Energiepolitik for Dummies – am Beispiel Gebäude

Suffizienz z.B. bei den pro Person beanspruchten Wohnflächen, Effizienz bei der Betriebs- und Erstellungsenergie, Einsatz erneuerbarer Energien (Konstistenz), Suffizienz, Effizienz und Konsistenz auch beim durch Bauten ausgelösten Verkehr – das sind die Hauptleitlinien, die für eine nachhaltige Energie- und Klimaschutzpolitik zu beachten sind. In Teilbereichen dieser Leitlinien macht das freiwillige Label Minergie Ziel-Vorgaben – durchaus auch als Einladung, diese Aktivitäten kritisch zu begleiten. Bashing hingegen ist weder erwünscht noch energie- und klimaschutzpolitisch zielführend.


“For Dummies” ist eine immer umfangreicher werdende Buchreihe, vor 20 Jahren gestartet, herausgegeben in englischer Sprache vom Verlag John Wiley & Sons, in Deutsch ebenfalls erhältlich. “Dummies” ist ironisch verstanden und meint “interessierte AnfängerInnen” oder ähnlich. Allerdings: auch ExpertInnen greifen mit Gewinn regelmässig auf diese Bücher zu, weil hier das, was nicht gerade jeden Tag gebraucht wird, einfach und verständlich dargestellt wird. Ich habe bereits auf umweltnetz.ch Energiepolitik for Dummies und Raumkomfort for Dummies erstellt. An Gebäuden lässt sich die Energiepolitik for Dummies weiter konkretisieren.

Aus Nachhaltigkeitssicht ist der ökologische Fussabdruck der Menschen in den reichen Ländern, also auch der Schweiz, deutlich zu vermindern. Suffizienz, Effizienz und Konsistenz sind Handlungsfelder der nachhaltigen Entwicklung – wie immer ist eine gute Mischung aus diesen Elementen erforderlich, um Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen. Nach wie vor werden werden allerdings auch Meinungen vertreten wie «Jeder Mensch soll seine CO2-Emissionen auf eine Tonne reduzieren, wie viel Energie er dabei verbraucht, ist nicht wesentlich» – dies führt dann zu einer Überbetonung der erneuerbaren Energien, ob am Gebäude genutzt oder irgendwo in Afrika. Aus dieser Richtung kommen daher massivste, aber nicht substantiierte Vorwürfe an die Handlungsfelder Suffizienz und Effizienz. Auch wenn selbst Hochschulen derartige Theorien vertreten, besteht aus energiepolitischer Sicht grundsätzlich Einigkeit darüber, für die nachhaltige Entwicklung auf alle drei Handlungsfelder Suffizienz, Effizienz und Konsistenz zu setzen.

Der Minergie-Standard orientiert sich an Teilbereichen dieser drei Handlungsfelder – es geht in erster Linie um Vorgaben für die Betriebsenergie. Einzelne Teilstandards machen weitergehende Anforderungen, etwa zur Qualität der verwendeten Materialien oder zum Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Energiebedarf. Der Minergie-Standard ist somit erweiterungsfähig; zudem ist die Beachtung im Erneuerungsmarkt – dieser ist energiepolitisch relevant – sehr bescheiden.

Es gibt mindestens einen Grund in den Labelanforderungen selbst: die Komfortlüftung ist etwa ein solches Thema. Das regelmässig öffenbare Fenster, selbst in verlärmten Lagen, selbst in der Anflugschneise, wird nach wie vor vorausgesetzt. Auch nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit Raumkomfortfragen ist es mir nach wie vor schleierhaft, warum es aus Komfortgründen erforderlich sein soll, öffenbare Fenster zur Verfügung zu haben. Klar ist: öffenbare Fenster sind dazu geeignet, einen gewissen Bezug zum Aussenzustand zu ermöglichen (wer mehr will, soll bitte das Gebäude verlassen und sich im Aussenraum bewegen!) – öffenbare Fenster sollen aber keinen wesentlichen Beitrag zur Sicherstellung der Raumluftqualität und zur Regulierung des Feuchtehaushalts in einem Gebäuden zur erbringen haben. Wer anderes vertritt. setzt auf Scheinemotionalitäten.

Alle grösseren Veränderungen – der Minergie-Standard mit Vorgaben an die Komfortlüftung stellt eine derartige Veränderung dar – sind kritisch:

  • Sie erfordern vorerst erhebliches Know-how – leider, leider ist dieses Know-how im Gebäudebereich nicht vorhanden, um Suffizienz-, Effizienz- und Konsistenz-Aspekte klug in konkrete Vorhaben einbeziehen zu können. Obwohl dieser Zustand längst bekannt ist, verzichtet auch die Energiestrategie 2050 des Bundesrates auf die längst und dringlich erforderliche Aus- und Weiterbildungsinitiative.
  • Wenn das Fachwissen aller beteiligten AkteurInnen ungenügend ist, entstehen Sagen und Märchen. Das mediale Bashing ist die logische Folge – die schlecht ausgeführten Beispiele und das Wühlen derjenigen, die einseitige und/oder andere Schwerpunkte setzen wollen tragen in erheblichem Ausmass dazu bei, siehe Minergie-Bashing: lässt sich Tamedia instrumentalisieren? (Blog-Beitrag von umweltnetz.ch) oder NZZ am Sonntag vom 27.1.2013, Das Klimaproblem. Auch Minergie hat sich zu den “populärsten Unwahrheiten über MINERGIE” geäussert.

Das Minergie-Label ist definitiv nicht die Lösung aller Fragestellungen zu Energie und Gebäude – das Minergie-Label stellt aber sicher, dass zumindest auf Planungsebene die Voraussetzungen für effizienten Energieeinsatz und die Nutzung erneuerbarer Energien (Konsistenz) geschaffen werden (weitergehende Aspekte bringt etwa der SIA Effizienzpfad Energie ein). Mängel bestehen nicht nur bei der Planung, sondern auch bei der Realisierung von Bauten. Auch beim Betrieb der Bauten und vor allem der Nutzung gibt es noch einiges zu tun. Ob es bei der Anforderung “Auch im Winter 25 °C und barfuss” um Effizienz oder Suffizienz geht, weiss ich nicht – ich weiss aber, dass jedes Grad mehr Raumlufttemperatur den Energieverbrauch um etwa sechs Prozent ansteigen lässt – für diverse alltägliche Tätigkeiten braucht es eine Qualifizierung, das Zahlen des Miet- oder Hypozinses ist keine ausreichende Qualifikation, um Gebäude entsprechend der Energie- und Klimaschutzpolitik nützen zu können!
P.S.1. Auch wenn die Menschen seit der Steinzeit wohnen, halte ich klar fest, dass ich es nicht als legitim erachte, auch in einem Minergie-Gebäude völlig unbekümmert um fundamentales Komfortwissen – etwa Anforderung gemäss “Raumkomfort for Dummies” – leben zu können. Im Sinne der Nachhaltigkeitsüberlegungen ist auch aus gesellschaftlicher Sicht zu diskutieren, ob tatsächlich das DAU- (dümmst anzunehmendeR UserIn, gilt für sämtliche AkteurInnen) und das MAI-Prinzip (maximal anzunehmende Ignoranz) zu beachten sind. Selbst ein gewisses Fehlverhalten wird in Minergie-Bauten den Energievebrauch nicht ins Unermessliche steigen lassen, mit einer Energielenkungsabgabe besteht also nur noch eine geringe Einflussmöglichkeit.
P.S.2. VermieterInnen haben es durchaus in der Hand, DAU- und MAI-Prinzip nicht wirken zu lassen, ein Beispiel: Schlauer-Wohnen.

Einige Schlussfolgerungen

Für jedes Haus braucht es eine zeitliche Planung, bis wann Energieetikette B, besser A erreicht ist (entspricht etwa Minergie-P oder besser für Neubauten, Minergie-Niveau Neubau für bestehende Bauten). Dazu gehört auch die Abdeckung des Wärmebedarfs für Raumheizung und Wassererwärmung ausschliesslich mit erneuerbaren Energien, mit einem möglichst hohen Anteil am Gebäude selbst oder in der unmittelbaren Umgebung genutzt; einzubeziehen ist zusätzlich auch der Strombedarf für andere Zwecke.

Zu jeder Bauaufgabe gehört eine klare energie- und klimaschutzpolitische Vorgabe; Label wie Minergie stellen dabei wesentliche Vereinfachungen dar. Wer Veränderungen an Gebäuden plant, soll dazu ausschliesslich PlanerInnen und RealisiererInnen beiziehen, die einen solchen Pfad in Richtung fossil- und nukelarfreie Energieversorgung umsetzen können und wollen. In der Stadt Zürich bietet das Energie-Coaching die erforderliche fachliche Unterstützung. Verpflichtungen auf energie- und klimaschutzpolitische Ziele sind schriftlich festzuhalten – PlanerInnen und Ausführende, die davon im Sinne der Abschwächung abweichen wollen, werden vorteilhaft gar nicht mit solchen Aufgaben beauftragt.

MieterInnen oder NutzerInnen sind aktiv einzuladen, ihre Beiträge zu leisten, um die energie- und klimaschutzpolitischen Ziele erreichen zu können.

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