{"id":6962,"date":"2017-10-11T15:20:41","date_gmt":"2017-10-11T13:20:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=6962"},"modified":"2017-10-11T15:30:56","modified_gmt":"2017-10-11T13:30:56","slug":"gebaeude-und-energiepolitik-fake-news-zum-performance-gap","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/gebaeude-und-energiepolitik-fake-news-zum-performance-gap","title":{"rendered":"Geb\u00e4ude und Energiepolitik: Fake-News zum \u00abPerformance Gap\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/gebaeude.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-full wp-image-6963\" \/><\/p>\n<p>Bei vielen Geb\u00e4uden besteht eine erhebliche Differenz zwischen dem aufgrund des Gesetzes errechneten theoretischen Energieverbrauch und dem Energieverbrauch im Betrieb. Diese Differenz hat allerdings kaum mit dem \u00abPerformance Gap\u00bb zu tun. Wer dies behauptet, verwechselt Ursache und Wirkung. Es gibt einen tats\u00e4chlichen \u00abPerformance Gap\u00bb \u2013 dieser geht aber bei schreierischen Botschaften vergessen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es ist schon vom Ansatz her klar, dass die etwa f\u00fcr den beh\u00f6rdlichen Nachweis erforderlichen Energieverbrauchsberechnungen wenig bis nichts mit dem tats\u00e4chlichen Energieverbrauch eines Geb\u00e4udes zu tun haben. Diese Nachweisverfahren auf Projektebene sind dazu bestimmt, im individuell-konkreten Fall eines einzelnen Bauprojektes die rechts- und lastengleiche Umsetzung der generell-abstrakten gesetzlichen Bestimmungen zu erreichen. Es braucht dazu standardisierte Berechnungsverfahren, bei denen viele der getroffenen Annahmen nicht mit den Alltagsrealit\u00e4ten \u00fcbereinstimmen. <\/p>\n<p>Bei Angaben zum Energieverbrauch von Bauten ist die Schweizer Norm 520 380\/1 \u00abThermische Energie im Hochbau\u00bb zu verwenden. Diese hat gem\u00e4ss den Hinweisen zur Anwendung der Norm drei Aufgabenstellungen zu bew\u00e4ltigen. Diese sind hier entsprechend Tabelle 1 dargestellt.<\/p>\n<table style=\"border:1px solid #cccccc;\">\n<th>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\"><strong>Optimierung<\/strong><br \/>(Planung und Optimierung)<\/td>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\"><b>Nachweis<\/b><br \/>(Vergleich mit Anforderungen und beh\u00f6rdlichen Vorgaben)<\/td>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\"><b>Messwertvergleich<\/b><br \/>(Vergleich mit gemessenen Werten)<\/th>\n<tr>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">Nutzung<\/td>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">erwartete Werte f\u00fcr das betreffende Objekt<\/td>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">Standardnutzung<\/td>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">bestbekannte Werte f\u00fcr das betreffende Objekt<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">Klimadaten<\/td>\n<td>langj\u00e4hrige Mittelwerte, bestbekannte Werte f\u00fcr Standort<\/td>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">langj\u00e4hrige Mittelwerte, Werte der n\u00e4chsten Klimastation bzw. der definierten Klimastation<\/td>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">Werte f\u00fcr Messperiode, bestbekannte Werte f\u00fcr Standort<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">Anforderungen<\/td>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">Bestellerforderung<\/td>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">Grenz- und Zielwerte, beh\u00f6rdliche Vorgaben<\/td>\n<td style=\"border:1px solid #cccccc;\">\u00dcbereinstimmung mit Messwerten<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p>Was bei den aktuellen Aussagen zum \u00abPerformance Gap\u00bb erfolgt: es werden in der Regel die Werte der Spalte \u00ab<strong>Nachweis<\/strong>\u00bb mit einem simplen Wert zum Heizenergieverbrauch, welcher beispielsweise f\u00fcr die Heizkostenabrechnung erstellt wurde, verglichen. Eingestandenermassen ist der \u00ab<strong>Messwertvergleich<\/strong>\u00bb sehr aufw\u00e4ndig, weil eine sehr grosse Zahl von Einflussgr\u00f6ssen detailliert zu ermitteln sind, von der exakten mittleren Raumtemperatur (welche nicht gleich der Raumlufttemperatur ist) \u00fcber die anwesenden Personen, die W\u00e4rmeabgabe dieser Personen oder die Pr\u00e4senzzeit, ebenso sind der exakte Stromverbrauch und die Luftwechselwerte zu ermitteln. Ebenso sind die massgeblichen Meteowerte am Standort zu messen (mindestens Aussentemperatur und Globalstrahlungswerte in den Hauptorientierungen).<\/p>\n<p>Alle Aussagen zur Differenz zwischen Nachweis- und Messwert, welche nicht den Vorgaben aus der Schweizer Norm 520 380\/1 \u00abThermische Energie im Hochbau\u00bb entsprechen, sind wertlos oder eben Fake News. Dies hat mit den Eigenheiten des Berechnungsverfahrens zu tun: Es werden die (W\u00e4rme-)Verluste und die (W\u00e4rme-)Gewinne je separat ermittelt \u2013 der Energieverbrauch ergibt sich als Differenz von Verlusten und Gewinnen. Bei heutigen Bauten ist die Differenz klein, was zu grossen Einfl\u00fcssen f\u00fchrt, wenn die Verlust- und Gewinnkomponenten fehlerbehaftet sind \u2013 bei Differenzbildung addieren sich die absoluten Fehler der einzelnen Berechnungskomponenten. Ein \u00abPerformance Gap\u00bb ist normkomform nur zwischen den Werten der Spalten \u00ab<strong>Optimierung<\/strong>\u00bb und \u00ab<strong>Messwertvergleich<\/strong>\u00bb m\u00f6glich. Alles andere ist \u00abFake News\u00bb!<\/p>\n<hr>\n<p>Eine zentrale Gr\u00f6sse zu diesem Vergleich findet sich im untersten Feld der Spalte \u00ab<strong>Optimierung<\/strong>\u00bb: BESTELLERFORDERUNG. Bauten werden in der Regel daf\u00fcr erstellt, damit Bed\u00fcrfnisse von NutzerInnen abgedeckt werden k\u00f6nnen. Die thermische Behaglichkeit, der Feuchtehaushalt, die Luftqualit\u00e4t haben den Anforderungen der NutzerInnen zu entsprechen. Im Nachweisverfahren nach Schweizer Norm  520 380\/1 \u00abThermische Energie im Hochbau\u00bb wird etwa in Wohnbauten von einer Raumtemperatur von 20 \u00b0C ausgegangen \u2013 selbst bei an die Jahreszeit angepasster Bekleidung ist dies bei sitzender T\u00e4tigkeit am Computer, auch in Wohnbauten eine h\u00e4ufige Situation, schlicht nicht komfortabel, selbst unter Einbezug von Suffizienz\u00fcberlegungen (mit Handschuhen l\u00e4sst sich nun mal schlecht am Computer arbeiten). 24 oder 25 \u00b0C, wie h\u00e4ufig berichtet wird, sollten es dann allerdings ebenfalls nicht sein. Wenn eine Verbrauchsanalyse all die relevanten Einflussgr\u00f6ssen nicht benennt, ist sie unbrauchbar. <\/p>\n<p>Wer ist nun bei Geb\u00e4uden zust\u00e4ndig daf\u00fcr, dass einerseits die NutzerInnen gute Konditionen vorfinden, andererseits die von der Bauherrschaft hoffentlich vertraglich eingeforderten tiefen Verbrauchswerte auch eingehalten werden? Ganz einfach: in den meisten F\u00e4llen derzeit niemand!<\/p>\n<p>Denn: Vorschriften beziehen sich ausschliesslich auf die Bauphase, es gibt keine Vorschriften, die den Betrieb von Geb\u00e4uden betreffen. So gibt es keine Bestimmungen, welche Raumtemperaturen maximal zul\u00e4ssig sind (bei Mindestvorgaben kommt das Mietrecht zur Anwendung). Nach dem Recht auf Unvernunft ist es zul\u00e4ssig, dass NutzerInnen wegen zu tiefen Raumtemperaturen reklamieren, selbst wenn sie im Winter im kurz\u00e4rmligen T-Shirt am Tisch sitzen. Auch richtiges L\u00fcften unter Ber\u00fccksichtigung von L\u00fcftungsanlagen kann nicht vorausgesetzt werden, im Gegenteil, es gilt geradezu als Tugend, im Sinne von Low Tech L\u00fcftungsanlagen abzulehnen und stattdessen mit dauernd gekippten Fenstern energieschwenderisch unterwegs zu sein. <\/p>\n<p>Ich stehe dazu: die Bed\u00fcrfnisse der NutzerInnen stehen im Vordergrund, die NutzerInnen sind aber in die Lage zu versetzen, sinnvolle Bed\u00fcrfnisse zu formulieren und ihren Beitrag zur Abdeckung dieser Bed\u00fcrfnisse zu leisten. NutzerInnen sind diesbez\u00fcglich nicht einfach passive DulderInnen, sondern reife, gebildete, sachkompetente Pers\u00f6nlichkeiten. Nudges und sachdienliche Information sind zwingend erforderlich.<\/p>\n<p>Was ist zu tun, damit der energetischen \u00abPerformance Gap\u00bb bei Geb\u00e4uden m\u00f6glichst gering gehalten wird? <\/p>\n<ul>\n<li>F\u00fcr jedes Bauvorhaben ist die zu erreichende energetische Qualit\u00e4t zu bestellen. Die Bestellung sollte deutlich \u00fcber die Forderung \u00abEinhaltung der gesetzlichen Bestimmungen\u00bb hinausgehen.<\/li>\n<li>Es ist jemand zu bezeichnen, der f\u00fcr die Einhaltung und den Nachweis dieser Qualit\u00e4t verantwortlich ist. Dabei hilft es sicher, die Honorare der Beteiligten erfolgsabh\u00e4ngig auszugestalten.<\/li>\n<li>Es ist daf\u00fcr zu sorgen, dass die NutzerInnen wissen,\n<ul>\n<li>welche \u00dcberlegungen zum Energiehaushalt eines Geb\u00e4udes bestehen,<\/li>\n<li>welche Absichten die eingesetzte Technik verfolgt und<\/li>\n<li>welches die Aufgaben und Pflichten der NutzerInnen sind.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gerade unter Ber\u00fccksichtigung der Chancen der Digitalisierung k\u00f6nnte da einiges erreicht werden &#8211; das zeigen verschiedene Beispiele mit klaren Kommunikationsabl\u00e4ufen und -m\u00f6glichkeiten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Eine der Reaktionen auf die Fake News \u00abPerformance Gap\u00bb war die Forderung, zuk\u00fcnftig ausschliesslich <a href=\"https:\/\/www.solaragentur.ch\/news\/minergie-haeuser-verschwenden-energie-die-loesung-plusenergiebauten\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">PlusEnergieBauten<\/a> zu realisieren. Dies ist sicher einer der Ans\u00e4tze zur Vermeidung des \u00abPerformance Gap\u00bb, weil damit eine eindeutige energetische Qualit\u00e4t bestellt wird, eine regelm\u00e4ssige Erfolgskontrolle erforderlich ist und auch die NutzerInnen aktiv einbezogen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Verwandete Ans\u00e4tze erm\u00f6glicht auch die <a href=\"http:\/\/www.redem.ch\/de\/initiative\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">REDEM-Einzelinitiative<\/a>, die derzeit aufgrund eines ablehnenden Antrags des Z\u00fcrcher Regierungsrates in einer kantonsr\u00e4tlichen Kommission beraten wird. Werden die Aussagen zum \u00abPerformance Gap\u00bb von den Fake News befreit, ergeben sich zahlreiche Argumente, damit der Kantonsrat diese Einzelinitiative definitiv unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei vielen Geb\u00e4uden besteht eine erhebliche Differenz zwischen dem aufgrund des Gesetzes errechneten theoretischen Energieverbrauch und dem Energieverbrauch im Betrieb. Diese Differenz hat allerdings kaum mit dem \u00abPerformance Gap\u00bb zu tun. Wer dies behauptet, verwechselt Ursache und Wirkung. 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