{"id":29,"date":"2007-03-04T16:48:33","date_gmt":"2007-03-04T15:48:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/marcel-speiser-liebt-seine-lampe-ziele-statt-einzelmassnahmen-in-der-energiepolitik\/"},"modified":"2007-11-17T01:24:00","modified_gmt":"2007-11-17T00:24:00","slug":"marcel-speiser-liebt-seine-lampe-ziele-statt-einzelmassnahmen-in-der-energiepolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/marcel-speiser-liebt-seine-lampe-ziele-statt-einzelmassnahmen-in-der-energiepolitik","title":{"rendered":"Marcel Speiser liebt seine Lampe &#8211; Ziele statt Einzelmassnahmen in der Energiepolitik"},"content":{"rendered":"<p>Im City-Bund Z\u00fcrich des Tages-Anzeigers vom 3. M\u00e4rz 2007 outet sich TA-Redaktor Marcel Speiser als Liebhaber seiner Lampe: er liebt ein italienisches Designst\u00fcck mit neun Gl\u00fchbirnen und Duschschlauch-\u00e4hnlichen Armen. Wegen diesen neun Gl\u00fchbirnen ist Herr Speiser zum Klima-Rowdy geworden &#8211; er verspricht sogar \u00f6ffentlich, dass nie und nimmer Stromsparlampen an diese Wohnzimmerlampe kommen.<!--more--><\/p>\n<p>Was hat denn eigentlich Herr Speiser gegen Stromsparlampen? Nun, das sagt er leider nicht. Dies ist wirklich nicht zu verstehen: Stromsparlampen lassen sich bereits heute je nach Typ \u00e4usserlich kaum mehr von Gl\u00fchbirnen unterscheiden. Und immer noch gibt es Entwicklungspotential. Die historische Gl\u00fchbirnenform ist energetisch alles andere als optimal, nur haben sich die LichtnutzerInnen an dieses Aussehen gew\u00f6hnt &#8211; und Leute wie Marcel Speiser verlieben sich gar in diese anachronistischen Leuchtk\u00f6rper&#8230;<\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser dieses Textes d\u00fcrfte mit hoher Wahrscheinlichkeit die Absicht der australischen Regierung sein, ab dem Jahr 2010 die vor mehr als 125 Jahren erfundenen Gl\u00fchbirnen zu verbieten. Durchaus eine gute Absicht: diese Gl\u00fchbirnen brauchen schlicht \u00fcberm\u00e4ssig Energie &#8211; f\u00fcnf mal mehr als Stromsparlampen.<\/p>\n<p>Ehrlicherweise ist es mir ziemlich egal, ob Herr Speiser weiterhin Gl\u00fchbirnen zur Verf\u00fcgung hat. Was mir nicht egal ist: ob auch er zur deutlichen Verminderung des Energieverbrauchs beitr\u00e4gt. Diese Verminderung ist erforderlich, um die menschgemachte Ver\u00e4nderung des Klimas auf ein Mass zu begrenzen, das f\u00fcr die gesamte Menschheit, f\u00fcr den Planeten Erde erforderlich ist. So rasch als m\u00f6glich ist dazu n\u00e4mlich der Energieverbrauch um den Faktor Drei, besser sogar um den Faktor Vier zu vermindern. Mit Internet-Instrumenten wie dem <a href=\"http:\/\/www.ecospeed.ch\/\" target=\"_blank\">ECO2-Rechner<\/a> kann nicht nur Herr Speiser ausrechnen, welche &#8222;Hausaufgaben&#8220; noch zu l\u00f6sen sind.<\/p>\n<p>Am 3. M\u00e4rz 2007 hat sich in Z\u00fcrich die CVP Schweiz getroffen, zur Delegiertenversammlung. Nach Medienberichten hat sich diese Delegiertenversammlung im heiteren Sammeln von Energiespartipps ge\u00fcbt &#8211; mit der Absicht, diese Tipps-Sammlung in Gesetzesform zu giessen.<\/p>\n<p>Drei Anmerkungen dazu:<\/p>\n<ol>\n<li>Diese Tipps-Sammlung ist in den Jahren seit der Erd\u00f6lpreis-Krise 1973 kontinuierlich gewachsen. Meine eigene Sammlung enth\u00e4lt unterdessen ganz genau 1732 Tipps, regelm\u00e4ssig kommen neue dazu. Sehr sch\u00f6n, dass auch die CVP Energieeffizienz als Thematik erkannt hat, leider sehr sehr sp\u00e4t, aber lieber sp\u00e4t als nie. Im \u00fcbrigen: die nach wie vor von der CVP propagierten Wassersparsets am Auslaufsieb sind aus technischer Sicht sehr problematisch &#8211; auch dies ist seit einigen Jahren bekannt.<br \/>Es ist schon erstaunlich, dass eine Volkspartei wie die CVP \u00fcber 30 Jahre braucht, um herauszufinden, dass es da einiges zu tun g\u00e4be &#8211; offenbar ist diese Partei bis jetzt vor allem als Energieeffizienz-Verhinderungs-Partei t\u00e4tig gewesen.<\/li>\n<li>Die Erfahrung zeigt, dass diese Spartipps seit Jahren viel zu wenig umgesetzt werden. Es gibt dazu eine grosse Zahl von Gr\u00fcnden, die wichtigsten davon:\n<ul>\n<li>Die Energiepreise l\u00fcgen: sie vermitteln nicht die richtigen Kostensignale zur Beg\u00fcnstigung von klugen Energiespar-Entscheiden. Auch die CVP geh\u00f6rt zu jenen Kreisen, die den unsinnigen Klimarappen unterst\u00fctzt haben und sich mit aller Energie f\u00fcr die Verz\u00f6gerung und Verw\u00e4sserung der CO<sub>2<\/sub>-Abgabe eingesetzt haben. Eine \u00f6kologische Finanzreform mit einer stark lenkenden Energieabgabe ist dringlich erforderlich!\u00a0<\/li>\n<li>Die nationale Energiepolitik hat sich bis jetzt vor allem auf die Stromproduktion konzentriert &#8211; auch die CVP geh\u00f6rt zu den Parteien, die bis anhin vor allem f\u00fcr die Interessen der Stromwirtschaft lobbyiert hat.Wenn sich die CVP bereits bis anhin glaubw\u00fcrdig f\u00fcr die Energieeffizienz engagiert h\u00e4tte, w\u00fcrde sich die Frage &#8222;Neues Atom- oder Gaskraftwerk&#8220; nicht stellen &#8211; ein Dilemma, in das sich auch die CVP selber hineingearbeitet hat!<\/li>\n<li>Energieeffizienz war bis anhin kein priorit\u00e4res Politikziel der Mehrheit. Es ist auffallend, dass in vielen Diskussionen nach wie vor der eierkochende (Alt-)Bundesrat Adolf Ogi als Vorzeigeobjekt f\u00fcr Energiespartipps genannt wird, obwohl dieses Ereignis vor rund 20 Jahren stattfand! Diverse Untersuchungen zeigen, dass zentrale AkteurInnen (Hauseigent\u00fcmerInnen, PlanerInnen, Handwerkerinnen, usw.) sehr schlecht \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Energieffizienz informiert sind &#8211; es ist zu hoffen, dass der Einbezug von Energieeffizienz in das Tagungsprogramm einer weiteren Grosspartei hier deutliche qualitative Ver\u00e4nderungen bewirkt.<\/li>\n<li>Immer wieder wird behauptet, Miet- und Steuerrecht seien hindernde Elemente bei der Realisierung der Energieeffizienz. Wenn dem tats\u00e4chlich so ist, hat die Politik einmal mehr versagt, die Politik hat es bis anhin nicht geschafft, mehrheitsf\u00e4hige Ver\u00e4nderungen im Interesse der Energieffizienz und des Klimaschutzes herbeizuf\u00fchren.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Der CVP-Parteipr\u00e4sident Christophe Darbellay distanziert sich von &#8222;rot-gr\u00fcnen Utopien&#8220;. Leider f\u00fchrte er nicht an, was darunter zu verstehen ist. M\u00f6glicherweise meint er damit das Thema &#8222;2000-Watt-Gesellschaft&#8220; &#8211; eine Verminderung des Energieverbrauchs um mindestens den Faktor Drei, so rasch als m\u00f6glich. Nur: dies ist eben keine Utopie, sondern eine zwingende Notwendigkeit &#8211; energiepolitische Forderungen k\u00f6nnen angesichts der dr\u00e4ngenden Probleme gar nicht zu radikal sein.<br \/>Nicht eine willk\u00fcrliche Auswahl von Energiespartipps im Sinne der CVP-DV muss realisiert werden, sondern es geht darum, Entscheide im Hinblick auf l\u00e4ngerfristige ambiti\u00f6se Ziele zu f\u00e4llen: wer heute baut, beeinflusst den Energieverbrauch von Bauten w\u00e4hrend den n\u00e4chsten 80 bis 100 Jahren, wer einen K\u00fchlschrank kauft, bestimmt die energetische Qualit\u00e4t dieses wichtigen Energieverbrauchers im Haushalt f\u00fcr die n\u00e4chsten 12 bis 15 Jahre, und so weiter und so fort. Es muss sichergestellt werden, dass bei jedem Entscheid mit Energierelevanz die im Moment des Entscheides bestverf\u00fcgbare Technologie eingesetzt wird. Es m\u00fcssen also nicht nur 10 beliebig ausgew\u00e4hlte Energiespartipps umgesetzt werden, es geht um 100, gar 1000 und mehr Einzelmassnahmen &#8211; darunter auch solche, die zumindest f\u00fcr einzelne schmerzhaft sind (zum Beispiel h\u00f6chstens ein Drittel der heutigen Fl\u00fcge). Ein solches Umsetzungsprogramm l\u00e4sst sich nicht ausschliesslich mit Gesetzen und Vorschriften realisieren, dazu braucht es eine eigentliche gesellschaftliche Bewegung, vergleichbar mit dem Plan Wahlen, der &#8222;Anbauschlacht&#8220; f\u00fcr die Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung der Schweiz w\u00e4hrend des Weltkrieges.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Als Fazit f\u00fcr eine zukunftstaugliche Energiepolitik:<\/p>\n<ul>Klare Zielvorgaben: Reduktion des Energieverbrauchs um mindestens den Faktor Drei &#8211; Verminderung des CO<sub>2<\/sub>-Ausstosses auf h\u00f6chsten 1 Tonne CO<sub>2<\/sub> pro Kopf und Jahr.\u00a0\t<\/p>\n<li>Gute Aufgabenteilung: die Politik gibt die Ziele vor, Fachleute und Verwaltung bestimmen die Detailmassnahmen, die erforderlich sind, um die Ziele  zu erreichen.<\/li>\n<li>Eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr die Umsetzung einer zukunftsgerichteten Energiepolitik: eine stark lenkende Energieabgabe mit vollst\u00e4ndiger R\u00fcckerstattung! Haushalte und Unternehmen, die ihren eigenverantwortlichen Klimaschutzbeitrag leisten, sollen am Schluss mehr im Portemonnaie haben als EnergieverschwenderInnen. Die Abgabenh\u00f6he ist dabei einzig im Hinblick auf die Zielerreichung festzulegen &#8211; und nicht aufgrund politischer Opportunit\u00e4ten, wie das bei der momentan diskutierten Rumpf-CO<sub>2<\/sub>-Abgabe leider der Fall ist.<\/li>\n<li>Personen, die in der Oeffentlichkeit stehen &#8211; aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport &#8211; zeigen bei der Energieeffizienz und beim Einsatz erneuerbarer Energien vorbildhaftes Verhalten. Energieffizienz muss mindestens mit gleichem Enthusiasmus unter die Leute gebracht werden wie zum Beispiel die (Fussball-)Euro 08.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn es TA-Redaktor Marcel Speiser gelingt, den Energieverbrauch und den CO2-Ausstoss auf ein global vertr\u00e4gliches Mass zu senken, soll er seine Liebschaft zum energieverschwendenden Gl\u00fchlampen-Design-Monster weiterhin pflegen k\u00f6nnen &#8211; auch wenn es kl\u00fcger w\u00e4re, die mehr als musealen &#8222;Leucht\u00f6fen&#8220; ausser Betrieb zu nehmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/die-schweiz-braucht-keine-neuen-akws-oder-gaskraftwerke-und-kann-und-soll-die-bestehenden-kernkraftwerke-so-rasch-als-moglich-stilllegen\/\">verwandter Beitrag zum gleichen Thema<\/a>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im City-Bund Z\u00fcrich des Tages-Anzeigers vom 3. M\u00e4rz 2007 outet sich TA-Redaktor Marcel Speiser als Liebhaber seiner Lampe: er liebt ein italienisches Designst\u00fcck mit neun Gl\u00fchbirnen und Duschschlauch-\u00e4hnlichen Armen. 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