Nach-fossil und nach-nuklear: gesellschaftlicher Gestaltungswillen

Sind wir zu einer Politik der Angst verdammt? Dies fragt Eric Hoesli, Journalist in Lausanne im neuesten Beliebigkeitsgefäss Politblog – der Kooperation von Newsnetz mit der gemeinsamen Bundeshausredaktion von «24 heures» und «Tribune de Genève» sowie «Tages-Anzeiger» und «Der Bund». Monsieur Hoesli nennt in diesem Zusammenhang Mensch gemachten Klimawandel und die Forderung nach dem Atomaussteig – und versteigt sich zur Behauptung, selbst bei den Grünen habe die Atom-Phobie alle anderen Anliegen, etwa den Alptraum der globalen Erderwärmung, verdrängt. Eine solche Aussage kann nur erfinden, wer sich noch nie ernsthaft mit diesen Themen beschäftigt hat. Seit ich umwelt- und energiepolitisch tätig bin, und dies sind immerhin schon über dreissig Jahre, heisst die Devise “Weg von den fossilen Energien, weg vom Atomstrom”, durch Energiesparen (vielfach wird auch “Stromsparen” mit “Energiesparen” gleichgesetzt), durch den Einsatz ereuerbarer Energien. Gleichzeitig nach-fossile UND nach-nukleare Szenarien prägen jede ernsthafte Energiediskussion spätestens seit der Erdölpreiskrise 1973 – die Distanzierung von solchen Szenarien, betroffen waren in der Schweiz etwa das EGES-Szenarien 1988, neuerdings auch die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft, bei der die Atomlobby das 1-Tonnen-CO2-Szenario propagiert, gingen immer von den LobbyistInnen der Atomenergie aus! Was war und ist der Antrieb in der Klimaschutz- und Energiepolitik, nach-fossile und nach-nukleare Szenarien zu propagieren? Sicher nicht Angst – es geht dabei um gesellschaftlichen Gestaltungswillen! Diese Szenarien zeigen auf, dass es eine lebenswerte Zukunft auch ohne Atomkraftwerke und fossile Energie gibt. Ein gewichtiges Thema sind dabei die Risikoüberlegungen – gerade bei Grosstechnologien wirkt das Gesetz von Murphy ein (“Was schief gehen kann, geht auch schief”). Für viele Menschen sind etwa die Risiken aus der Atomenergienutzung von der Urangewinnung bis zur dauernden Zwischenlagerung unakzeptabel, und zwar unabhängig von der Eintretenswahrscheinlichkeit. Das Szenario “nach-fossil und nach-nuklear” wird unter diesem Aspekt vor allem wegen der geringeneren Risiken bevorzugt. Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Suffizienz als Versicherungsprämien gegen zu hohe Risiken. Das Abschliessen von Versicherungen als ökonomische Absicherung vor mehr oder weniger alltäglichen Risiken hat in unserer Kultur einen hohen Stellenwert – es würde niemand auf die Idee kommen, die Alters- und Hinterlassenen-Versicherung (AHV) als Produkt einer Angstphobie zu bezeichnen, sondern man rühmt die ökonomische Vernunft einer solchen Einrichtung! Eine aktive Energie- und Klimaschutzpolitik hat ebenfalls Versicherungscharakter. Wer einer solchen Politik Angstmotive unterstellt, argumentiert hochgradig zynisch und sabotiert gesellschaftspolitische Entwicklungen: bereits vor Jahren wünschte die Mehrheit der StromkundInnen Strom aus erneuerbaren Quellen – dann soll dies doch der Strommarkt auch liefern.
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