Angst ist ein schlechter Ratgeber – es fehlen die gemeinsamen Werte

Nach den massiv falschen Prognosen folgen nach dem Ja der Stimmberechtigten zur Anti-Minarett-Initiative die Interpretationen. Eine davon geht davon aus, hier hätten sich Ängste der Bevölkerung manifestiert. Andere wiederum behaupten, die Schweiz habe Stärke gezeigt. Fakt ist und bleibt: diese Initiative widerspricht fundamental den Menschenrechten und hätte gar nicht zur Abstimmung gebracht werden dürfen. Daher ist die Abstimmung aus formalen Gründen für ungültig zu erklären – dies verlangt der Respekt vor der Demokratie.

Angst sei ein schlechter Ratgeber, sagt man. Und trotzdem werden Ängste als Hauptbegründung für das Ja zu dieser untauglichen Initiative genannt.

Ängste entstehen aus einem Schwächegefühl heraus – es gehen also prinzipiell alle Analysen fehl, die dieses Ja als Stärkezeichen der Schweiz interpretieren.

Welches sind die Schwächen der Schweizerischen Gesellschaft, die ihre stimmende Mehrheit zu einem derart massiven Verstoss gegen die Religionsfreiheit, gegen das Toleranzgebot bringt?

Nicht nur in der Schweiz gibt es keinen echten Minimalkonsens über gemeinsame Werte. Gleichzeitig gibt es ein erhebliches Glaubwürdigkeitsvakuum, denn es gilt das Prinzip des absoluten Relativismus. Sowohl die christlichen Glaubensgemeinschaften als auch der aufgeklärte Staat haben ihr Glaubwürdigkeitskapital spätestens wegen des zweiten Weltkriegs verloren. Oder anders: es gibt keine Wahrheiten mehr, keine Orientierungspunkte für das Zusammenleben! Die Gesellschaft besteht aus lauter Randständigen. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau mag möglicherweise derzeit ein gesellschaftlich anerkanntes Mainstream-Thema sein – es gibt aber kein Gewähr dafür, dass dieses Thema übermorgen oder überübermorgen noch wichtig ist – genau gleich ist es mit dem Klimaschutz, den erneuerbaren Energien, der Solidarität und so weiter und so fort. Diese fehlende Sicherheit ist eines der angstfördernden Elemente.

Wenn die gesamte Welt in einem solchen Werte- und Orientierungsvakuum leben würde, könnte man sich bestens mit dieser Beliebigkeitsgesellschaft arrangieren. Nur: dieses Vakuum ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nur in einer Gesellschaft möglich, die übermässig konsumieren kann, also einen übermässigen ökologischen Fussabdruck aufweist, eine Gesellschaft also, die zulasten anderer Weltgegenden und zulasten zukünftiger Generationen lebt. Oder anders: die Beliebigkeitsgesellschaft ist nicht verallgemeinerbar, ist nicht für alle Menschen auf dieser Erde möglich! Diese Gesellschaft verstösst somit gegen die goldene Regel der Ethik. Den Freidenkern fällt dazu nur ein: Geniess das Leben!

Für diese werte- und orientierungslose Gesellschaft wirkt es sehr befremdlich, wenn sie aus anderen Kultur- (und allenfalls Religions-)Kreisen von Menschen hören, die bereit sind, ihr Leben durch vorgegebene Werte beinflussen zu lassen. Wirken in der Konsumgesellschaft bereits Menschen als aussenstehend, die bereit sind, in Sorge um den begrenzten Planeten ihren ökologischen Fussabdruck freiwillig zu reduzieren, so wirkt es beänstigend, wenn Menschen im Glauben an ein metaphysische Sein bereit sind, sich tagtäglich einschränken zu lassen, sei es bei der Ernährung, beim Verhalten, bei Spass und Freizeit. Wenn noch Elemente wie die fehlende Gleichberechtigung der Geschlechter dazukommt (wobei häufig vergessen wird, dass in der Schweiz die Gleichberechtigung bei weitem nicht erreicht ist und beispielsweise das Stimmrecht der Frauen noch keine lange Tradition hat), schlägt dieses Unverständnis in Entsetzen um. Insbesondere jene, die vermeintlich oder berechtigt in der Schweiz als unterprivilegiert gelten, reagieren mit sehr starker Angst auf diese andere Lebensweise.

Vergessen geht dabei einmal mehr, dass die schweizerische Lebensweise bei weitem nicht als Vorbild für die gesamte Welt dienen kann – der übermässige Konsum aller Menschen entsprechend dem Muster der SchweizerInnen oder gar der AmerikanerInnen würde in sehr kurzer Zeit zum Kollaps des Lebensraumes Erde führen. Der Abschied von der Verschwendung erfordert Trauerarbeit, wie dies etwa der (christliche) Ethiker Otto Schäfer postuliert. Wichtig dabei: es gilt, das nicht zu verabschieden, was als Errungenschaft gilt, etwa die hoffentlich noch zunehmende Gleichberechtigung der Geschlechter.

Dass religöser Fanatismus verbrämt mit staatsterroristischen Handlungen das Vertrauen in die islamische Welt und damit auch die Menschen islamischen Glaubens nicht verstärkt, ist zwar grundsätzlich nachvollziehbar, aber nicht akzeptierbar.

Das Ja der Stimmberechtigten zur Anti-Minarett-Initiative ist zuerst ein Warnhinweis gegen innen – die schweizerische Gesellschaft fühlt sich offenbar derzeit nicht in der Lage, überzeugt und überzeugend für die eigenen Werte einzustehen, also ein glaubwürdiges Zeugnis abzulegen für die Qualität der gegenwärtigen Gesellschaft. Denn: ein solches glaubwürdiges Zeugnis würde Menschen aus anderen Kulturräumen dazu zwingen, ihre eigenen Werte zu hinterfragen – wenn aber die Werte des Gastlandes als nicht glaubwürdig, letztlich nicht erstrebenswert gelten, gibt es dazu keine Veranlassung! Oder: tolerant kann nur sein, wer sich seiner eigenen Sache sicher ist!

Es braucht zudem global gültige Gemeinsamkeiten, beispielsweise den Weltethos, derzeit von VertreterInnen von 15 Glaubensrichtungen, darunter sowohl das Christentum wie der Islam, unterstützt. Auch wenn die vier unverrückbaren Weisungen bei umweltnetz.ch bereits mehrfach zitiert wurden, hier ein weiteres Mal:

  1. Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben
  2. Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung
  3. Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit
  4. Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau

Allerdings wird dabei offensichtlich, dass auch die schweizerische Gesellschaft weit davon entfernt ist, diese unverrückbaren vier Weisungen zu beachten. Solange dies nicht der Fall ist, wird es der Schweiz und ihren BewohnerInnen nicht gelingen, glaubwürdig in dieser Welt dazustehen – und so lange werden Ängste und nicht Zuversichten die Schweizerische Politik dominieren!

2 Gedanken zu „Angst ist ein schlechter Ratgeber – es fehlen die gemeinsamen Werte“

  1. Das Problem mit der Stiftung Weltethos ist dies, dass sich die meisten Unterzeichner aus dem religiösen Umfeld in nahezu allen 4 Verpflichtungen im Gegensatz zu den offiziellen Lehren dieser Kirchen befinden. Es genügt, dass ein Weltethos auf den Allgemeinen Menschenrechten der vereinten Nationen von 1948 aufbaut und es ist gefährlich wenn wieder vermummte religiöse Ansprüche darin verpackt werden. Seihe dazu auch meine Website http://www.comeros.net

  2. Dass sich die UnterzeichnerInnen teilweise im Widerspruch zu gewissen Aussagen ihrer „Stammreligionen“ befinden, erachte ich eben gerade als die Qualität des Weltethos – die Menschenrechte sind eben Rechte, beim Ethos gehts auch um Verpflichtungen, das ist viel umfassender als die Menschenrechte, weil damit zum Ausdruck kommt, dass einem diese Rechte nicht zufallen wie gebratene Tauben!

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