Als ich die Matura zu bestehen hatte, konnten erstmals Taschenrechner eingesetzt werden an der Maturaprüfung. Nur: es hat den Rechner schlicht nicht gebraucht zur Ablegung der Prüfung! Mit einfachen Kopfrechnungen und vielen theoretischen Ueberlegungen war diese Prüfung allerdings anspruchvoller als das Prüfen mechanistischer Fähigkeiten beim Handausrechnen komplizierter Berechnungsvorgänge.
Ich hab in meiner Ingenieur-Ausbildungszeit und auch an Weiterbildungen sehr viele Mathematik-Lektionen absolviert. Und ich brauche nach wie vor sehr intensiv mathematische Elemente in meiner Alltagsarbeit. Trotzdem: vieles der Mittelschulmathematik hat wenig bis gar nichts mit der Alltagsrealität auch anspruchsvoller technischer Arbeiten zu tun. Die Frage ist berechtigt: wie viel Nutzen vermag die aktuelle Mittelschulmathematik für den realen Berufsalltag der zukünftigen ExpertInnen zu stiften?
Wenn ich den aktuellen Mathematik-Unterricht in den Mittelschulen betrachte, fällt mir etwas auf: der Computer scheint nicht zu existieren. Selbstverständlich ist es wichtig, die „Geheimnisse“ beispielsweise einer linearen Regression zu kennen, damit dieses Hilfsmittel sinnvoll verwendet werden kann. Nur: Tabellenkalkulationsprogramme bieten „Trend“-Funktionen als Standard in verschiedener Ausprägung an. Und dies ist nun mal die Realität: wenn ich am Arbeitsplatz Daten analysiere, steht mir standardmässig eben auch eine Tabellenkalkulationssoftware zur Verfügung.
Es ist nun ziemlich billig, wenn die Bildungsverantwortlichen auf die schlechte Botschaft der schlechten Mathe-Kenntnisse der MaturandInnen mit der Absicht reagieren, einfach die Prüfungsanforderungen heraufschrauben zu wollen. Es ist eine blödsinnige Aussage, wenn gerade MathematikerInnen immer wieder behaupten, es gäbe nun mal Menschen mit unterschiedlicher Begabung für Mathematik, und dies als Begründung dafür heranziehen, warum auch der Mathematikunterricht an Mittelschulen in erster Linie an potentiellen MathematikstudentInnen ausgerichtet ist. Meine Erfahrung ist hier eine ganz andere: Mathematikabneigung wird geradezu durch den Mathematik-Unterricht gefördert – die sprichwörtliche Arroganz der Mathe-Genies ist nicht gerade die ideale Anfangsvoraussetzung, auch für Mathematik-Normal- und -Wenigbegabte die Faszination der Mathematik wirklich erschliessen zu können. Oder anders: warum fallen immer wieder gerade Mathematik-Lehrkräfte durch pädagogisches und didaktisches Ungeschick auf? – Vorbildliche Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Die Alltagsweisheit auch hier dazu: für den Lernerfolg sind nur in zweiter Linie die Grundvoraussetzungen der SchülerInnen massgebend. Entscheidend sind Vermittlungsklima und Begeisterungsfähigkeit der Lehrpersonen. Denn: der Mensch als im Kern neugieriges Wesen ist fasziniert von den Geheimnissen, die die Mathematik erschliessen kann. Es ist allerdings davon auszugehen, dass gerade der Mathematikunterricht an Mittelschulen diese Grundneugier nicht aufnehmen kann.
Fazit: der Mathematikunterricht an den Mittelschulen darf sich nicht überwiegend an die Mathematik-Talente richten, sondern hat dafür zu sorgen, dass ein grosser Teil der MaturandInnen Mathematik als Hilfsmittel versteht, die beitragen, alltägliche Phänomene besser zu verstehen – und dass es darum geht, mit diesen Kenntnissen Lösungen für Zukunftsherausforderungen zu finden. Auch dabei kann und soll und muss die alte Kunst Mathematik eine wichtige Rolle spielen.
The post Mathematik: eine alte Kunst first appeared on umweltnetz.ch.]]>Einzig ausgehend von der nachweislich falschen Behauptung, ein Kind brauche eine stabile Beziehung zur einen und genau einen Lehrperson als Bezugsperson, versteigt sich Frau Blocher in hochgradigen Unsinn und absurde Forderungen.
Nun ist es selbstverständlich so, dass alle Menschen in Bildungsfragen ExpertInnen sind, und allein wegen ihrer in der Regel mehrjährigen persönlichen Erfahrungen mit dieser Institution anschliessende Urteile zu fällen. Allerdings ist die Schule kein Kehrichtkübel, der einfach alle populistischen Anliegen sammelt und die SchülerInnen damit paniert. Gleichzeitig ist zu beachten, dass es selbstverständlich nur immer die zweitbeste Schule geben kann, weil alles und jederzeit verbesserungsfähig ist (ausser selbstverständlich die SVP).
Braucht ein Mensch genau eine Bezugsperson? Nein, definitiv nein! Menschen sind soziale Wesen, eine der zentralen Herausforderungen ist es, sich in diesem sozialen Gespinst zurechtzufinden. Dazu gehört unter anderem die Urteilsfähigkeit, zum Beispiel zur möglichst neutralen Einschätzung anderer Menschen. Es ist nun mal so, dass Menschen unterschiedlich sind, unterschiedliche Fähigkeiten haben, sowohl im intellektuellen, mentalen und emotionalen Bereich. Selbst kleine Kinder können bestens damit umgehen, dass ihre viele Bezugspersonen unterschiedlich sind, unterschiedlich reagieren, unterschiedliche Grenzen setzen. Für die menschliche Entwicklung ist es entscheidend, dass dieser Beziehungsopportunismus gepflegt wird. Es ist meine Pflicht, mich mit allen Menschen zu vertragen, aber es ist nicht meine Pflicht, alle Menschen gleich gut zu mögen!
Was nun, wenn die einzige und alleinige Lehrkraft und die SchülerIn auf keiner Ebene eine gemeinsame Verständigungsbasis finden? Die Erfahrung zeigt beispielsweise, dass der Lernerfolg nicht nur von den didaktischen und pädagogischen Fähigkeiten der Lehrperson abhängig ist, sondern auch eine starke emotionale Komponente wirkt. Gemeinsame Interessen und Eigenheiten sind beispielsweise verstärkende Faktoren für den Lernerfolg. Unterschiedliche Lehrpersonen sind also nicht ein Bildungsrisiko, sondern im Gegenteil die Bildungschance! Im übrigen: Spätestens ab Sekundarschul-Niveau findet der Wechsel zum Mehrpersonen-Lehrkörper so oder so statt.
Oder sorgt sich Frau Blocher um den SVP-Nachwuchs? Denn die SVP funktioniert nur dadurch, dass Menschen bei der Verabschiedung ihrer Lehrkraftbezugsperson direkt zu den SVP-Verführungs-Bezugskräften wechseln. Das Führerprinzip von klein auf!
Wenn mehrere Lehrkräfte gleichzeitig im gleichen Raum unterrichten, wird dadurch die Konzentrationsfähigkeit zumindest zu Beginn tatsächlich stärker gefordert. Allerdings ist zu beachten, dass solche Sequenzen auch wieder abgelöst werden von Fenstern für ruhiges und selbstständiges Arbeiten. Auch hier ist festzuhalten, dass in der Arbeitswelt solche belastenden Situationen zum Alltag gehören.
Frau Blocher widerspricht, wenn sie einerseits korrekt von der Gleichwertigkeit aller Menschen schreibt, diesen dann aber Einheitsunterricht vermitteln will. Die individuelle Förderung der unterschiedlichen Fähigkeiten, welche sich aus der Forderung nach Gleichwertigkeit ergibt, verlangt geradezu nach einem individualisierten Unterricht, sowohl zur Förderung der Fähigkeit als auch zur Beeinflussung der Schwächen. Frau Blocher bleibt wie ihr Mann die Antwort schuldig, wie dies mit der Einpersonenlehrkraft bewältigbar sein soll.
The post Wie der Herr, so auch die Dame… first appeared on umweltnetz.ch.]]>Die StudentInnen sind vor der Basisprüfung mindestens ein Jahr an der ETH. Wenn es der ETH nicht gelingt, die StudentInnen unabhängig von ihrer Vorbildung – im übrigen inhaltlich und juristisch als gleichwertig zu betrachten, es handelt sich immer um eine eidgenössisch anerkannte Matura – durch die Basisprüfungen zu bringen, so ist dies definitiv dem Versagen des pädagogischen und didaktischen System der ETH zuzuschreiben. Hochschule und Professorenschaft sind offenbar in erster Linie arrogant und selbstverliebt. Aus der Praxis ist bestens bekannt, dass viele an der ETH gescheiterte StudentInnen sowohl menschlich als auch fachlich beste Leistungen erbringen können.
Die Arroganz und Selbstverliebtheit der ETH führt dazu, dass viele eigentlich grundsätzlich für ETH-Studienrichtungen geeignete Menschen eine andere berufliche Laufbahn einschlagen. Da die ETH für sich in Anspruch nimmt, eine technische Hochschule zu sein, führt dies dazu, dass ein wachsender Anteil der Menschen ein gespanntes Verhältnis zu den technischen Aspekten des Wissens haben – trotz Technikabhängigkeit einer modernen Gesellschaft schwindet das Technikverständnis! Wie soll bei den Misserfolgsquoten der ETH ein Studium überhaupt attraktiv sein? Mit ihrer Arroganz und Selbstverliebtheit schädigt die ETH somit die Wissensbereiche, welche ausschliesslich an der ETH vermittelt werden. Wenn zudem beachtet wird, dass Oekonomie und Jurisprudenz sowohl von der Wissenschaft als auch von der Gesellschaft besser honoriert werden als die technischen Wissenschaften (obwohl diese für den Alltag der überwiegenden Teil der Bevölkerung unverzichtbar sind), ist es dringend nötig, dass die einen attraktiven Studienraum bietet und in der Lage ist, interessierte und engagierte Menschen zwar mit hohen Ansprüchen, aber trotzdem einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit durch das Studium zu führen. Offensichtlich gelingt dies dieser arroganten und selbstverliebten Hochschule derzeit nicht!
Es mag durchaus sein, dass der Anforderungskatalog für das Ablegen einer Matura anzupassen ist; dies entbindet aber die ETH nicht davor, jene StudentInnen, die ihr die Verantwortung für ihre Ausbildung anvertrauen, ernst zu nehmen und alles dafür zu tun, dass diese jungen Menschen ihren Berufsweg gut beginnen können. Die jetzige Haltung der ETH gegenüber Studierenden kann keinesfalls als nachhaltig bezeichnet werden. Derartige Medienmitteilungen und Studien unterstreichen die letztlich verächtliche Haltung der ETH.
The post ETH – arrogant und selbstverliebt first appeared on umweltnetz.ch.]]>Einige Tage später, am 26. August, stellte das NFP 52 den Bericht Kindheit und Jugend in der Schweiz.
Die zentralen Ergebnisse (als Zitat aus der Medienmitteilung, Link siehe oben):
Wenn nun die SVP „Disziplin und Ordnung“ als Grundsatz des Bildungssystems verlangt, signalisiert sie damit, dass sie nicht an eigenständigen und gefestigten Persönlichkeiten interessiert ist – das entspricht ja auch tatsächlich dem Bild, welches die SVP in der Öffentlichkeit vermittelt.
Die SVP spricht zudem systematisch von „Ausbildung“ – und dies als wiederholte Wortwahl in einem Bildungspapier. Ausbildung meint (gemäss Wikipedia) die standardisierte Vermittlung von anwendbaren Fertigkeiten, die zumeist der gewerblichen Berufsausübung dient. Dieser Begriff fokussiert zudem auf jener Person, die diese Ausbildung vermittelt, aus der Sicht des „Auszubildenden“ geht es um das Lernen – Lernender/Lernender ist deshalb auch die treffende Bezeichnung (was doch nur schon die Wortwahl mitteilt).
Bildung ist ein qualitativer Wert und meint das Schaffen von Grundwerten, damit jeder Mensch sein Menschsein – eigenständig, nach eigenen Vorstellungen und auf das Wohlergehen der andern Menschen – gestalten kann, ein Vorgang, welcher das ganze Leben dauert (dazu ein Spruch: Wer meint, er oder sie sei fertig ausgebildet, ist eingebildet). Erziehung hat daran einen Anteil, sicher auch Ausbildung – darum ist es ausgesprochen problematisch, wenn die SVP Erziehung auf die Eltern und Ausbildung auf die Schule beschränkt. Hier ist zu verlangen, dass alle Beteiligten – dazu gehören z.B. auch Verwandte, Bekannte, Freunde (sowohl der Eltern als der Kinder/Jugendlichen), in der Öffentlichkeit stehende Personen aus Politik, Sport und Kultur – wissen, dass sie durch Wort und Tat einen Beitrag zur Bildung anderer Menschen leisten. Wer wie die SVP will, dass Erziehung und Ausbildung so streng getrennt sind, ist offenbar daran interessiert, Bildungsferne zu kultivieren – auch das passt ja eigentlich zum Bild, dass die SVP in der Öffentlichkeit vermittelt.
Spannend auch, dass die SVP ihre Bildungspolitik negativ definiert, nämlich durch Abgrenzung von den 68ern. Abgesehen davon, dass in den 40 Jahren seit 1968 diverse gesellschaftliche Haltungen ihre Spuren hinterlassen haben, konzentriert die SVP ihre Kritik auf die Reformaktivitäten. Eine gewisse Zurückhaltung im Veränderungstempo scheint zwar manchmal angezeigt, andererseits sind die Herausforderungen an die heutige Zeit schlicht andere als in der 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Der menschgemachte Klimawandel, die grosse Bedeutung von Medien in teilweise neuen Formen (Internet), die Omnipräsenz der Elektronik in allen Lebensbereichen sind Herausforderungen, die auch bildungsmässig neue Zugänge erfordern. Mit dem Rückfall hinter die Reformbestrebungen der 68er würden Erziehung und Ausbildung junge Menschen in keiner Form auf das Leben in der heutigen Zeit vorbereiten. Eine höchst fragwürdige Sache – oder ist die SVP an manipulierbaren Menschenmassen interessiert, um ihre Diktaturgelüste befriedigen zu können?
Diese SVP-„Bildungspolitik“ ist in ihrer Summe sehr gefährlich, da sie nicht die jungen Menschen im Bild hat, sondern die Machtentfaltung der konservativen Kräfte (bei allem Respekt vor bewahrenden Aspekten zum Beispiel gegenüber der Schöpfung – nur genau diesen Aspekt meint die SVP in ihrer Politik nicht).
Als alternativer Denkansatz: die Forderung des Bildungsexperten Howard Gardner. Für das Überleben benötige die Menschheit fünf Intelligenzen: die disziplinierte, die synthetisierende, die kreative, die respektvolle und die ethische Intelligenz, siehe ein Beitrag aus dem Credit Suisse Fokus. Die SVP-„Bildungspolitik“ kann diesen Ansprüchen mit Sicherheit nicht genügen.
P.S. Die Schweiz hat 26 verschiedene Schulsysteme, mit unterschiedlichen Einstiegsaltern, Stufenwechseln, Lehrmitteln, Fächerkatalogen usw. Gerade die SVP verlangt von den Arbeitnehmenden eine hohe Flexibilität in der beruflichen Mobilität. Damit all jene Kinder, die wegen den wirtschaftlichen bedingten (und auch von der SVP gewollten) Jobwechseln ihrer Eltern den Schulort wechseln müssen, wenigstens etwas bessere Chancen haben, ist eine Harmonisierung des Schulwesens im Sinne von HarmoS eine zwingende Notwendigkeit.
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