Dass ich diesen Wahlausgang nicht als Sensation oder Überraschung werte, hat nichts mit dem Ergebnis der Wahl zu tun: Herzliche Gratulation, Richi Wolff, und viel Spass in diesem Amt!
In einer direkten Demokratie mit einer grossen Zahl von Sachentscheiden bleibt die letztliche Entscheidungsgewalt bei den Stimmberechtigten – ob z.B. eine Stadt „nach links“ wandert, entscheidet sich gerade in einem Konkordanzsystem nicht an der Parteizugehörigkeit der Exekutivmitglieder. sondern an den Sachentscheiden der Stimmberechtigten. Diese lassen sich für die Stadt Zürich eher weniger an der Links-rechts-Orientierung festmachen, sondern am Gestaltungswillen des Lebensraums Stadt und der Chancen der Stadtbewohnenden – in den Persönlichkeitswahlen, gerade bei Einervakanzen, werden jene Kandidierenden gewählt, die diesen Gestaltungswillen eher mitbringen und umsetzen können. Kommentartitel wie „Zürich wählt rot, tiefrot“ ignorieren schlicht und einfach die Realitäten der direkten Demokratie.
Ein spezielles Kapitel ist wieder einmal mehr der Live-Ticker von Tamedia, welcher ab 12 Uhr bis zum definitiven Wahlergebnis um 13:52 schlicht nichts zu sagen hatte. Zudem haben sich die MacherInnen dieses Live-Tickers offensichtlich noch nie mit Prognosen im städtischen Kontext bei kleinen Differenzen zwischen den KandidatInnen beschäftigt. Als Müsterchen:
13.22 Uhr: Ergebnis kippt: Wolff liegt in Führung. Nach fünf Wahlkreisen hat der AL-Kandidat fast 2000 Stimmen mehr.
13.13 Uhr: Der erste Stadtkreis hat gewählt. Im Kreis 6 hat Wolff knapp mehr Stimmen erhalten als der FDP-Kandidat Camin. Die Stimmbeteiligung liegt bei 33 Prozent.
Marco Camin liegt allerdings in den Wahlkreisen 1 und 2 sowie 7 und 8 deutlich vorne. Insgesamt hat er bereits 2000 Stimmen Vorsprung.
Ohne Verweis auf die Ergebnisse des ersten Wahlgangs sind derartige Aussagen absoluter Unsinn. Ich illustriere dies am Zwischenergebnis von vier Wahlkreisen (Stadtkreise 1+2, 4+5, 6, 7+8) und am Endergebnis.
Etwa um 13:15 Uhr waren 4 Wahlkreise ausgezählt. Dieses Zwischenergebnis lässt sich mit den Ergebnissen des 1. Wahlgangs vergleichen:
Bereits nach vier ausgezählten Wahlkreises zeigt sich, dass Richard Wolff im 2. Wahlgang mehr Stimmen erzielt als im ersten Wahlgang, und dies in etwas stärkerem Umfang als Marco Camin. Werden die Regressionsergebnisse auf die noch nicht ausgezählten Wahlkreise im Sinne einer Hochrechnung übertragen, ergibt sich daraus eine Prognose für das Endergebnis von 27’066 Stimmen für Richard Wolff und 26’680 Stimmen für Marco Camin (rund 47 % der Stimmen). Die Endergebnisse von 13:52 mit 27’550 Stimmen für Richard Wolff, den neuen Stadtrat und 26’865 Stimmen für den unterlegenen Kandidaten Marco Camin zeigen eines: in den restlichen fünf Wahlkreisen verstärkte sich der Persönlichkeitswahlcharakter noch! Dies zeigt auch die Auswertung für das Endergebnis der Stadtrats-Ersatzwahlen vom 21. April 2013.
Die Empfehlung für Tamedia ist ganz einfach: entweder Wahlprognose-Abteilung ausbauen oder ganz auf die bisher gepflegten Spekulationen verzichten. Denn auch für die Medien und deren „Prognosen“ gilt: nach den Wahlen ist vor den Wahlen!
| 1+2 | 3 | 4+5 | 6 | 7+8 | 9 | 10 | 11 | 12 | Total | |
| Camin+Wolff 1. WG | 74.8% | 78.4% | 82.5% | 75.2% | 76.3% | 72.8% | 76.5% | 75.6% | 72.3% | 76.2% |
| Camin+Wolff 2. WG | 96.6% | 97.7% | 97.9% | 97.1% | 97.2% | 96.0% | 96.8% | 95.6% | 94.3% | 96.6% |
| Differenz (Camin+Wolff) 2.-1. WG | 21.8% | 19.3% | 15.4% | 21.8% | 20.9% | 23.2% | 20.3% | 20.0% | 22.0% | 20.4% |
| Hodel 1. WG | 20.4% | 19.5% | 15.0% | 20.7% | 19.2% | 22.1% | 19.7% | 22.4% | 22.3% | 20.1% |
| Diff (Vereinzelte+Stadelmann) 2.-1. WG (neg: kleinerer Anteil, pos: grösserer Anteil im 2. Wahlgang) |
-1.5% | 0.3% | -0.5% | -1.1% | -1.7% | -1.1% | -0.6% | 2.4% | 0.3% | -0.3% |
| Diff Camin 2.-1. WG | 4.1% | 6.8% | 4.6% | 8.0% | 9.7% | 8.8% | 8.5% | 5.9% | 11.0% | 7.8% |
| Diff Wolff 2.-1. WG | 17.7% | 12.5% | 10.9% | 13.9% | 11.2% | 14.4% | 11.8% | 14.0% | 11.0% | 12.6% |
| Anteil Camin an Zunahme Stimmenanteil C+W | 18.9% | 35.4% | 29.6% | 36.5% | 46.3% | 38.0% | 41.7% | 29.7% | 49.9% | 38.4% |
| Anteil Wolff an Zunahme Stimmenanteil C+W | 81.1% | 64.6% | 70.4% | 63.5% | 53.7% | 62.0% | 58.3% | 70.3% | 50.1% | 61.6% |
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Ich habe mich während langen Jahren hobbymässig mit Volksabstimmungen im Kanton Zürich beschäftigt. Ebenfalls mit den Methoden der Logik des plausiblen Schliessens habe ich regelmässig sehr exakte Aussagen zum Ausgang von Volksabstimmungen ermitteln können. Meine Absicht war allerdings nicht das Publizieren von Prognosen, sondern so etwas wie eine Politikplanung. Es geht etwa um Fragen der mehrheitsfähigen Themen, um die Einflussfaktoren, die über das Ja oder das Nein in einer Abstimmung entscheiden – bis hin zu den manipulativen Geldströmen aus dem Umfeld der $VP. Es handelt sich dabei um zwar datenmässig umfangreiche, letztlich aber eher einfache statistische Modelle; dies alles ist bewältigbar mit Standard-Computern und Open Source-Software.
Ich habe die Ergebnisse meiner Abklärungen allerdings auch darum nicht publiziert, weil ich ein politischer Mensch bin. Es ist situativ zu entscheiden, ob der Abstimmungsprozess oder das Abstimmungsergebnis wichtiger ist!
Es gibt Fragestellungen, bei denen ist ein Nein (oder allenfalls ein Ja) in der Volksabstimmung verboten – da geht also nicht um Prognosen, sondern um die richtige Wahl des Themas und um die Mittelbeschaffung, um das gewünschte Ergebnis in der Volksabstimmung „kaufen“ zu können. Ich stehe dazu, auch die Politik ist ein Marketing-Thema, vielleicht, wie in den US-Präsidentschaftswahlen, auch ein Show- respektive Unterhaltungsthema.
Es gibt andererseits Politik-Themen, die so grosse Veränderungen erfordern, dass es mehrere Anläufe zur Realisierung braucht (ein immer wieder zitiertes Beispiel dazu ist das Frauenstimmrecht). Bei solchen Themen braucht es keine Prognosen, im Gegenteil, da sind Prognosen geradezu schädlich.
Medien und Öffentlichkeit haben ein gestörtes Verhältnis zu Aussagen, die die „Zukunft“ betreffen. Exemplarische Beispiele sind „Grenzen des Wachstums“ (Bericht an den Club of Rome) oder IPCC-Klimaschutzberichte. Da geht es eben genau nicht um Zukunftseherei, sondern um Szenario-Überlegungen: was könnte passieren, wenn dies oder das gemacht wird – auch hier wieder „Logik des plausiblen Schliessens“. Auch die Ueberlegungen zur Energiestrategie 2050 des Bundes sind keine Hellseherei, sondern Szenarien. Wenn es Wege gibt, um die Energieversorgung 2050 ohne fossile Energien und ohne Atomenergie für eine 8-Millionen-Schweiz abzudecken, dann gibt es auch Wege, dies in einer 10-Millionen-Schweiz zu tun! An diesem Zusammenhang kann auch das Geschwafel von Autoanzeiger und $VP und der Atomlobby nichts ändern. Dazu passt auch, dass z.B. auch der Autoanzeiger lächerliche Prognosen – welche den Methoden des plausiblen Schliessens nicht entsprechen – z.B. über Regierungs- oder Stadtratswahlen veröffentlicht.
Die prinzipiellen Aussagen von „Grenzen des Wachstums“ sind eingetroffen – mit „2052 – Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre“ hat Jørgen Randers, einer der Autoren von „Grenzen des Wachstums“, eine andere Form gewählt: aufgrund der bitteren Erkenntnis, dass Wissen über Szenarien nicht zum dringend notwendigen Handeln führt, beschreiben er und viele MitautorInnen die Bandbreiten von möglichen Folgen des nicht ausreichenden Handelns.
Prognosen könnten allerdings helfen, «unser Schicksal selbst zu bestimmen». So wird Nate Silver im oben verlinkten Autoanzeiger-Artikel zitiert. Hier sind sich also Jørgen Randers und Nate Silver einig: in die Zukunft muss man nicht „sehen“ – die Zukunft ist zu einem erheblichen Teil gestaltbar. Der Schlüssel dazu liegt in der Logik des plausiblen Schliessens!
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Die abstrusen Diskussionen über die Zukunft von Rating-Agenturen erinnert fatal an die Mythologie: da wurden die Überbringer schlechter Botschaften bestraft. Auch Rating-Agenturen machen Erwartungsaussagen über die zukünftige Entwicklung, beziehen dabei eine zwar grosse, aber letztlich endliche Zahl von Indikatoren ein. Solche Ratings stellen die aus Sicht der Rater wahrscheinlichste Entwicklung aus einer Reihe möglicher Szenarien („Wenn-Dann-Entwicklungen“) dar. Ratings oder Prognosen können also nur ein Element der Meinungsbildung sein. Wenn Ratings zu massiven Ausschlägen der Wirtschaftsentwicklung führen, liegt die Ursache dafür nicht beim Rating, sondern bei den Instabilitäten der Volkswirtschaft. Wer Rating-Agenturen einschränken will, ist auf der Stufe der Volkswirtschafts-Märchen angekommen und will offenbar nicht zur Kenntnis nehmen, dass nicht einmal das Finanzsysten nachhaltig ist.
Dass die Euro-Schwäche zu einer für die Schweizer Wirtschaft unerfreulichen Entwicklung führt, zeigt auf, dass trotz unterschiedlichen Währungen die Volkswirtschaften eng miteinander verflochten sind – zwar hat die Schweiz einen finanzwirtschaftlichen Vertrauensbonus, aber letztlich zeigt die Entwicklung, dass auch die ökonomische Stärke der Schweiz nicht nachhaltig ist.
Letztlich gibt es nur eine Lösung: ein bisschen nachhaltiger reicht nicht – es braucht einen neuen Lebensstil, einen Lebensstil, der nicht auf Kosten anderer Weltgegenden und zukünftiger Generationen geht. LOVOS – Lifestyle of Voluntary Simplicity – bietet sich an.
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Nicht ohne Grund sind Medien wie der Tagesanzeiger, Radio 24 und TELE TOP die Auftraggeber solcher Studien, die noch unseriöser sind als Gratiszeitungs-Horoskope. Absicht ist es nämlich, die Wahlkampf-Mittel zu beeinflussen. Weil nämlich gleichzeitig suggeriert wird, die Regierungsrats-KandidatInnen sein zu unbekannt – oder anders: die Prognose ist eine Bekanntsheitsrangliste. Und nach Marktgesetzen kann man Bekanntheit kaufen, also gemäss den MarktforscherInnen auch den Wahlerfolg. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit werden die weniger bekannten KandidatInnen in den nächsten Wochen vermehrt in den diversen Werbeformaten anzutreffen sein. Nun, die SVP ist mit Sicherheit finanzkräftiger als die Grünen – mit der Meldung vom 1.2.2011 haben die Medien dafür gesorgt, dass die SVP weiss, was sie zu tun hat – und die Grünen werden sich abstrampeln, um doch noch einige Werbefranken mehr zusammenzubringen.
Letztlich geht es also bei Wahlen nicht um Inhalte oder um Positionen, auch Lösungsansätze sind nicht gefragt – Politik ist und bleibt ein Markt – weil selbst in einer Demokratie die Wählenden käuflich sind.
Oder anders: statt einer Scheinprognose würden die Medien doch viel einfacher gerade ihre Vorschläge veröffentlichen, wie viel Werbegelder die einzelnen Parteien ausgeben sollten.
Diese Transparenz würde sicher dazu beitragen, das Demokratie-Rating der Schweiz zu verbessern!
Nachtrag 21. März 2011, also weniger als 2 Wochen vor dem Wahltermin
Offenbar haben die Medien noch zu wenig Werbe-Aufträge von den KandidatInnen bekommen: auch durch die Wiederholung wird die Scheinprognose zur Majorzwahl in den Zürcher Regierungsrat nicht besser! Tages-Anzeiger, Tele Top und Radio 24 machen knapp zwei Wochen vor der Auszählung nochmals Ergebnisse einer Befragung zu den Zürcher Regierungsratswahlen publik, einmal mehr ohne die Publikation der den Befragten gestellten Frage, ohne Berücksichtigung der Eigenheiten des Proporzwahlverfahrens. Auch wenn es erfreulich wäre (auch im Hinblick auf die Grossmachtwahn-Allüren der SVP), wenn der bisherige und als Bau- und Energiedirektor unbrauchbare bisherige SVP-Regierungsrat und Atom-Turbo Markus Kägi abgewählt und stattdessen Martin Graf von den Grüne gewählt wird, ist klar, was die Publikation dieser unsinnigen Prognose will: sowohl Grüne wie SVP sollen dazu gebracht werden, für den Endspurt nochmals Geld in die Hand zu nehmen – die SVP, um den vorausgesagten Misserfolg abzuwenden, die Grünen, um den offenbar möglichen Wahlerfolg sicherzustellen.
Der Fall ist klar: ausgezählt werden die bis am Sonntag, 3. April 2011 in den Auszähllokalen der Städte und Gemeinden vorliegenden Wahlzettel (in einzelnen Gemeinden sind die Urnen bis 10 Uhr, in anderen bis 12 Uhr geöffnet) – per Telefon wie bei Umfragen ist die Wahlteilnahme nicht möglich! Also: Wahlzettel ausfüllen, zum Beispiel anhand meiner Wahlempfehlung, dabei auch die Kantonsratswahlen nicht vergessen, richtig einpacken und so rasch als möglich in den Briefkasten – oder spätestens am 3. April persönlich bei einer Wahlurne abgeben. Denn: erst dann wird entschieden, ob Herr Kägi tatsächlich abgewählt und neu Martin Graf gewählt ist – oder ob alles nochmals ganz anders ist!
Erste Fassung 1.2.2011
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