Sehr geehrter Herr Welz
Ihre pauschale Aussage an der Kantonsratssitzung vom 22. Juni 2015, «Velofahrer nehmen sich ja bekanntlich viel mehr heraus, als erlaubt ist.», ist grober Unfug und kann so nicht stehen bleiben. P.S. Ich beziehe mich nicht darauf, dass in der vom Tages-Anzeiger gewählten Form zum Ausdruck kommen könnte, dass Velofahrende häufiger als der Durchschnitt der Bevölkerung in allen Lebenslagen sich mehr herausnehmen, als erlaubt ist. Ich reduziere dies auf das Verkehrsverhalten der Velofahrenden.
Ich halte vorerst fest, dass ich mich als legalistischen Alltags-Velofahrer bezeichne. Ich bin seit mehr als 30 Jahren fast Tag für Tag mit dem Velo unterwegs, auf dem Arbeitsweg, beim Einkaufen, unterwegs zu Freizeitaktivitäten, manchmal auch in den Ferien. Ich bin auch ein politischer Velofahrer, weil das Velo das mit Abstand intelligenteste Verkehrsmittel ist, unter anderem deshalb, weil Velofahren durch die körperliche Aktivität beim Unterwegssein zur Gesundheit der Velofahrenden beiträgt, und weil dieses Unterwegssein mit sehr geringer Umweltbelastung möglich ist.
Vorerst ist festzuhalten, dass die Mehrzahl der Velofahrenden legalistisch unterwegs sind – ganz einfach darum, weil Velofahrende auf ihre eigene Sicherheit achten. Velofahrende sind die exponiertesten Verkehrsteilnehmenden.
Ebenso ist anzumerken, dass die Strassenverkehrsregeln nicht für Velofahrende gemacht wurden. Gesetzgebung und Bussenrahmen orientieren sich an Motorfahrzeugen, um ein mehrfaches schwerer als Velofahrende inkl. Velo, um ein mehrfaches grösser als Velos, um ein mehrfaches lauter als Velofahrende, um ein mehrfaches umweltbelastender als Velofahrende. Viele dieser Regeln sind für Velofahrende aus physikalischen Gründen nicht zweckmässig.
Wenn ich mit dem Velo als Alltagsvelofahrer unterwegs bin, stelle ich regelmässig fest, dass ich im Siedlungsgebiet deutlich langsamer unterwegs bin als es etwa die üblichen Wegzeitenberechnungen ergeben. Da ich ein geübter und zügig fahrender Velofahrer bin, gibt es dafür nur eine Erklärung: ich bin sehr sehr häufig am Warten im Verkehrsgeschehen! Interessanterweise gibt es zwar für den Autoverkehr grüne Wellen, nicht aber für den Veloverkehr. Das wäre eine ganz einfache Verbesserungsmöglichkeit.
Zwei offensichtliche Ärgernisse – neben der schon längst fälligen und vielen Ländern erfolgreich praktizierten Abschaffung des Rechtsabbiegeverbots bei Rotlicht – gibt es für Alltagsvelofahrende:
Ich habe in den letzten Jahren jeweils während mehreren Wochen Velowege in den Ländern Österreich, Slowakei, Ungarn, Deutschland, Tschechien, Frankreich, Luxemburg, Belgien, Holland und Italien erkundet. Ich bin mir der Gefahr von Pauschalisierungen sehr wohl bewusst, aber ich halte trotzdem fest, dass in der Schweiz die aggressivsten und rücksichtslosesten Autofahrenden unterwegs sind, ohne Blick für einen ruhigen Verkehrsfluss, und dass gleichzeitig die Möglichkeiten für Velofahrende in keinem dieser Länder so schlecht sind wie in der Schweiz. Als ein kleines Beispiel: es wäre in den genannten Ländern undenkbar, dass die Sihltalstrasse zwischen Sihlbrugg Station und Sihlbrugg Dorf, trotz Autobahn im Knonaueramt nach wie vor intensiv und schnell von Autos befahren, als Teil einer Velolandroute (L’Areuse–Emme–Sihl) bezeichnet würde.
Unterwegssein mit dem Auto auch für völlig ungeeignete Zwecke wie Pendlerfahrten zwischen Wohnung und Büro ist zwar nach wie vor gesetzlich zulässig. Aber es besteht im Grundsatz Einigkeit darüber, dass eine solche Verhaltensweise nicht zukunftsfähig ist. Zu viele Belastungen für Menschen und Umwelt stammen aus dem übermässigen motorisierten Individualverkehr. Es ist alles daran zu setzen, das Velo als Alltagsverkehrsmittel für kurze und mittlere Strecken in erheblichem Umfang zu fördern. Wer wie Sie nach Kriminalisierung der Velofahrenden schreit, schadet dieser dringend notwendigen Veloförderung!
Ich ersuche Sie dringend, auf offensichtlich unsinnigen Aussagen zum vorgeblichen Verhalten von Velofahrenden zu verzichten. Ich erwarte von Ihnen baldmöglichst einen Vorstoss, damit der Kanton Zürich das Velofahren im Alltag tatsächlich fördert, zum Beispiel durch Verkehrsregeln, die den Eigenheiten des intelligenten Verkehrsmittels Velo gerecht werden, auch wenn dadurch der Autoverkehr eingeschränkt werden sollte.
Freundliche Grüsse
Toni W. Püntener
(Kantonsrat Grüne 1999 bis 2002)
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Seit einiger Zeit werden in Zürich an immer mehr Stellen Velos offiziell (und offenbar rechtlich zulässig) auf Trottoirs geführt. Ich habe dies bereits mehrfach als Veloverkehrt-Politik bezeichnet. Zu Fuss Gehende und VelofahrerInnen haben nun einmal sehr sehr unterschiedliche Bewegungsmuster, und das geht schlicht nicht zusammen!
Es fällt immer wieder auf, dass die wenigen separaten Velowege und -streifen hemmunglos und ohne jede Rücksichten von anderen Verkehrsteilnehmenden genutzt wird. Nur von den Velofahrenden fordern alle anderen Verkehrsteilnehmenden Rücksicht und Voraussicht. Dies hat sicher auch damit zu tun, dass das aktiv genutzte Velofahren die mit Abstand intelligenteste und somit nachhaltigste Fortbewegungsart ist, was offenbar eine dauernde Provokation der anderen Verkehrsteilnehmenden darstellt.
Ich bin trotz vielen Velofahrten regelmässig auch zu Fuss unterwegs, ich kenne also mindestens diese zwei Sichten von Verkehrsteilnehmenden (neben der Sicht als ÖV-Nutzer). Zu Fuss unterwegs zu sein, ist mit sehr viel Abstand gegen oben unten, ebenfalls ziemlich intelligent und somit auch zu fördern. Das bedingt aber, dass sowohl Velofahrende als auch Zu Fuss Gehende ausreichend Platz haben, ohne sich schon fast als Normalfall (gemeinsamer Veloweg/Trottoir) vorsätzlich in die Quere kommen zu müssen. Ganz einfach: Trottoirs den Zu Fuss Gehenden, Velowege den Velofahrenden. Und dies definitiv und zwingend nicht nur in den Städten zu Lasten des MIEF, sorry motorisierter Individual-Verkehr (MIV).
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