Ein Teil der Gärten Europas liegt in Nordafrika. Wer die Kataloge der Reisebüros durchblättert, findet eine grosse Zahl von Ferienorten in Nordafrika. Erdgas auch in der Schweiz stammt zu einem bemerkenswerten Anteil aus Nordafrika. Es gäbe eine Vielzahl weiterer Beispiele.
Ebenso hat eine staunende Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen, dass die autoritären Herrscher(familien) in diesen Ländern ihre Macht mit Wissen und Billigung zahlreicher europäischer Staaten, der EU und der USA ausüben respektive ausgeübt haben. Ob wohl die Scheinparlamente und Scheinwahlen in diesen Ländern gerade mit dem Hintergrund der europäischen und nordamerikanischen Billigung gute Werbung für die Demokratie sind – nicht nur das Beispiel Ägypten zeigt, dass diese Scheindemokratien mit Billigung der vorgeblichen Musterdemokratien aus Europa und Nordamerika breiten Bevölkerungskreisen nicht gut bekommen sind. Wenn es tatsächlich stimmt, dass die Familie Mubarak 70 Milliarden Dollar Vermögen angehäuft hat, so wirkt die Billigung dieses Regimes mehr als eigenartig – gerade im Wissen darum, dass die Menschen in Ägypten nach wie vor in erheblichem Ausmass von Armut betroffen sind.
Auch in der Schweiz ist es durchaus üblich, dass zumindest die StammtischlerInnen „ausländische Beurteilungen“ alles andere als wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Die aktuellen Beispiele der Verhaltensweisen der autoritären Regimes auch aus Nordafrika zeigen, dass es offenbar bis jetzt keine anerkannte Form gibt, wie die Staatengemeinschaft Entwicklungen hin zur Demokratie einfordern kann. Auch die aktuellen Despoten kleben an der Macht … Hier besteht dringender Handlungsbedarf! Es kann und darf nicht sein, dass weltweit nur 30 Länder als funktionierende Demokratien gelten.
Möglicherweise hat die Duldung etwa des autoritären Regimes in Ägypten durch Europa und Nordamerika einen gewichtigen Hintergrund: das Wohlverhalten Mubaraks gegenüber Israel – siehe dazu ein bemerkenswerter Artikel von Einat Wilf, Knesset Mitglieder (früher der Arbeiterpartei, jetzt unabhängig). Ist die Politik Europas und Nordamerikas also eine Form des Management des „Pulverfasses Nahost“ – mit unbeherrschbaren Eskalationsformen? P.S. Israel gilt im Demokratieindex als „fehler- oder mängelbehaftete Demokratie“ – mit 6 % weniger Punkten als die „Musterdemokratie“ Italien …
Ein energiepolitischer Aspekt: Desertec beabsichtigt, solare Kraftwerke, die Solarstrom für Europa produzieren sollen, in Nordafrika, etwa in Marokko, zu bauen. Also in Ländern, die von Armut betroffen sind und den Strom eigentlich selber besser brauchen könnten. Auch die von der ETH-Architekturabteilung postulierte “Towards Zero-Emission Architecture” baut auf Strom aus Nordafrika. Es kann ja nicht sein, dass die Schweiz autoritäre Regimes z.B. in Nordafrika unterstützen muss, nur damit die SchweizerInnen weniger sparsam mit Energie umgehen können. Die 2000-Watt-Gesellschaft ist ein Beitrag zu mehr Demokratie, nicht nur in der Schweiz!
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Klar ist nur: die Menschheit muss sich dafür engagieren, dass so rasch als möglich die gesamte Energieversorgung der Menschheit ausschliesslich auf erneuerbaren Energien in nachhaltiger Nutzung abstützt. Das Potential und die Erscheinungsformen dieser erneuerbaren Energien sind so vielfältig, dass nicht jede sich bietende Gelegenheit zwingend genutzt werden muss. Dies heisst aber auch: im Gegensatz zur aktuellen Energieversorgung, welche sich schwergewichtig auf endliche, fossile Energieträger, hauptsächlich als Erdöl und Erdgas abstützt, bietet sich zukünftig die Chance auf eine breit diversifizierte Angebotspalette erneuerbarer Energien.
Es ist relativ nahe liegend: grosse Unternehmen wollen auch grosse Kraftwerke bauen, wollen grosse Projekte mit grossen Risiken und vielen Unwägbarkeiten, wollen schliesslich mit solchen Projekten Geld verdienen (im Erfolgsfall ist dies tatsächlich die „Nische“ der Grossunternehmen, denn dezentrale Projekte in unterschiedlicher Grössenstufe erfordern nicht die Potenz der Grossunternehmen, sondern können mit alltagstauglichen Investitionen realisiert werden) – und objektiverweise ist dieses Unterfangen komplexer als die Mondlandung: im Weltall gelten relativ einfache bewegungsdynamische Gesetze, und es reicht eine grössere Gruppe von Menschen, um das Projekt umzusetzen. Bei Desertec und anderen Grossprojekten ist ein sehr lang anhaltender Schnauf sehr vieler treibender Kräfte erforderlich, die sich auch durch absehbare Rückschläge nicht von ihrer Vision abbringen lassen – es braucht angesichts der langen Zeitdauer absehbar mindestens zwei Generationen solcher treibender Menschen. Eine echte Herausforderung sowohl an das Projektmanagement als an die Begeisterungsfähigkeit sehr vieler Menschen. Dazu kommt, dass auch diese Unternehmen nicht ausschliesslich auf Desertec (und mit Sicherheit weitere ähnliche Projekte) fokussieren dürfen, sondern immer auch noch parallele Entwicklungspfade verfolgen müssen.
Klar ist: Desertec hat eine sehr lange Zeitachse. Es braucht also daneben und parallel auch andere Formen der Nutzung der erneuerbaren Energien. Jede geeignete Dachfläche muss auch in Europa, also auch in der Schweiz, in Deutschland für die Nutzung der Sonnenenergie hergerichtet werden. Wärme und/oder Strom von der Sonne gehören schlicht bei jedem Gebäude dazu, spätestes bis in zwanzig Jahren (dies ist die typische Zykluszeit von technischen Einrichtungen im und am Gebäude). Dies reicht alleine jedoch nicht aus, den heutigen und voraussichtlich zukünftigen Energiebedarf der in diesen Gebäuden wohnenden Menschen abzudecken. Auch Biomasse, welche nicht in der Nahrungskette Verwendung findet, tiefe und untiefe Erdwärme/Geothermie, Wasserkraft, Windkraft sind zu nutzen (auch dies eigentlich Sonnenenergie, in umgewandelter Form), und zwar nachhaltig.
Entscheidend dabei: auch wenn jemand – wie heute die Verantwortlichen der Desertec Industrial Initiative – „Heureka“ ruft, so ist dies bestenfalls ein Hinweis auf einen kurzen Halt, ein Schauen nach links und rechts, eine Aufforderung zur Neugruppierung der liebgewonnenen eigenen Vorurteile – und dann weiter auf dem allenfalls korrigierten Kurs. Denn: die Herausforderung, das heutige vorwiegend fossil abgestützte und auf eine Minderheit der Weltbevölkerung ausgerichtete Energiesystem auf die vieldimensionale Nachhaltigkeit einer erneuerbaren Energieversorgung umzubauen, ist derart riesig, dass jeder Beitrag erforderlich ist. Denn: jede dieser Ideen hat das Potential sowohl des Durchbruchs als auch des Scheiterns.
Desertec – Stromproduktion in einer weit entfernten Wüste und Stromdurchleitung bis zu den VerbraucherInnen hier: dies steht deutlich in Kontrast zu Projekten wie „Schweiz erneuerbar“, „Bern erneuerbar“ oder – am 10. Juli 09, also wenige Tage vor dem Start der Desertec Industrial Initiative bekanntgegeben – „Zürich erneuerbar„.
Widerspruch oder gemeinsame Beiträge zur Problemlösung? Dies wird die Zukunft zeigen!
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