{"id":4249,"date":"2012-12-16T23:08:25","date_gmt":"2012-12-16T22:08:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=4249"},"modified":"2013-11-10T20:14:41","modified_gmt":"2013-11-10T19:14:41","slug":"minergie-bashing-lasst-sich-tamedia-instrumentalisieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/minergie-bashing-lasst-sich-tamedia-instrumentalisieren","title":{"rendered":"Minergie-Bashing: l\u00e4sst sich Tamedia instrumentalisieren?"},"content":{"rendered":"<p>Geb\u00e4ude, insbesondere \u00f6ffentliche Bauten, werden h\u00e4ufig als &#8222;prototypische Architektur&#8220; realisiert. In verschiedenen Fachdisziplinen werden komplizierte, teilweise innovative Konzepte entworfen und realisiert. Laut <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Prototyp_%28Technik%29\" target=\"_blank\">Wikipedia<\/a> setzt sich der Begriff Prototyp aus den altgriechischen Teilw\u00f6rtern <em>protos<\/em> (der Erste) und <em>typos<\/em> (Urbild, Vorbild) zusammen. Wenn nun Tamedia die zu erwartenden Schwierigkeiten w\u00e4hrend den ersten Betriebsmonaten solcher neuer Geb\u00e4ude als Folge des Erfolgsmodells Minergie darzustellen versucht, entsteht der Verdacht, dass sich Tamedia hat instrumentalisieren lassen.<\/p>\n<p><!--more-->  <\/p>\n<p>Die Erstellung eines Geb\u00e4udes ist ein komplexer Prozess. Es sind unter anderem vielf\u00e4ltige Energie- und Klimaschutzaspekte zu beachten. W\u00e4hrend etwa die W\u00e4rmed\u00e4mmung eines Geb\u00e4udes als statisches, passives Element betrachtet werden kann, stehen eine grosse Zahl von Haustechnikkomponenten &#8211; von Beleuchtung \u00fcber Heizung\/L\u00fcftung bis zur Sicherheitstechnik &#8211; in direkter Interaktion mit den Geb\u00e4ude-NutzerInnen. Diese dynamischen Komponenten beeinflussen sich gegenseitig, zumindest teilweise. <\/p>\n<p>Da der Markt davon ausgeht, Geb\u00e4ude k\u00f6nnten einfach so genutzt werden (schliesslich haust der Mensch seit der Steinzeit), wird nicht beachtet, dass gerade in Geb\u00e4uden mit tiefem Energieverbrauch die NutzerInnen erheblichen Einfluss auf die tats\u00e4chlich erreichte energetische Qualit\u00e4t haben &#8211; ein Grad weniger Raumtemperatur vermindert etwa den Heizenergieverbrauch um etwa sechs Prozent (siehe dazu mein Blog-Beitrag &#8222;<a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/raumkomfort-for-dummies\" title=\"Raumkomfort for Dummies\" target=\"_blank\">Raumkomfort for Dummies<\/a>&#8222;). <\/p>\n<p>Gerade bei neuen Konzepten, bei prototypischen Ans\u00e4tzen erst recht ist es zwingend erforderlich, dass die NutzerInnen \u00fcber Eigenheiten eines Geb\u00e4udes informiert werden. Es ist davon auszugehen, dass heute gebaute Geb\u00e4ude mindestens 2 Jahre brauchen, bis sie die &#8222;Nutzungsreife&#8220; erlangen &#8211; auch bei Softwareprodukten gilt schliesslich der Spruch &#8222;Das Produkt reift bei den KundInnen&#8220; oder die Metapher &#8222;Bananenprodukt&#8220;. Das ist bei Geb\u00e4uden definitiv nicht anders.<\/p>\n<p>Die Medien der Tamedia haben in den letzten Wochen in fachlich massiv unqualifizierter Weise \u00fcber zwei aktuelle Beispiele neuer Bauten (des Kantons Z\u00fcrich) berichtet: unter dem reisserischen Titel <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/zuerich\/stadt\/Student-faellt-in-der-Gesangsstunde-in-Ohnmacht-\/story\/19116434\" target=\"_blank\">Student f\u00e4llt in der Gesangsstunde in Ohnmacht<\/a> mit dem Untertitel &#8222;<em>Im t\u00e4glichen Gebrauch zeigt sich die Kehrseite des Minergie-Standards<\/em>&#8220; wurde am 1.12.2012 einige Wochen nach Semesterbeginn (also ganz zu Beginn der allgemeinen Lernphase mit diesem Geb\u00e4ude) \u00fcber Ger\u00fcchte und &#8222;Kriminalstories&#8220; aus dem Neubau der P\u00e4dagogischen Hochschule an der Europaallee in Z\u00fcrich berichtet. Kritisiert werden etwa, dass nicht \u00f6ffenbare Fenster vorhanden sind, es wird stickige Luft bem\u00e4ngelt, w\u00e4hrend gleichzeitig zu trockene Luft angef\u00fchrt wird (die Sachkompetenz der Tamedia-Crew zeigt sich darin, dass niemandem der offensichtliche Widerspruch aufgefallen ist: trockene Luft weist auf einen hohen, allenfalls gar zu hohen Aussenluftwechsel hin, w\u00e4hrend stickige Luft ein Zeichen f\u00fcr einen deutlich zu tiefen Aussenluftwechsel ist, zu dieser Inkompetenz passt auch, dass behauptet wird, es gebe w\u00e4hrend 8 Stunden keine Frischluft), ebenso wird wegen des Kunstlichts reklamiert. Nicht ganz in diese Reihe passt auch der Ratschlag, gen\u00fcgend zu trinken: es handelt sich dabei um einen allgemeinen Hinweis der Gesundheitsf\u00f6rderung!<\/p>\n<p>Es handelt sich dabei um eine Hochschule &#8211; unter anderem wurde hier das Minergie-Label angestrebt. Einige hundert Meter \u00f6stlich davon stehen die Bauten von ETH und Uni Z\u00fcrich. Auch dort gibt es eine sehr grosse Zahl von innenliegenden H\u00f6rs\u00e4\u00e4len und weiteren Unterrichtsr\u00e4umen &#8211; ebenfalls mit Kunstlicht, ebenfalls mit L\u00fcftungsanlagen, ebenfalls ohne \u00f6ffenbare Fenster. Diese H\u00f6rs\u00e4\u00e4le sind seit Jahrzehnten in Betrieb, auf alle F\u00e4lle deutlich vor den Zeiten des Minergie-Labels. Was ich aber weiss: auch diese H\u00f6rs\u00e4\u00e4le und deren technische Einrichtungen werden regelm\u00e4ssig \u00fcberpr\u00fcft, es finden technische und energetische Betriebsoptimierungen statt, \u00fcber die regelm\u00e4ssig in der Fachliteratur berichtet wird. Das ist ganz allt\u00e4gliches Gesch\u00e4ft, das ist Normalfall, auch wenn das die Skandalmedien des Tamedia-Konzerns noch nicht gemerkt haben! Es gibt also keinen Grund, \u00fcber die PH-Neubauten in dieser Form zu berichten, und es gibt erst recht keinen Grund, die \u00fcblichen Startschwierigkeiten mit Minergie in Verbindung zu bringen.<\/p>\n<p>Zwei Wochen sp\u00e4ter folgt ein Artikel mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/zuerich\/stadt\/Schlechtes-Klima-im-Obergericht\/story\/13881385\" target=\"_blank\">Schlechtes Klima im Obergericht<\/a> und dem Lead &#8222;<em>Das 82 Millionen teure Minergie-Haus in der Z\u00fcrcher Altstadt beschert dem Personal ausgetrocknete Schleimh\u00e4ute, Juckreiz, Kopfweh und brennende Augen.<\/em> Wieder sind die gleichen massiv unqualifizierten und damit falschen Fachaussagen zur <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/raumkomfort-for-dummies\" title=\"Raumkomfort for Dummies\" target=\"_blank\">Thermodynamik der feuchten Luft<\/a> zu lesen (dauernde Wiederholung macht allerdings die Sache nicht besser). Auch hier geht es wieder darum, dass einerseits die aufgrund des hygienisch erforderlichen Luftwechsels tiefe relative Raumluftfeuchten resultieren bei gleichzeitig hohen Raumtemperaturen, siehe auch dazu mein Blog-Beitrag &#8222;<a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/raumkomfort-for-dummies\" title=\"Raumkomfort for Dummies\" target=\"_blank\">Raumkomfort for Dummies<\/a>&#8220; (auch der wird allerdings durch die wiederholte Zitierung nicht noch besser). Es gibt also keinen Grund, \u00fcber das Geb\u00e4ude des Z\u00fcrcher Obergerichts in dieser Form zu berichten, und es gibt erst recht keinen Grund, die \u00fcblichen Startschwierigkeiten mit Minergie in Verbindung zu bringen.  <\/p>\n<hr>\n<p><p>Nun, die Tamedia-Publikationen betreiben seit l\u00e4ngerem (ganz im Sinne der Climate Criminals) <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/warum-macht-der-tages-anzeiger-das-minergie-label-schlecht\" title=\"Warum macht der Tages-Anzeiger das Minergie-Label schlecht?\" target=\"_blank\">Bashing bei Energie- und Klimaschutzthemen<\/a>. Also sind solche Artikel wirklich keine \u00dcberraschung.<\/p>\n<p>Allerdings ist bei diesen aktuellen Beispielen zu vermuten, dass die Tamedia-SchreiberInnen von aussen instrumentalisiert wurden. Im Gemeinderat der Stadt Z\u00fcrich hat die FDP-Fraktion am 28. November 2012 (also einige Tage vor dem ersten Artikel von Tamedia) einen Vorstoss mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.gemeinderat-zuerich.ch\/Geschaeft_Details.aspx?ID=94170ef6-cb2a-4ee8-b277-a07a009ed2cd\" target=\"_blank\">Auflistung der \u00f6kologischen, energetischen und wirtschaftlichen Vor- und Nachteile verschiedener Geb\u00e4udestandards bei der Erstellung sowie beim Betrieb eines Bauobjektes<\/a> eingereicht, welcher darauf abzielt, bei st\u00e4dtischen Bauten, insbesondere Schulh\u00e4usern, auf das gem\u00e4ss den <a href=\"http:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/content\/dam\/stzh\/hbd\/Deutsch\/Hochbau\/Weitere%20Dokumente\/Nachhaltiges_Bauen\/4_Vorgaben\/1%20Grundsaetze\/12.03.12_Richtlinie_7_Meilenschritte.pdf\" target=\"_blank\">7-Meilenschritten zum umwelt- und energiegerechten Bauen<\/a> vorgegebene Einhalten des Minergie-P-Labels zu verzichten. Ausl\u00f6ser dieses Vorstosses: Am 5. September 2012 hat der Stadtrat von Z\u00fcrich zuhanden des Gemeinderates die Weisung f\u00fcr den Bau des Schulhauses Blumenfeld verabschiedet, verbunden mit einer Medienmitteilung mit dem Titel Schulanlage <a href=\"http:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/content\/hbd\/de\/index\/ueber_das_departement\/medien\/medienmitteilungen\/2012\/september\/120905a.html\" target=\"_blank\">Blumenfeld \u2013 Premiere in Minergie-P-Eco<\/a>! Am 18.9.2012, knapp zwei Wochen darauf, titelte Tamedia: <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/zuerich\/stadt\/Das-teuerste-Schulhaus-von-Zuerich\/story\/25278707\" target=\"_blank\">Das teuerste Schulhaus von Z\u00fcrich<\/a>. Wie der FDP-Vorstoss zeigt, geht offenbar ein Teil der Politik davon aus, dass der hohe Preis des Schulhauses Blumenfeld ausschliesslich auf den Minergie-P-Eco-Standard zur\u00fcckzuf\u00fchren ist &#8211; eine falsche und absurde Annahme! <\/p>\n<p>Dieses <a href=\"http:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/content\/hbd\/de\/index\/hochbau\/geplante_bauten\/sh_blumenfeld.html\" target=\"_blank\">Schulhaus<\/a> wird vom <a href=\"http:\/\/www.agps.ch\/office\/\" target=\"_blank\">office agps.architecture<\/a> geplant. Das &#8222;a&#8220; im Firmenk\u00fcrzel steht zum Beispiel f\u00fcr Marc Ang\u00e9lil, an der ETH Z\u00fcrich auch Professor f\u00fcr Architektur und Entwurf. Und dies im Departement Architektur, welches sich bekanntlich gegen Energieeffizienz beim Bauen wehrt (Stichwort <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/nicht-und-fehldenk-professorinnen\" title=\"Nicht- und Fehldenk-ProfessorInnen\" target=\"_blank\">Towards Zero-Emission Architecture<\/a>). Originalzitat Professor Marc Ang\u00e9lil: \u00ab<a href=\"http:\/\/www.ethlife.ethz.ch\/archive_articles\/101118_Interview_Zeroemission_Angelil\/index\" target=\"_blank\">Jeder Mensch soll seine CO2-Emissionen auf eine Tonne reduzieren, wie viel Energie er dabei verbraucht, ist nicht wesentlich<\/a>\u00bb. Damit bin ich leider schon wieder dort, wo ich eigentlich nicht mehr hin will: bei <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/endlos-loops\" title=\"Endlos-Loops\" target=\"_blank\">Endlos-Loops<\/a>!<\/p>\n<p>Diese Zusammenh\u00e4nge und Abh\u00e4ngigkeiten lassen den Verdacht entstehen, Tamedia habe sich f\u00fcr das Bashing des Minergie-Labels instrumentalisieren lassen!<\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geb\u00e4ude, insbesondere \u00f6ffentliche Bauten, werden h\u00e4ufig als &#8222;prototypische Architektur&#8220; realisiert. In verschiedenen Fachdisziplinen werden komplizierte, teilweise innovative Konzepte entworfen und realisiert. Laut Wikipedia setzt sich der Begriff Prototyp aus den altgriechischen Teilw\u00f6rtern protos (der Erste) und typos (Urbild, Vorbild) zusammen. 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