klappen – cool bleiben, das Alphabet hat noch mindestens 24 Buchstaben!
Auch wenn das Buch bereits seit April 2015 verfügbar ist, kann es Stand 21. Juli 2015 noch nicht als eBook gekauft werde. Hier verfolgen insbesondere Schweizer Verlage eine eigenartige Publikationsstrategie. Es ist zu erwarten, dass auch Schweizer Verlage zukünftig die gedruckte und die digitale Version einer Publikation gleichzeitig auf den Markt bringen, selbst dann, wenn ein Werk wie «Kraftwerk Schweiz» 76 Abbildungen, 31 Tabellen, 17 ganzseitige Bilder-Intermezzi (von Gianni Vasari) und 15 ganzsseitige, grafisch gestaltete Text-Intermezzi (von Seraina Morell Gunzinger) umfasst.
Nachtrag 25. Juli 2015: seit 22. Juli 2015 ist «Kraftwerk Schweiz» auch als eBook erhältlich!
Die Buchdetails: Gunzinger Anton. Kraftwerk Schweiz. Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft. Zytglogge, Erstausgabe April 2015, 2. Auflage Mai 2015., Geb., A5, 320 Seiten, mit farbigen Abb., Redaktion: René Staubli, Coverfoto: Thomas Gierl, ISBN 978-3-7296-0888-7
Erste Fassung 21.7.2015
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Dies ist nachvollziehbar: Energieausgaben machen einen tiefen einstelligen Prozentanteil am volkswirtschaftlichen Umsatz aus. Dazu kommt, dass bei erneuerbaren Energien die zur Nutzung dieser Potenziale erforderlichen Techniken relativ hohe Investitionskosten verursachen, während die eingesetzten erneuerbaren Energien tendenziell billig sind, während auf der anderen Seite die konventionellen Nutzungstechniken eher billig sind, während die verbrauchten Energieträger teuer sind. Dies wird dadurch verstärkt, dass die Energiekosten der nicht-erneuerbaren Energien lügen, weil etwa die externen Kosten oder Versicherungsprämien z.B. bei Atom-GAUs oder Klimawandelschäden nicht berücksichtigt sind.
Eine QuidCorner-Infografik stellt die jährlichen Kosten des aktuellen globalen Energieverbrauchs den Investitionskosten zur Deckung dieses Energieverbrauchs gegenüber. „£1.22 Trillion“ pro Jahr an Energiekosten stehen „£29.46 Trillion“ Investitionskosten gegenüber – der Faktor 24 als Verhältniszahl dieser beiden Grössen entspricht gerade etwa der Nutzungsdauer verschiedener Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien. Das heisst: auch diese Überlegungen weisen also in die gleiche Richtung wie die oben erwähnte ETH-Studie. Allfällige Effizienzmassnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs oder Wirkungsgradsteigerungen bei den Technologien dürften die ökonomische Situation weiter verbessern. Zudem ist die Endlichkeit der Fossil- und Atom-Energie in die Überlegungen einzubeziehen. Die Infografik hält dazu fest: „2112 – The year that researchers believe we’ll run out of non-renewable fuels.“
Angesichts der voraussichtlich erheblichen Auswirkungen des Mensch gemachten Klimawandels mit massiven Klimawandelfolgenanpassungskosten, angesichts der nach wie vor ungelösten Atommüll-„Endlagerungs“-Thematik und der nach oben offen Schadenshöhe bei Atomunfällen ist die Vorgabe an die Energiepolitik von unten völlig klar: in erneuerbare Energien investieren statt Geld ausgeben für Fossil- und Atom-Energie!
Als kleiner Warnhinweis: für Einzelpersonen sieht der Einstieg in die erneuerbare Energie etwas anders aus als für die Volkswirtschaft. In der Regel braucht es einen Investitionsschub für diesen Wechsel – durchaus für viele Menschen eine echte Hürde. Hier braucht es neue Ansätze.
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Nach der Erreichung der 400 ppm-Grenze für CO2 in Mouna Loa hat ist eine weitere Zahl durch die Medien gegeistert: in mehr als 97 % der Studien zu globaler Klimaerwärmung respektive zum globalem Klimawaandel besteht Konsens darüber, dass der globale Klimawandel Mensch gemacht ist, dies die Ergebnisse einer Studie von Skeptical Science „Citizen Science Team“ – in 4’000 von über 12’000 wissenschaftlichen Beiträgen zum Klimawandel wurden Aussagen zu den Ursachen gemacht. In 97 % der Beiträge wurde der übermässige Ausstoss von Treibhausgasen durch menschliche Aktivitäten als Ursache für den Klimawandel benannt. Nun gibt es bereits Reaktionen, die die Zustimmung zum Mensch gemachten Klimawandel auf einen Drittel der Studien senken wollen – weil eben nur in einem Drittel der Beiträge Aussagen zu den Ursachen gemacht wurden. Dazu nur dies: Es gibt scheinbar nach wie vor VerschwörungstheoretikerInnen, die behaupten, die Erde sei eine Scheibe. In sehr wenigen Beiträgen zur geologischen Forschung dürfte die Aussage enthalten sein, dass die Erde ein (kugelförmiges) Geoid ist – daraus abzuleiten, dass die Wissenschaft an der Geoid-Form der Erde zweifelt, ist schlicht lächerlich. Beim Mensch gemachten Klimawandel ist dies ähnlich.
Ein weiteres wissenschaftliches Papier kommt zum Schluss, in den letzten Jahren habe sich die globale Erwärmung eher im Bereich der tieferen globalen Klimaerwärmungsszenarien bewegt – nach wie vor steuere die Erde aber auf ein Szenario mit einer globalen Durchschnittstemperatur 2 Kelvin über dem vorindustriellen Level zu, einer Schwelle, die generell als gesellschaftlich nicht oder nur schwierig bewältigbar gilt. Climate Criminals wie etwa die Tamedia-Rdaktion titeln auf dieser Information aufbauend unverständlicherweise: Studie: Klimaerwärmung legt eine Pause ein.
Zu beachten ist einmal mehr: die globale Erwärmung ist ein Aspekt der globalen Klimaveränderung. Da die Erde ein komplexes Gebilde ist und sich dessen Klimasystem wegen der grossen Zahl von Einflussgrössen und Wirkungsmechanismen nicht mit abschliessender Genauigkeit für Szenarioberechnungen simulieren lässt, wird es immer kleinere und grössere Abweichungen zwischen Szenario-Ergebnissen und tatsächlicher Klimaentwicklung geben.
Die je länger je unsinnigeren Diskussionen über absurde Fragen wie „Gibt es einen Mensch gemachten Klimawandel oder gibt es ihn nicht?“ lenken davon ab, dass so oder so regelmässig Entscheide zu treffen sind, die direkt oder indirekt mit dem übermässigen Treibhausgasausstoss der Menschheit zu tun haben. Letztlich geht es ganz banal um die Frage, ob es im Sinne der Vorsorge angezeigt ist, Klimaschutzmassnahmen mit Nutzen auch für andere Bereiche bei allen Alltagshandlungen umzusetzen, selbst dann, wenn Klimaschutz BIP-mässig weniger einschenkt als aufwändige Klimawandelfolgenanpassungsmassnahmen – Sir Nicholas Stern als ein Beispiel plädiert eher für Klimaschutz, ebenso wie die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom, welche das Klima als globale Allmende betrachtet. Der deutsche Ökonomie Hans-Werner Sinn dagegen plädiert kräftig für Investitionen in teurere Klimawandelfolgenanpassungsmassnahmen. Mein Ausführungen zu Energiepolitik for Dummies sind immer auch „Klimaschutz for Dummies“ – und es geht immer auch um den Atomausstieg. Ich plädiere für den schnellen Weg in eine nach-fossile und nach-nukleare Energieversorgung. Dafür gibt es noch ganz viele weitere gute Gründe als nur den Mensch gemachten Klimawandel – und diese Energiewende ist dringend!
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Ich habe mich während langen Jahren hobbymässig mit Volksabstimmungen im Kanton Zürich beschäftigt. Ebenfalls mit den Methoden der Logik des plausiblen Schliessens habe ich regelmässig sehr exakte Aussagen zum Ausgang von Volksabstimmungen ermitteln können. Meine Absicht war allerdings nicht das Publizieren von Prognosen, sondern so etwas wie eine Politikplanung. Es geht etwa um Fragen der mehrheitsfähigen Themen, um die Einflussfaktoren, die über das Ja oder das Nein in einer Abstimmung entscheiden – bis hin zu den manipulativen Geldströmen aus dem Umfeld der $VP. Es handelt sich dabei um zwar datenmässig umfangreiche, letztlich aber eher einfache statistische Modelle; dies alles ist bewältigbar mit Standard-Computern und Open Source-Software.
Ich habe die Ergebnisse meiner Abklärungen allerdings auch darum nicht publiziert, weil ich ein politischer Mensch bin. Es ist situativ zu entscheiden, ob der Abstimmungsprozess oder das Abstimmungsergebnis wichtiger ist!
Es gibt Fragestellungen, bei denen ist ein Nein (oder allenfalls ein Ja) in der Volksabstimmung verboten – da geht also nicht um Prognosen, sondern um die richtige Wahl des Themas und um die Mittelbeschaffung, um das gewünschte Ergebnis in der Volksabstimmung „kaufen“ zu können. Ich stehe dazu, auch die Politik ist ein Marketing-Thema, vielleicht, wie in den US-Präsidentschaftswahlen, auch ein Show- respektive Unterhaltungsthema.
Es gibt andererseits Politik-Themen, die so grosse Veränderungen erfordern, dass es mehrere Anläufe zur Realisierung braucht (ein immer wieder zitiertes Beispiel dazu ist das Frauenstimmrecht). Bei solchen Themen braucht es keine Prognosen, im Gegenteil, da sind Prognosen geradezu schädlich.
Medien und Öffentlichkeit haben ein gestörtes Verhältnis zu Aussagen, die die „Zukunft“ betreffen. Exemplarische Beispiele sind „Grenzen des Wachstums“ (Bericht an den Club of Rome) oder IPCC-Klimaschutzberichte. Da geht es eben genau nicht um Zukunftseherei, sondern um Szenario-Überlegungen: was könnte passieren, wenn dies oder das gemacht wird – auch hier wieder „Logik des plausiblen Schliessens“. Auch die Ueberlegungen zur Energiestrategie 2050 des Bundes sind keine Hellseherei, sondern Szenarien. Wenn es Wege gibt, um die Energieversorgung 2050 ohne fossile Energien und ohne Atomenergie für eine 8-Millionen-Schweiz abzudecken, dann gibt es auch Wege, dies in einer 10-Millionen-Schweiz zu tun! An diesem Zusammenhang kann auch das Geschwafel von Autoanzeiger und $VP und der Atomlobby nichts ändern. Dazu passt auch, dass z.B. auch der Autoanzeiger lächerliche Prognosen – welche den Methoden des plausiblen Schliessens nicht entsprechen – z.B. über Regierungs- oder Stadtratswahlen veröffentlicht.
Die prinzipiellen Aussagen von „Grenzen des Wachstums“ sind eingetroffen – mit „2052 – Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre“ hat Jørgen Randers, einer der Autoren von „Grenzen des Wachstums“, eine andere Form gewählt: aufgrund der bitteren Erkenntnis, dass Wissen über Szenarien nicht zum dringend notwendigen Handeln führt, beschreiben er und viele MitautorInnen die Bandbreiten von möglichen Folgen des nicht ausreichenden Handelns.
Prognosen könnten allerdings helfen, «unser Schicksal selbst zu bestimmen». So wird Nate Silver im oben verlinkten Autoanzeiger-Artikel zitiert. Hier sind sich also Jørgen Randers und Nate Silver einig: in die Zukunft muss man nicht „sehen“ – die Zukunft ist zu einem erheblichen Teil gestaltbar. Der Schlüssel dazu liegt in der Logik des plausiblen Schliessens!
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So präsentierte sich der Stand der Stromqualitäten für das Jahr 2009. Die StadtzürcherInnen haben sich gleichzeitig mit dem Entscheid für die 2000-Watt-Gesellschaft am 30. November 2008 für den Ausstieg aus der Atomenergie entschieden, der Zürcher SVP-Regierungsrat Markus Kägi plädierte Anfang Dezember 2010 für zwei neue Atomkraftwerke in der Schweiz (ob er wohl dies nach dem 11.3.2011 immer noch tun würde?). Dermassen offensichtlich präsentieren sich heute die Differenzen der Energie- und Klimaschutzpolitik zwischen Stadt und Kanton Zürich.
Knapp zehn Prozent macht der Atomstromanteil derzeit am Energieverbrauch der Schweiz aus – und dieses Atomstrom stammt vorwiegend aus Atom-Reaktoren, die ähnlich alt oder gar älter sind als die Unfall-Reaktoren in Fukushima-Daiichi. Ein möglichst schneller Ausstieg ist anzustreben, auch wenn aus ethischer Sicht auch in der Schweiz ein Sofortausstieg aus der Atomenergie zu fordern ist. Wenn Politik und Gesellschaft wollen, funktioniert die Stromversorgung der Schweiz spätestens in zehn Jahren ohne Atomkraftwerke! Parallel kann auch der Mensch gemachte Treibhausgasausstoss der Schweiz deutlich vermindert werden.
Die SchweizerInnen werden in nächster Zeit eine grosse Zahl von Szenarien zur Energie- und Klimaschutzpolitik zu sehen bekommen. Ich präsentiere hier ein an einem Samstag-Morgen erstelltes Einfach-Szenario. Es zeigt: es gibt zu jedem energie- und klimaschutzpolitischen Ziel einen Weg – Gesellschaft und Politik müssen ihn allerdings auch begehen wollen! Ebenso wird es in diesen Szenariendiskussionen immer wieder heissen: „Es wäre besser, man würde Massnahme B statt Massnahme A ergreifen“. Ganz banal: ein „Oder“ gibt es nicht mehr, es kann nur noch heissen, „Sowohl als auch und noch viel mehr!“.
Einige Aspekte meines Szenarios:
Und so sehen Ausgangspunkte und Szenariowerte aus:

Einige Erläuterungen dazu:
Ist dieses Szenario realistisch? Ja und Nein! Es zeigt auf der „Ja“-Seite den Handlungsspielraum – und führt damit direkt zur „Nein“-Seite: dieses Szenario kann nur erreicht werden, wenn die erforderlichen Massnahmen, und diese gehen deutlich weiter als das, was in den letzten 30 Jahren umgesetzt wurde, realisiert werden. Es ist wie mit allen Szenarien: es geht um die Darstellung von Handlungsmöglichkeiten im Sinne von „Was wäre, wenn …“.
Hinweise zu den Massnahmen. Diverse meiner Beiträge auf umweltnetz.ch enthalten bereits eine Fülle von möglichen Massnahmen. Ich versuche, hier eine Arrondierung vorzunehmen.
Was kostet diese ernsthafte Energie- und Klimaschutzpolitik? Da es darum geht, die offensichtlichen Risiken von Atomunfällen und des Mensch gemachten Klimawandels zu vermeiden oder wenigstens zu verringern, haben Investitionen in eine nicht-nukleare und nicht-fossile Energieversorgung Versicherungscharakter. 2009 gab die Schweiz rund 5.1 Prozent des BIP für Energiekosten aus (rund 27 Mia Franken), darin sind neben den Energieträgerkosten auch Abschreibungsbeiträge für die Energieproduktionsanlagen enthalten. Bei einer Fokussierung auf erneuerbare Energieträger sinken tendenziell die Energieträgerkosten, dafür steigen die Infrastrukturkostenanteile. Dazu kommen energierelevante Investitionen in den Gebäudepark (max. 1 Mia Franken pro Jahr), und die SchweizerInnen kaufen jährlich Autos im Wert von etwa 10 Mia Franken. Sir Nicolas Stern hat für den Klimaschutz Zusatzkosten von einem Prozent des BIP ermittelt – das wären 5 Mia Franken für die Schweiz! Das heisst: die Schweiz kann sich eine nicht-nukleare und nicht-fossile Energiezukunft bestens leisten, und dies besser morgen als erst überübermorgen! Darum: gerade heute beginnen – falls noch nicht passiert zum Beispiel mit „Atomstrom abwählen„!
Ein Kommentar: wer hier Flächenberechnungen und Technologieerörterungen sucht, wird enttäuscht sein. Das hat auch damit zu tun, dass die bisherige Energiepolitik – von „Atomkraft! Nein Danke!“ bis zu den Windenergieanlagen-Standorten – eine mehr oder weniger auf Technologiefragen reduzierte Diskussion war und ist. Politik sollte sich um strategische Fragen kümmern – etwa wie viel Wohnfläche steht zur Verfügung, welche energie- und klimaschutzpolitischen Ziele sollen erreicht werden, wie werden die Kosten und Lasten der Energie- und Klimaschutzpolitik verteilt, wo braucht es Forschungs- und Technologieförderung? Es kommt dazu, dass die zukünftige Energieversorgung aus vielen Quellen gespiesen wird – die schon fast einseitige Abhängigkeit von fossilen und atomaren Energieträgern wird vorteilhaft ersetzt durch einen Vielfachansatz aus einem Strauss von Möglichkeiten. Festzuhalten ist ebenfalls die Bedeutung von Effizienz und Suffizienz im Vergleich mit Energieträgerfragen: bei Effizienz und Suffizienz handelt es sich um Gesellschafts- und Energiepolitik, bei den Energieträgern geht es prioritär um Energiewirtschaftspolitik. Und daran zeigt sich auch, dass die Zukunft der Energiepolitik verlangt, dass die Energiepolitik nicht der Energiewirtschaft überlassen wird.
Nachtrag 20.3.2011
Auch wenn der deutsche Strommarkt und der deutsche Kraftwerkspark nicht direkt vergleichbar ist mit der Situation in der Schweiz: Der WWF Deutschland und das Oeko-Institut halten klar fest, dass ein schneller Ausstieg aus der Atomenergie (stufenweise, sofort startend, bis längstens 2020 abgeschlossen) und positive Impulse für den Klimaschutz gleichzeitig möglich sind! Genau dies zeigen auch meine obenstehenden Szenarioüberlegungen.
Nachtrag 20.3.2011
Axpo-Chef (Heinz Karrer) denkt an Strategiewechsel, titelt der Tages-Anzeiger (zwar bekanntlich eher als Auto-Anzeiger auftretend) am 20.3.2011. Herr Karrer ist der Ansicht, dass Atomkraftwerke derzeit nicht mehrheitsfähig sind – angesichts dessen, dass für neue Atomkraftwerke definitiv kein Bedarf besteht respektive nie bestanden hat, dürfte sich allerdings die öffentliche Meinung wegen des Atomunfalls in Japan kaum geändert haben. Auch der Berner BDP-Regierungsrat und BKW-Präsident Urs Gasche schätzt die aktuelle AKW-Stimmung der Schweizerischen Stimmberechtigten ähnlich ein. P.S. Dann nichts wie los, Axpo und BKW, ziehen Sie endlich die unsinnigen Neu-AKW-Rahmenbewilligungsgesuche zurück – dies schafft Raum, um endlich zielgerichtet an der zukunftsfähigen Stromversorgung zu arbeiten.
Sowohl Herr Karrer wie Herr Gasche vertreten allerdings umweltpolitische Positionen, die eher als Geisterfahrer-Positionen verstanden werden müssen. Herr Karrer will für allfällige Erdgas-Kombikraftwerke das CO2-Gesetz ausser Kraft setzen, und Herr Gasche möchte bei Wasserkraftwerken auf den ehr als nötigen Umweltschutz verzichten. Sorry, meine Herren, völlig daneben, zurück auf Platz 1!
Denn: Herr Karrer sagt gleichzeitig, dass an einem kalten Wintertag die Schweiz zu 70 bis 80 % von Atomkraftwerken abhänge. Falls diese Aussage wirklich zutrifft, heisst dies nichts anderes, als dass zu viel Strom in Direkt-Elektroheizungen verschwendet wird! Wenn die Bewilligung von Gas-Kombikraftwerken mit der Auflage versehen wird, dass diese nur dann betrieben werden können, wenn die Elektroheizungen durch Wärmepumpen ersetzt werden (Wärmepumpen brauchen für den gleichen Raumkomfort auch ohne Massnahmen an der Gebäudehülle drei bis vier Mal weniger Strom als Elektroheizungen), ergibt sich eine deutliche Verbesserung der Gesamtökobilanz eines Gas-Kombikraftwerks im Vergleich mit einem Atomkraftwerk. Weil zudem mindestens 2/3 des bisher für Elektroheizungen verwendeten Stroms für weitere Wärmepumpen, die bisherige Oel- oder Gasheizungen ersetzen, eingesetzt werden können, ergibt sich eine weitere Entlastung der Oekobilanz – es braucht also keine Aufweichung des CO2-Gesetzes. Und Herr Gasche sollte schon lange wissen, dass Wasserkraft nur nachhaltig genutzt werden kann, wenn weitgehende Umweltauflagen berücksichtigt werden (P.S. Das in der heutigen Form unsinnige Grimselwasserkraftausbauprojekt wird nicht durch die Verbrämung mit dem Atomausstieg zu einem Superprojekt). Dies zeigt, dass der Ausstieg aus der Atomenergie zwingend neue Führungskräfte in der Stromwirtschaft erfordert – wer bis jetzt den Pro-AKW-Kurs geprägt hat, ist nicht wirklich glaubwürdig, wenn es darum geht, einen wesentlichen Beitrag zur Ökologisierung der Stromwirtschaft und zum Ausstieg aus der Atomenergie zu leisten.
Nachtrag 19.3.2011
Zusammengestückelte Zitate von Frau Bundesrätin Doris Leuthard, seit etwas mehr als 100 Tagen Schweizerische Energie-Ministerin und damit verantwortlich für die Konkretisierung der Schweizerischen Energiepolitik (Aussagen an der Delegiertenversammlung der CVP-Frauen Schweiz, Quelle):
Das bekannte Logo Atomkraft? Nein Danke!
gibt es seit 1975, also seit den Entstehungszeiten der Anti-Atom-Bewegung, einer der wichtigeren gesellschaftlichen Bewegungen der letzten 40 Jahre. Frau Leuthard, sind 40 Jahre ein genügend langer Zeitraum, um reflektierte Forderungen aufzustellen? Ich meine sehr wohl! Zumindest die offizielle Schweizer Politik mitsamt der Unterabteilung Energiewirtschaftspolitik hat mindestens seit 1986 (Tschernobyl!) vor allem laviert und geschlafen – die Zeit der Reflexion ist vorbei, jetzt sind Entscheide angesagt, und es ist schnell zu handeln. Der Atomausstieg bis 2020/2021 ist problemlos möglich – Sie und Ihre PolitikkollegInnen müssen nur noch „Ja Danke!“ zu Strom aus erneuerbaren Energien sagen! Dazu gehört auch: Fakten und Konzepte zum Thema atomenergiefreie Stromversorgung gibt es ausreichend, solche müssen auf keinen Fall neu erstellt werden. Bei Bedarf erstelle ich für Frau Bundesrätin Doris Leuthard gerne eine Linkliste mit den aktuellsten Studien, damit keine Zeit verloren geht, um die längst fälligen Entscheide für eine nuklear- und fossilfreie Energiezukunft zu fassen!
Erste Fassung: 19.3.2011
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