{"id":5128,"date":"2013-03-24T15:14:27","date_gmt":"2013-03-24T14:14:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=5128"},"modified":"2022-10-06T20:25:35","modified_gmt":"2022-10-06T18:25:35","slug":"erkaltung-wegen-atomausstieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/erkaltung-wegen-atomausstieg","title":{"rendered":"Erk\u00e4ltung wegen Atomausstieg?"},"content":{"rendered":"<p>In einem <a href=\"http:\/\/www.infosperber.ch\/Artikel\/Umwelt\/Lernen-von-China-Faire-Heizperiode\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a>, den ich zuerst als Satire las, aber sp\u00e4testens beim letzten Satz nur noch als Zynismus im Stile der $VP-Stammtischrunden verstand, macht sich der Journalist Peter G. Achten in Beijing gleichzeitig \u00fcber China und die Bruchst\u00fccke der Schweizerischen Energiepolitik lustig, ohne etwas von der Sache zu verstehen oder substanzielle Beitr\u00e4ge zur Probleml\u00f6sung anzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Herr Achten beschreibt die Praxis des Heizens oder Nicht-Heizens in China &#8211; Raumtemperaturen von 15 \u00b0C und Heizperioden unabh\u00e4ngig vom tats\u00e4chlichen Wettergeschehen ist aus seiner Sicht das, was in China Standard ist, mit Ausnahmen f\u00fcr die &#8222;Abzocker&#8220;. Und Herr Achten schl\u00e4gt ganz $VP-artig den Bogen zum Atomausstieg in der Schweiz &#8211; er empfiehlt China als &#8222;Trainingslager f\u00fcr den Atomausstieg&#8220;. So quasi als Erinnerung an den kalten Krieg, als kritischen Geistern nicht nur in der Schweiz das Billett &#8222;Moskau einfach&#8220; empfohlen wurde. Und als Folge dieses Trainingslagers verordnet er Erk\u00e4ltung. Sorry, Herr Achten, auch wenn Ihr Artikel auf der &#8222;kritischen&#8220; Plattform infosperber erschienen ist, das ist unterste Journalismus-Schublade, das k\u00f6nnte direkt aus der Propaganda-Abteilung der Atomwirtschaft stammen.<\/p>\n<p>Vorerst: auch wenn es &#8211; quasi als Altlast der Atomlobby &#8211; noch einige Elektroheizungen gibt in der Schweiz, auch wenn zuk\u00fcnftig immer mehr W\u00e4rmepumpen mit Strom betrieben, der Stromanteil f\u00fcr Heizungen ist in der Schweiz klein. Heizen ist vor allem ein Thema des <a title=\"Zukunft gestalten: weg von \u00d6l und Gas!\" href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/zukunft-gestalten-weg-von-ol-und-gas\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ausstiegs aus der fossilen Energien<\/a>. W\u00e4rmepumpen \u00fcbrigens vertragen sich bestens sowohl mit dem Atomausstieg und dem Ausstieg aus den fossilen Energien &#8211; sie geh\u00f6ren zu <a title=\"Nach-nuklear und nach-fossil: heute beginnen!\" href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/nach-nuklear-und-nach-fossil-heute-beginnen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einer fossil- und nuklearfreien Energieversorgung<\/a>.<\/p>\n<p>Sind chinesische Nicht-Heiz-Raumtemperaturen (siehe oben) eine Folge des Ausstiegs aus den fossilen Energien, sind somit Erk\u00e4ltungen eine Folge des Ausstiegs aus den fossilen Energien (sie sind auf jeden Fall nicht eine Folge des Atomausstiegs)? Vorerst ist festzuhalten, dass es bereits heute &#8211; also auch bei den in der Schweiz \u00fcblichen h\u00f6heren Raumtemperaturen &#8211; Erk\u00e4ltungen gibt. Oder mit einem Zitat aus <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erk%C3%A4ltung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikipedia<\/a>: <em>Die traditionelle und immer noch weit verbreitete Annahme, Erk\u00e4ltungen w\u00fcrden regelm\u00e4ssig allein durch K\u00e4lte \u2013 im wissenschaftlichen Sinne von W\u00e4rmeentzug als pathophysiologischer Mechanismus \u2013 beziehungsweise K\u00e4lteverursacher oder -formen wie beispielsweise Zugluft, N\u00e4sse, Unterk\u00fchlung verursacht, ist nicht korrekt. K\u00e4lte allein kann keine Erk\u00e4ltung ausl\u00f6sen, daher ist der Faktor K\u00e4lte keine hinreichende Bedingung. Da man auch an Erk\u00e4ltung erkranken kann, ohne zuvor K\u00e4lte ausgesetzt gewesen zu sein, ist K\u00e4lte ebenfalls keine notwendige Bedingung.<\/em> Herr Achten, Ihr Artikel ist nicht einmal bei den \u00fcberpr\u00fcfbaren Fakten korrekt.<\/p>\n<p>Die Raumtemperaturen sind, auch wenn sie nur eine Komponente des thermischen Raumkomfort ausmachen (mehr dazu im Beitrag <a title=\"Raumkomfort for Dummies\" href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/raumkomfort-for-dummies\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Raumkomfort for Dummies<\/a>), eine sehr emotionale Sache. Wie die thermische Raumkomfortforschung, zum Beispiel des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ole_Fanger\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">fr\u00fcheren d\u00e4nischen Professors P.O. Fanger<\/a>, ergeben hat, sind sehr viele Komponenten des Raumes, aber auch der NutzerInnen und Nutzer, f\u00fcr das Komfortempfinden verantwortlich. Es gibt dazu aufw\u00e4ndige Berechnungsverfahren mit der <a href=\"http:\/\/www.healthyheating.com\/solutions.htm#.UU761BnIbqs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mittleren Beurteilung (PMV) des Raumkomforts und der sich daraus ergebenden mittleren Unzufriedenheit (PPD)<\/a>. Im optimalen Zustand &#8222;neutral&#8220; sind nur 5 % der NutzerInnen mit dem Raumkomfort nicht zufrieden, die eine H\u00e4lfte davon w\u00fcnscht k\u00fchlere, die andere H\u00e4lfte w\u00e4rmere Verh\u00e4ltnisse. Da es sich dabei um Beurteilungen bei einer sehr grossen Zahl von Menschen handelt, k\u00f6nnen in der realen Alltagssituation die Unterschiede wesentlich st\u00e4rker wahrgenommen werden. Festzuhalten ist, dass es sich bei diesen Modellen um Ans\u00e4tze handelt, die den Energiehaushalt des K\u00f6rpers weitgehend exakt abbilden &#8211; der Wunsch nach einer mittleren Raumtemperatur von 21 \u00b0C bei sitzender T\u00e4tigkeit und einer dieser Arbeit angepassten Bekleidung hat also nichts mit Verweichlichung zu tun. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen sich Menschen &#8211; in Grenzen &#8211; auch mit einem &#8222;k\u00fchlen&#8220; oder gar &#8222;kalten&#8220; Komfortniveau (gem\u00e4ss PMV-Ans\u00e4tzen) arrangieren, dies ist dann eindeutig weit ausserhalb des Komfortniveaus. Mit hoher Wahrscheinlichkeit vertr\u00e4gt sich ein deutlich abgesenkter Raumkomfort auf die Dauer nicht mit den privaten und beruflichen Aktivit\u00e4ten einer Dienstleistungs-, Wissens- und Informationsgesellschaft.<\/p>\n<p>Aus meiner beruflichen T\u00e4tigkeit komme ich zum Schluss, dass die vorherrschende Raumtemperatur in den letzten 20 Jahren um zwei bis drei Kelvin angestiegen ist. Dies hat sehr viel damit zu tun, dass bei der Alltags-Bekleidung ein Trend hin zu einer All-Season-Garderobe stattfindet; dabei wird h\u00e4ufig das Zwiebelschalenprinzip (additive respektive subtraktive Schichten) ausser Acht gelassen. Da gleichzeitig &#8211; eben wegen dem immer h\u00f6heren Anteil Dienstleistungsarbeitspl\u00e4tze &#8211; vermehrt Computerarbeitspl\u00e4tze anzutreffen sind, ist davon auszugehen, dass hier der Reboundeffekt massiv gewirkt hat.<\/p>\n<p>Pro Grad Celsius h\u00f6here Raumtemperatur steigt der Energieverbrauch je nach Ausgangsniveau um f\u00fcnf bis acht Prozent, in \u00fcblichen Raumtemperaturbereichen wird von sechs Prozent ausgegangen. Daher meine Behauptung, dass bei optimierten Raumtemperaturen um 21 \u00b0C die Kyoto-Verpflichtungen der Schweiz wenigstens bei der Raumheizung locker eingehalten werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Bei (chinesischen) Raumtemperaturen von 15 \u00b0C k\u00f6nnte der Energieverbrauch f\u00fcr die Raumheizung bei massiver Einschr\u00e4nkung des Raumkomforts und erheblicher Erschwerung der Arbeitssituation vieler Erwerbst\u00e4tigen um weniger als einen Drittel gesenkt werden &#8211; dies ist zuwenig, um etwa die Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft einhalten zu k\u00f6nnen; es ist zudem darauf hinzuweisen, dass bei solchen tieferen Raumtemperaturen erhebliche Probleme mit Feuchtigkeitskondensation an kalten Stellen zu erwarten sind, die zu Schimmelpilzem f\u00fchren k\u00f6nne, was wenig zu einer nachhaltigen Alterung der Bausubstanz beitr\u00e4gt. Es f\u00fchrt nichts daran vorbei: <a title=\"Energiepolitik for Dummies \u2013 am Beispiel Geb\u00e4ude\" href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/energiepolitik-for-dummies-am-beispiel-gebaude\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">unsere Bauten m\u00fcssen energieeffizienter werden<\/a>, und wir m\u00fcssen uns darauf einstellen, pro Person weniger Fl\u00e4che zum Wohnen und zum Arbeiten zur Verf\u00fcgung zu haben, mit <a href=\"http:\/\/www.news.admin.ch\/message\/index.html?lang=de&amp;msg-id=46004\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reduktionseffekten auch auf die Mietzinsen<\/a>. Da in China die pro Person zur Verf\u00fcgung stehenden Fl\u00e4chen deutlich tiefer sind als in der Schweiz, zeigen die chinesischen Raumtemperaturen bloss, wie <a title=\"Nicht- und Fehldenk-ProfessorInnen\" href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/nicht-und-fehldenk-professorinnen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schlecht die energetische Qualit\u00e4t der chinesischen Bauten<\/a> sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Fazit: f\u00fcr die Energiepolitik der Schweiz k\u00f6nnen durchaus Lehren gezogen werden, aber nicht so, wie dies Herr Achten gerne m\u00f6chte. Sowohl der Ausstieg aus der Atomenergie als auch aus den fossilen Energien hat keine negativen Wirkungen auf die akuten Erk\u00e4ltungen und damit die Volksgesundheit, im Gegenteil. Der Weg in eine nuklear- und fossilfreie W\u00e4rmeversorgung ist m\u00f6glich bei gutem Raumkomfort und dank gesteigerter Energieeffizienz der Bauten, wenn es gleichzeitig gelingt, Rebound-Effekte wegzubringen und <a title=\"Wohnen: Klassenkampf oder Grenzen des Wachstums?\" href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wohnen-klassenkampf-oder-grenzen-des-wachstums\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die Anspr\u00fcche an die Fl\u00e4chen zu vermindern<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Artikel, den ich zuerst als Satire las, aber sp\u00e4testens beim letzten Satz nur noch als Zynismus im Stile der $VP-Stammtischrunden verstand, macht sich der Journalist Peter G. Achten in Beijing gleichzeitig \u00fcber China und die Bruchst\u00fccke der Schweizerischen Energiepolitik lustig, ohne etwas von der Sache zu verstehen oder substanzielle Beitr\u00e4ge zur Probleml\u00f6sung anzuf\u00fchren.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1,4],"tags":[844,624,37,1188,31,824,823,1189,1206,168,407,213],"class_list":["post-5128","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-energie-und-klimaschutz","tag-atomausstieg","tag-china","tag-energiepolitik","tag-fossilfreie-energieversorgung","tag-klimaschutz","tag-nichtfossil","tag-nichtnuklear","tag-nuklearfreie-energieversorgung","tag-raumkomfort","tag-schweiz","tag-verhalten","tag-wohnen"],"aioseo_notices":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5128","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5128"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5128\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8638,"href":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5128\/revisions\/8638"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}