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Luftfeuchtigkeit | umweltnetz.ch https://www.umweltnetz.ch/content Umwelt und Politik - ein Internet-Angebot von Toni W. Püntener Tue, 14 Oct 2014 14:38:33 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.4 44487214 Raumkomfort for Dummies https://www.umweltnetz.ch/content/raumkomfort-for-dummies Sun, 16 Dec 2012 18:03:24 +0000 https://www.umweltnetz.ch/content/?p=4221 Gebäude werden erstellt, betrieben, erneuert, ersetzt, damit diese Menschen ein komfortables Verweilen und Wirken in den Räumen dieser Gebäude möglich ist – gewollt ist Raumkomfort, der den Nachhaltigkeitsaspekten Suffizienz, Effizienz und Konsistenz entspricht. Festzustellen ist, dass in der Öffentlichkeit ein fundamentaler Mangel an Kenntnissen über Raumkomfort besteht. Dieser Beitrag versucht, hier Abhilfe zu schaffen. Wer … „Raumkomfort for Dummies“ weiterlesen

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Gebäude werden erstellt, betrieben, erneuert, ersetzt, damit diese Menschen ein komfortables Verweilen und Wirken in den Räumen dieser Gebäude möglich ist – gewollt ist Raumkomfort, der den Nachhaltigkeitsaspekten Suffizienz, Effizienz und Konsistenz entspricht. Festzustellen ist, dass in der Öffentlichkeit ein fundamentaler Mangel an Kenntnissen über Raumkomfort besteht. Dieser Beitrag versucht, hier Abhilfe zu schaffen.

Wer ein simples elektronisches Gerät kauft oder geschenkt bekommt, bekommt – unabhängig vom Preis – eine mehr oder weniger umfangreiche Dokumentation dazu, welches die Funktionalität erklärt und über die zu beobachtenden Randbedingungen informiert.

Der Aufwand zur Erstellung eines Gebäudes beträgt pro BewohnerInnen oder BenutzerInnen regelmässig eine hunderttausend Franken – weil Menschen schon in der Steinzeit gewohnt haben, wird allgemein davon ausgegangen, das Menschen wissen, wie Gebäude zu nutzen sind. Dabei bestehen gerade bei neueren Gebäuden oftmals komplexe Nutzungs- und Energiekonzepte, die von „vernünftigen“ NutzerInnen ausgehen. Wie den – mehrheitlich unqualifizierten – Meinungsäusserungen in den elektronischen Stammtischen bei Berichterstattungen über vermeintlich schlechte Beispiele entnommen werden kann, ist es dringend erforderlich, dass die NutzerInnen solche Konzepte verstehen müssen, damit sie das gewünschte vernünftige Verhalten auch umsetzen können.

Gerade der Raumkomfort hat sehr viel mit diesen Konzepten zu tun – darum dieser „For Dummies“-Beitrag! Ich bin seit bald 30 Jahren täglich mit den diversen Facetten des Raumkomforts beschäftigt, ich verfüge somit einerseits über das erforderliche Fachwissen und traue mir andererseits auch Einschätzungen von Medienerzeugnissen aller Art zu.

P.S. Anleitungen, eben z.B. für simple elektronische Geräte, sind teilweise ausgiebig mit graphischen oder bildlichen Darstellungen versehen. Ich verzichte derzeit absichtlich auf solche Elemente.


“For Dummies” ist eine immer umfangreicher werdende Buchreihe, vor 20 Jahren gestartet, herausgegeben in englischer Sprache vom Verlag John Wiley & Sons, in Deutsch ebenfalls erhältlich. “Dummies” ist ironisch verstanden und meint “interessierte AnfängerInnen” oder ähnlich. Allerdings: auch ExpertInnen greifen mit Gewinn regelmässig auf diese Bücher zu, weil hier das, was nicht gerade jeden Tag gebraucht wird, einfach und verständlich dargestellt wird.


Luftqualität – CO2-Gehalt als ein Aspekt des Raumkomforts

Als „Atmungsabgas“ entsteht Kohlendioxid oder CO2. Der CO2-Gehalt in Räumen gilt als Indikator für die Luftqualität in einem Gebäude, der Gehalt wird in ppm (Parts Per Million) angegeben. Lange bevor der CO2-Gehalt der Raumluft zum gesundheitlichen Problem wird, ergeben sich Einschränkungen der Raumluftqualität. Der aktuelle CO2-Gehalt der Aussenluft beträgt … ppm (aktueller Schätzwert für den mittleren globalen Gehalt, darum kein fixer Wert). Bis etwa 800 ppm CO2-Gehalt gilt die Raumluftqualität als gut, über diesem Wert beginnen Menschen, die neu in einen Raum kommen, zu riechen, dass hier schon jemand drin ist/war, bei einem Gehalt von etwa 1200 ppm möchten neu in einen Raum eintretende Menschen sofort ein Fenster öffen. Ab etwa 1500 ppm-Gehalt beginnen die ersten RaumnutzerInnen z.B. beim Zuhören mit dem Schlaf zu kämpfen.

Bei sitzender Tätigkeit stösst ein erwachsener Mensch rund 15 Liter CO2 pro Stunde aus. Um die „Geruch-Schwelle“ (s.o.) von 1200 ppm einhalten zu können, braucht es pro Stunde 16.7 m3 Aussenluft, zu Einhaltung der „Einschlaf-Schwelle“ 1500 ppm sind 12.5 m3 Aussenluft pro Stunde ausreichend.

Bei leichter Arbeit – das entspricht in etwa üblicher Büroarbeit – atmet ein Mensch etwa 23 Liter CO2 pro Stunde aus. Um die beiden Komfortniveaus „Geruch-Schwelle“ und „Einschlaf-Schwelle“ 1500 ppm einhalten zu können, sind 25.3 respektive 19.2 m3 Aussenluft pro Stunde erforderlich.

Pro Arbeitsplatz stehen in einem Büro typischerweise 14 Quadratmeter Bodenfläche zur Verfügung. Bei einer Raumhöhe von 2.7 m und einer üblichen Möblierung (Schubladen- und Schrankvolumen sind nicht in den Luftaustausch einbezogen) entspricht dies einem aktiv nutzbaren Raumvolumen von etwa 30 m3. Bei Büroarbeit muss dieses Volumen pro Stunde 25.3 durch 30 = 0.84 resp. 19.2 durch 30 = 0.72 mal ausgetauscht werden. Mit den heute üblichen bauphysikalisch korrekt möglichst dichten Fenstern kann ohne aktive Massnahmen 5 bis 10 % des Raumluftvolumens mit frischer Aussenluft ersetzt werden; offene Fenster ermöglichen einen 8- bis 10-fachen Luftwechsel pro Stunde. Zur Einhaltung der „Geruch-Schwelle“ muss somit etwa während 5 1/2 Minuten pro Stunde mit offenen Fenstern gelüftet werden (5.5 von 60 Minuten bei 8-fachen Luftwechsel plus der Grundluftwechsel von 0.1 pro Stunde). Da bei den heute üblichen Arbeitsplatzdichten auch Arbeitsplätze in der Nähe von solchen „Lüftungsfenstern“ angeordnet werden, ist eine solche Lüftungsintensität NICHT zumutbar (es zieht zu stark, im unmittelbaren Fensterbereich erfolgt eine zu starke Auskühlung des Raumes).

Aus Komfortsicht ist somit bei dicht belegten Büros eine Lüftungsanlage, welche den hygienisch notwendigen Luftaustausch gewährleistet, sehr gut begründet erforderlich!

Schulräume sind während der Nutzung noch dichter belegt – für Volksschulen wird pro SchülerIn eine Bodenfläche von 2.5 Quadratmeter vorgegeben. Selbst wenn in einem Schulzimmer eine Sturmlüftung während der Pause möglich ist, ist zur Einhaltung der „Einschlaf-Schwelle“ eine Lüftungsanlage ebenfalls angezeigt.

Lüftungsanlagen erfordern nicht den Verzicht auf öffenbare Fenster – zu berücksichtigen ist bei solchen Fragen allenfalls der Lärmschutz (etwa Verkehrslärm) und der Einbruchschutz.

Ein weiterer Aspekt des Raumkomforts: Wie steht es mit der Luftfeuchtigkeit?

Bei der Luftfeuchtigkeit muss sehr sorgfältig gedacht werden: (kalte) Aussenluft ist meist relativ feucht, aber absolut eher trocken, während Raumluft relativ trockener aber absolut deutlich feuchter ist als diese Aussenluft. Das hat mit den thermodynamischen Eigenschaften der Luft zu tun: kalte Luft kann absolut deutlich weniger Feuchtigkeit aufnehmen als warme Luft. Diese Zusammenhänge sind im Mollier-h-x-Diagramm dargestellt, Details dazu siehe Wikipedia.

Ein 0.84-facher Luftwechsel ist erforderlich, um in einem Büroraum eine akzeptable Raumluftqualität zu erreichen. Was bedeutet dies für die Luftfeuchtigkeit im Raum?

Am 12.12.12 betrug in Zürich (Mythenquai) die mittlere Aussenlufttemperatur -3.2 °C bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 86 %. Diese Luft enthält etwa 3.33 g Wasser pro Kubikmeter Luft. Wird diese Luft auf 20 °C (Raumluftttemperatur) erwärmt, bleibt diese Feuchtigkeit erhalten; weil aber warme Luft wesentlich mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann, wird bei einer Messung nur noch eine relative Luftfeuchtigkeit von etwa 19 % festgestellt. Wird diese Luft gar auf 24 °C erwärmt, zeigt das Hygrometer nur noch 15 % relative Luftfeuchtigkeit an.

Menschen geben bei Büroarbeit pro Stunde etwa 60 Gramm Feuchtigkeit ab. Für den raumlufthygienisch erforderlichen Luftwechsel von 0.84 pro Stunde braucht es pro Person 25.3 Kubikmeter Aussenluft pro Stunde. Jeder Kubikmeter Aussenluft wird also mit 60 Gramm Wasser geteilt durch 25.3 m3 = 2.4 Gramm/m3 Wasser befeuchtet. Zusammen mit den 3.33 Gramm aus der Aussenluft führt dies zu einer relativen Feuchtigkeit von etwa 25 % (bei 24 °C Raumlufttemperatur) respektive etwa 33 % (bei 20 °C Raumlufttemperatur).

Festzuhalten ist: auch diese relative Feuchte hat nichts damit zu tun, ob über die Fenster gelüftet wird oder mittels einer Lüftungsanlage, das ist simple Thermodynamik der feuchten Luft. Die Lüftungsanlage bietet aber einen weiteren Vorteil: es ist möglich, einen Teil der Feuchtigkeit aus der Abluft hygienisch einwandfrei in die dem Raum zugeführte Aussenluft zu übertragen, so kann im Raum eine höhere Luftfeuchtigkeit erreicht werden.

Zwei Schlussfolgerungen:

  • Der hygienisch erforderliche Luftwechsel in einem Büroraum führt zu eher tiefen relativen Raumluftfeuchten.
  • Je höher die Raumlufttemperatur, desto tiefer die resultierende Luftfeuchtigkeit – und auch umgekehrt: je tiefer die Raumlufttemperatur, desto höher ist bei gleichem Luftwechsel die resultierende relative Luftfeuchtigkeit!

Die Raumluftfeuchte kann bestens mit feuchteliebenden Pflanzen beeinflusst werden. (Elektrische) Luftbefeuchter sind demgegenüber nicht nur energetischer Unsinn und bei gesunden Menschen absolut unnötig.

Menschen können sich ohne gesundheitliche Auswirkungen während Stunden in kalter Aussenluft (relativ feucht, absolut eher trocken) bewegen, etwa beim Skifahren oder während Schneeschuhtouren (Erkältungen stammen eher von den Pausen in schweissfeuchten Kleidern). Der Stoffwechsel des Menschen ist in der Lage, die Atmungsluft beim Eintritt in die Lunge auf 37 °C Körpertemperatur und 100 % relative Feuchte zu konditionieren, dies entspricht fast 50 Gramm Feuchtigkeit pro Kubikmeter Atemluft! Allerdings: damit dies funktioniert, muss ausreichend getrunken werden – mit ein Grund für die Gemütlichkeit von Winterferien.

Prinzipiell stellt relativ trockene Raumluft (bei gesunden Menschen!) kein Gesundheitsrisiko dar. Auch im Büro ist ganz einfach genügend zu trinken. Dies gilt allerdings – wie auch in den Winterferien – nur für reine Luft! Die Quellen für „unreine“ Luft sind vielfältig. Menschliche Aktivitäten führen zu vielfältigem Staubanfall, sowohl drinnen wie draussen (Feinstaub), diverse Materialien geben Gase, nicht in jedem Fall unproblematisch, an die Raumluft ab. Teppiche beispielsweise wirken als Staubfänger, weil selbst mit guten Staubsaugern nicht aller Staub entfernt werden kann – jeder Schritt wirbelt somit Staub auf! Lüftungsanlagen können einen Teil dieses Staubes und dieser Gase aus der Aussenluft entfernen – andererseits bringen unsorgfältig gewartete Lüftungsanlagen zusätzlich Staub und Gase in die Raumluft. Dies betrifft sowohl Neu- als auch Umbauten. Schleimhäute etwa reagieren deutlich stärker auf Staub oder Gase als auf die Luftfeuchtigkeit. Trockene Raumluft begünstigt zudem elektrostatische Aufladungen.

Aus langjähriger Erfahrung halte ich fest, dass gesundheitliche Auswirkungen der Raumluft nicht eine Folge der Raumluftfeuchte oder des CO2-Gehaltes sind, sondern eine Reaktion auf Stäube und Gase, die eigentlich in der Raumluft und vor allem in der Atemluft nichts zu suchen haben, sind (diese Aussage ist mehrfach mit medizinischen Fachpersonen überprüft worden). Gute Lüftungsanlagen können dazu beitragen, diese Raumluft-Fremdstoffe zu reduzieren.


Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur können mit handelsüblichen Geräten einfach gemessen werden, für den CO2-Gehalt ist die Messung etwas kostspieliger – für die anderen Stoffe sind sehr teure und sehr zeitaufwändige Messverfahren anzuwenden.

P.S. Im Wohnbereich gibt es sowohl luft-feuchte als auch luft-trockene Haushalte. Pflanzen, Kochen, Duschen, Anwesenheit, allenfalls Wäschewaschen sind feuchtigkeitsfördernd, während Abwesenheit, intensive Sport-Trainings mit Auswärtsdusche, kein grüner Daumen, Lüftungsverhalten (bei Minergie-Bauten zu hohe Lüftungsrate) zu trockener Wohnungen führen. Doch auch hier gilt die gleiche Aussage zu den gesundheitlichen Auswirkungen, mit einer Einschränkung: bei sehr feuchten Wohnungen besteht das Risiko von Schimmelpilzen, etwa bei Wärmebrücken oder schlecht belüftbaren Nischen. Auch bei Wohnungen sind Luftbefeuchter absoluter Unsinn (mit medizinisch bedingten Ausnahmen).

Raumtemperatur – die emotionalste Komponente des Raumkomforts

Thermometer sind sehr verbreitet – auch solche zur Messung der „Raumtemperatur“.

Warum steht „Raumtemperatur“ in Anführungszeichen? Massgeblich für das Komfortempfinden am Aufenthaltsort sind mehrere Komponenten. Die Raumtemperatur ist eine davon. Es geht dabei um die wahre Raumtemperatur, als Mittel von Raumlufttemperatur und mittlerer Temperatur der Raumumschliessungsflächen. Gemessen werden sollte die Raumtemperatur dort, wo sich Menschen aufhalten, am besten in der Mitte eines pinkfarbigen Ping-Pong-Balls: ein solches Messgerät kann die thermischen Abläufe entlang des Körpers ideal nachbilden. Nur: meist befinden sich Thermometer irgendwo an einer Aussenwand oder im Gang, aber kaum je dort, wo sich Menschen aufhalten. Die meisten handelsüblichen Thermometer eignen sich NICHT für die Messung der Raumtemperatur – viele sind zudem so billig fabriziert, dass bei der Anzeige ohne weiteres ein Streuband von einigen Grad Celsius anzunehmen ist.

Wenn tatsächlich Raumtemperaturen gemessen werden, ist nach anerkannten Komfortstandard für leichte Tätigkeiten eine Raumtemperatur von 21 °C angemessen. Dies verlangt allerdings nach einer der Jahreszeit angepassten Bekleidung – das Kurzarm-T-Shirt und barfuss auf dem modischen Steinplattenfussboden liegt schlicht nicht drin. Vor dem Fernseher, beim Lesen oder beim Power Napping braucht es meist zusätzliche textile Schichten.

Ich stelle fest, dass in den letzten 20 Jahren die typischen Raumtemperaturen um 3 bis 4 Kelvin angestiegen sind – der Effizienzfortschritt durch energetische Massnahmen an bestehenden Gebäuden oder durch energetisch optimierte Ersatzneubauten wurde zumindest teilweise kompensiert. Bei den Raumtemperaturen ist eindeutig ein Rebound-Effekt feststellbar. Oder anders: da jedes Grad mehr Raumtemperatur zu einem Energiemehrverbrauch von etwa sechs Prozent führt, könnten die Kyoto-Verpflichtungen der Schweiz durch eine teilweise Rücknahme dieses erheblichen Mehrkomfortes locker und in kurzer Zeit eingehalten werden. Somit ein Klimaschutz-Geschenk-Tipp: Modische Pullover, attraktive Fleece-Jacken, schön gestaltete Decken!

Eine tiefere Lufttemperatur hat auch starke Auswirkungen auf die relative Raumluftfeuchte: wird 20-grädige Luft mit einer relativen Luftfeuchtigkeit von 50 % auf 24 °C erwärmt, sinkt die Luftfeuchtigkeit auf knapp 40 %!

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The post Von Minergie-Sagen und anderen Energie-Märchen first appeared on umweltnetz.ch.]]> Nicht nur die Schweizerische Energie- und Klimaschutzpolitik zeichnet sich dadurch aus, dass die erwünschten Resultate – die Verminderung des Energieverbrauchs und des Ausstosses von Treibhausgasen – ausbleiben oder deutlich geringer ausfallen als erhofft oder erwünscht. Ein Aspekt: Legenden statt Know-how!

Nachtrag 12.1.2013: Luftfeuchtigkeit, Raumtemperaturen und Luftqualität sind nicht nur ein Minergie-Thema. Darum dazu der Beitrag Raumkomfort for Dummies.

Neuestes Beispiel: der Artikel „Viel Ärger mit Minergie-Standard“ in der NZZ am Sonntag vom 19. Dezember 2010 (P.S. da dieser nur im Bezahlangebot vorhanden ist, ist ist eine Verlinkung nicht möglich; ich werde deshalb einzelne Abschnitte zitieren). Es werden diverse Befragungen von MieterInnen zitiert, ebenso kommen Franz Beyeler, Geschäftsführer des Vereins Minergie, der Energieberater Christof Meier und Jörg Watter, Präsident des Vereins Schweizer Baubiologen SIB zu Wort.

Hintergrund und „Botschaft“ des Artikels ist die Unzufriedenheit von (einzelnen) MieterInnen mit ihren Minergie-Wohnungen – zu warm, zu trocken, zu zugig, zu laut, zu staubig lauten einige Kritikpunkte.

Vorerst: rein prinzipiell gefällt mir Minergie – der Minergieprozess ist ein Qualitätssicherungsprozess für Bauvorhaben (und wie immer bei Qualitätssicherung: der hundertprozentige Erfolg ist nicht garantiert). Minergie ist letztlich eine gebäudepolitische Absichtserklärung, kein Instrument der Wirkungskontrolle. Wie im übrigen die gesamte Energiepolitik: bis anhin geht es in der Energiepolitik um die Massnahmenumsetzung, nicht um die Erzielung von Wirkung. Dies ist politisch so gewollt: es gibt keine Energieverbrauchsziele auf Verfassungs- oder Gesetzesstufe – selbst die CO2-Zielsetzungen der nationalen Gesetzgebung lassen sich zumindest derzeit mit einem Wechsel etwa von Heizöl zu Erdgas erreichen. Wenn etwas geändert werden muss: wir brauchen eine Energiepolitik mit Wirkungszielen.

Zu warm, zu trocken. Dieser Kritikpunkt an Minergie weist auf einen anderen wichtigen Aspekt hin, den Rebound- oder Backfire-Effekt. Am Beispiel Gebäude: weil ja die Häuser eine bessere Wärmedämmung haben, ist die Verlockung gross, dafür einige Grad mehr zu heizen. Statt den wie noch vor 20 Jahren üblichen 19 bis 20 Grad Celsius Raumtemperatur scheinen heute Temperaturen von 23 bis 24 Grad Celsius schon fast erwartet zu werden – und es ist nicht nur die Kleider-Mode! Schwierig auch: wenn sich nur eine Mieterin oder ein Mieter über eine zu tiefe Raumtemperatur beschwert, wird in der Regel die Temperatur für das gesamte Haus angehoben. Nur: eine 4 Grad höhere Raumtemperatur führt zu einem Energieverbrauch für Raumheizung, der rund 25 % höher ist als zum Planungszeitpunkt vorausberechnet wurde!

Zudem: die erhöhte Raumtemperatur hat einen direkten Zusammenhang mit dem Gefühl von zu trockener Luft! Denn: die gleiche Luft, die bei einer Raumtemperatur von 20 Grad Celsius eine für die Winterzeit empfohlene relative Luftfeuchtigkeit von 45 % hat, weist bei 24 Grad Celsius nur noch eine relative Luftfeuchtigkeit von etwa 35 % auf (siehe Feuchterechner).

Die Komfortlüftung einer Minergie-Wohnung sollte nur gerade die Luftmenge umwälzen, die eine gute Luftqualität ermöglicht, dies heisst, es müsste eigentlich nur soviel frische Luft in die Räume geblasen werden, dass der Sauerstoffgehalt für das Atmen ausreicht, respektive dass der Kohlendioxidgehalt der Luft die Komfortgrenzen nicht überschreitet. Weil allerdings selbst baubiologisch akzeptierte Baumaterialien Geruchsstoffe an die Luft abgeben, zusätzlich aber auch die Lebensweise olfaktorisch wahrnehmbare, nicht nur angenehme Gerüche hinterlässt, wird häufig doppelt- bis dreimal soviel Aussenluft in den Raum geblasen wie aus hygienischen Gründen erforderlich wäre. Mit erheblichen Auswirkungen auf die Raumuftfeuchte, denn winterliche Aussenluft enthält weniger Feuchtigkeit als Raumluft! Wieder an einem Beispiel: wird Aussenluft von 2 Grad Celsius mit 90 % relativer Feuchtigkeit auf 24 °C erwärmt, ergibt dies eine Luftfeuchtigkeit von etwa 21 Prozent relativer Feuchte! Als generelles Fazit: wenn eine Komfortlüftung nur den hygienisch notwendigen Luftwechsel gewährleistet, reicht die übliche Feuchtigkeitsproduktion in einer Wohnung, um eine angemessene Luftfeuchtigkeit zu ermöglichen. Im Artikel wird etwa ausgesagt, in verschiedenen Wohnungen seien Luftbefeuchter im Einsatz. Ganz einfach: ist aus anderen als medizinischen Gründen ein Luftbefeuchter erforderlich, ist der Raum zu warm und/oder zu stark belüftet – siehe dazu den Beitrag Raumkomfort for Dummies.

Die doch etwas längere Erläuterung dieses Sachverhalts zeigt einerseits, dass es sich um relativ einfache Physik handelt, es aber mehrere Abhängigkeiten gibt. P.S. Diese gelten selbstverständlich auch in Nicht-Minergie-Bauten, und es gibt die entsprechende Probleme in ausreichendem Mass – sie werden aber nicht thematisiert, im Gegensatz zu Minergie-Gebäuden, da diese ausdrücklich mit dem Komfortargument beworben werden.

Wohnen kann man doch einfach, das macht ja die Menschheit schon sehr lange Zeit. So tönt es jeweils, wenn ich bei Reklamationen anrege, ein Minimum an Informationen über „richtiges“ Wohnen, zum Beispiel über Thermodynamik feuchter Luft, zu vermitteln. Auch hier: würden Computer mit so wenig Anleitung verkauft wie Wohnungen, so dürften wahrscheinlich 95 % der Computer unbenutzt entsorgt werden …

Um hier komfortable Zustände zu ermöglichen, ist ein längeres Pröbeln erforderlich, um Raumtemperatur, Luftfeuchtigkeit und Frischluftmenge dem individuellen Bedarf eines Haushalts anzupassen. Im übrigen: viele dieser MieterInnen-Befragungen ergeben auch, dass die NutzerInnen gar nicht wissen, dass in ihrer Wohnung eine Komfortlüftung eingebaut ist! Diese Experimentierphase wäre auch bei Nicht-Minergie-Bauten erforderlich, aber, und das steht schon oben, dort wird dieses Thema nur im Bauschadensfall abgehandelt.

Zu trockene Luft wird auch als staubiger wahrgenommen – einerseits wegen der Wirkung trockener Luft auf die Schleimhäute, andererseits weil in trockener Luft die überall vorhandenen Fein- und Feinststäube mobiler sind. Zudem: selbst bestens gereinigte Teppiche begünstigen die Feinstaubmobilität!

Eines der Standardthemen der Schweizerischen Gebäudekultur ist die „Ringhörigkeit“ – das mag zwar ein Problem des hohen Anspruchs an die Individualität und „die eigenen vier Wände“ sein. Neuere Entwicklungen der Baukultur wie Minergie sollten allerdings den Schutz vor unerwünschten Geräuschen und Telefonieübertragungen zwischen Wohnungen zwingend einbeziehen. Es geht nicht an, hier dem Kostendruck nachzugeben oder ungeeignete Produkte zu akzeptieren.


Franz Beyeler wirkt in seinen Antworten häufig abwimmelnd, weil er als Ursache für festgestellten Mängel einzig handwerklichen Pfusch ortet. Dies ist definitiv zu einfach. Denn: bis jetzt waren es häufig die fähigsten PlanerInnen, die Minergie-Bauten erstellt haben, auch diese haben dabei dazugelernt – immer mehr wird Minergie zum breiten Baustandard – es kann auch sein, dass seit dem Beginn der Planungsarbeiten weitere Aspekte in die Qualitätssicherung eingeflossen sind. Neue Bauten, über die heute die ersten Betriebserfahrungen vorliegen, wurden vor mindestens 5 Jahren konzipiert. Die Stadtzürcher Wohnsiedlung Werdwies (entgegen dem NZZaS-Artikel nicht Minergie-zertifiziert, aber etwa den Vorgaben von Minergie entsprechend) entstand in den Jahren 2005 bis 2007 als Ersatzneubau am Ort der früheren Siedlung Bernerstrasse. Der Architekturwettbewerb wurde 2002 durchgeführt, die Ergebnisse der Befragungen lagen Ende 2009 vor. Im NZZaS-Artikel heisst es etwa dazu: 41% der befragten Personen waren mit der automatischen Lüftung mittelmässig oder gar nicht zufrieden. Man kann diese Ergebnisse so interpretieren – allerdings gaben etwa 3/4 der Befragten der Lüftung Note 4 oder besser (nach Schweizer Schulpraxis also mindestens genügend).

Minergie ist ein sich weiterentwickelnder Standard der Baukultur dauernd wandelt; daher ist es zentral, dass Wahrnehmungen von NutzerInnen – seien diese nun „gefühlt“ oder messtechnisch belegbar – zwingend in die Weiterentwicklung einfliessen. Das passiert auch – Minergie 2010 entspricht nicht mehr Minergie 2002! Der NZZaS -Artikel tut so, als müsse man das nächstes Jahr auf den Markt kommende iPhone 5 vergleichen mit einem der ersten Handyies aus Anfang der 90er-Jahre. Angesichts der langen Entwicklungs- und Lernzyklen und der sehr vielen Beteiligten an einem Bau- und Nutzungsprozess ist es ganz einfach: selbst 2010 ist man immer noch daran, die „Kinderkrankheiten“ der ersten Generation von Minergie-Bauten zu erkennen und zu behandeln! Anders funktionieren nun mal Innovationsprozesse nicht! Im übrigen sind auch Nicht-Minergie-Bauten nicht frei von banalsten Anfängerfehlern – siehe die breite Bauschaden-Geschichtsschreibung!

Spannend ist im NZZaS-Artikel der Beizug eines Baubiologen – nun hat diese metaphysische Richtung des Bauens die Eigenart, dass Aussagen auch einen Glaubenshintergrund haben. Herr Watter meint im wesentlichen, wegen diffusionsoffener Konstruktionen könne der gesamte erforderliche Luftaustausch bei baubiologischen Bauten über die Hülle erfolgen. Tja, dazu ist tatsächlich viel Glaube erforderlich – physikalisch „wissen“ nämlich die angesprochenen Bauteile nicht, was die BaubiologInnen von ihnen erwarten. Der für hygienische Wohnverhältnisse erforderliche Feuchtigkeits- und Luftaustausch lässt sich ohne Verletzung fundamentaler physikalischer Gesetzmässigkeiten nicht durch gleichzeitig diffusionsoffene und winddichte Konstruktionen hindurch bewegen – eine ausgleichende Wirkung auf die Raumluftfeuchtigkeit durch diffusionsoffene Wandoberflächen ist demgegenüber ohne Probleme möglich. Simpler Unsinn ist die Aussage, in (gut gedämmten) Gebäuden sei eine Lüftung darum erforderlich, um Schimmel zu verhindern. Nochmals, auch an die BaubiologInnen: eine Lüftung für ein Wohngebäude braucht es darum, um den hygienisch notwendigen Luftwechsel herbeizuführen. Zwar kann man dies auch mit 3 bis 5 mal täglicher Stosslüftung erreichen, spätestens in einem Gebiet mit Fluglärm ist dies ziemlich unangenehm – und eine Wärmerückgewinnung aus der warmen, feuchten Raumluft ist auf diese Art sicher nicht möglich. Interessant auch die Aussage des Baubiologen, erst das neue Label Minergie-Eco berücksichtigte die Qualität der verwendeten Materialien bis zu einem gewissen Grad. Nun, ich habe mich schon zum Thema Innovationsgeschwindigkeit im Bauwesen geäussert – mag deshalb sein, dass das bereits 2006 eingeführte Label Minergie-Eco tatsächlich noch neu ist …


Festzuhalten ist, dass sich auch zu diesem Thema die Individualität der Baumarkt-AkteurInnen zeigt, ähnlich wie bei den eigenartigen Ausführungen der ETHZ-DARCH-Professoren. Fakt ist, dass dies im Markt dazu führt, dass sehr viele willige AkteurInnen verunsichert werden über die angemessenen Massnahmen zur Energieeffizienz, zur Nutzung erneuerbarer Energien und damit zum Klimaschutz. Dies führt erfahrungsgemäss dazu, dass der Sanierungsstau noch grösser wird! Es ist endlich an der Zeit, die individuellen Egoismen zu vergessen und eine Konsensstrategie auf dem Weg in die 2000-Watt-Gesellschaft zu entwickeln. Ein guter Ansatz dazu: der Gebäudestandard der Energiestädte!


Erste Fassung 20.12.2010, Ergänzung 12.1.2013

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