{"id":2733,"date":"2011-03-26T12:31:56","date_gmt":"2011-03-26T11:31:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=2733"},"modified":"2011-12-03T20:15:22","modified_gmt":"2011-12-03T19:15:22","slug":"leichtsinnig-und-hysterisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/leichtsinnig-und-hysterisch","title":{"rendered":"Leichtsinnig und hysterisch?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/Es-ist-leichtsinnig-den-Verzicht-auf-Kernenergie-zu-fordern--\/story\/21665010\" target=\"_blank\">CVP-Bundesr\u00e4tin Doris Leuthard<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/\/22188922\" target=\"_blank\">$VP-Bundesrat Ueli Maurer<\/a> kanzeln einen erheblichen Teil der SchweizerInnen als leichtsinnig und hysterisch ab. Hintergrund ist die mehr als berechtigte Forderung einer wachsenden Gruppe von PolitikerInnen und der Bev\u00f6lkerung, endlich <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/nach-nuklear-und-nach-fossil-heute-beginnen\" target=\"_blank\">auf die Atomenergie zu verzichten und gleichzeitig ernsthaften Klimaschutz zu betreiben<\/a>. Die Reaktionen der Bundesr\u00e4tInnen weisen eher darauf hin, dass der dringend notwendige Lernprozess noch nicht oder sehr verz\u00f6gert eingesetzt hat.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Frau Leuthard reklamiert hoch virtuelle und noch nie wirklich bewiesene Vorteile der Atomenergie. Der <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/nachrichten\/wirtschaft\/aktuell\/pandoras_atomkraftwerke_1.10012987.html\" target=\"_blank\">NZZ-Artikel &#8222;Pandoras Atomkraftwerke&#8220;<\/a> ist eines jener Mosaik-Steinchen, die darlegt, dass Atomenergie ein gesellschaftspolitisches &#8222;No Go&#8220; ist. Bei allem Respekt vor der Leistungsf\u00e4higkeit menschlicher Gehirne zeigen s\u00e4mtliche bisherigen Atomunf\u00e4lle der Geschichte, dass f\u00fcr derartig komplexe Technologien das Gesetz von Murphy uneingeschr\u00e4nkt und jenseits jeglicher Hysterie gilt: <em>was schiefgehen kann, geht auch schief<\/em> &#8211; dies gilt selbst f\u00fcr unwahrscheinliche Szenarien, die selbst kritische DenkerInnen im Wahrscheinlichkeitspfad eines Atomunfalls kaum beachten. Eine solche Technologie ist prinzipiell gesellschaftlich nicht verantwortbar &#8211; <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/pietat-und-ethische-verantwortung-endlich-in-das-post-nukleare-und-post-fossile-zeitalter-eintreten\" target=\"_blank\">es gibt keine ethische Begr\u00fcndung zur Akzeptierung derartiger Risiken<\/a>.<\/p>\n<p>Gesellschaftspolitisch stellt sich nur noch die Frage, wie schnell auf die Atomenergie verzichtet wird. Auch wenn gerade die offizielle Schweiz respektive die politische Mehrheit <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/verlorene-25-jahre\" target=\"_blank\">die 25 Jahre nach Tschernobyl energiepolitisch verschlafen hat<\/a>, ist klar: wie schnell auf die Atomenergie verzichtet werden kann, liegt ausschliesslich in der Entscheidhoheit der Politik!<\/p>\n<p>Denn: es gibt eine derart grosse Zahl von Studien, die belegen, dass der Ausstieg aus der Atomenergie sowohl finanzierbar wie technisch machbar ist &#8211; es braucht dabei definitiv nicht den Nachweis, wie jede heute verbrauchte Atom-Kilowattstunde durch einen andern Energietr\u00e4ger ersetzt werden k\u00f6nnte, schliesslich sind auch die Stromeffizienz und die Suffizienz (freiwilliger Verzicht\/Lebensstil LOVOS) einzubeziehen. Sowohl Bundesr\u00e4tin Leuthard, Bundesrat Maurer, aber auch die Atomlobby sollten wahrnehmen, dass im Gegensatz zu ihnen weite Teile der interessierten Fachwelt eben nicht geschlafen haben, sondern intensiv gearbeitet haben &#8211; der Bremsklotz zur Umsetzung dieses immensen Knowhow-Potentials heisst nicht nur in der Schweiz POLITIK. Gerade die Politik des Bundesrates spielt dabei eine wichtige Rolle, es ist immer wieder festzustellen, dass der Bund offenbar in &#8222;Geiselhaft&#8220; der Atomlobby ist. <\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich bin ich kein Verfechter einer ausschliesslich technologie-orientierten Energiepolitik &#8211; Effizienz und erneuerbare Energien sind zwar wichtige Elemente der Energie- und Klimaschutzpolitik, aber es braucht auch die Diskussion \u00fcber den Lebensstil, unter Einbezug von <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/tag\/lovos\" target=\"_blank\">LOVOS, der freiwilligen Einfachheit<\/a>. Trotzdem lohnt sich auch ein Blick auf Technologieentwicklungen, als ein Aspekt seltene Erden respektive Ressourcen. Ich habe darauf hingewiesen, dass der Einsatz seltener Erden etwa bei Computern und Fotovoltaik nicht das <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/technologie-abhangigkeit-auf-dem-weg-zu-von-der-wiege-zur-wiege\" target=\"_blank\">Ziel der Technologie<\/a> sein kann, dass Cradle to Cradle ein wichtiger Orientierungspunkt der technologischen Entwicklung darzustellen hat. Eine Medienmitteilung des Bundes vom 24.3.2011 mit dem Titel &#8222;<a href=\"http:\/\/www.news.admin.ch\/message\/?lang=de&#038;msg-id=38262\" target=\"_blank\">Gewebenetz f\u00e4ngt Sonnenenergie ein: Neuartige Elektrode f\u00fcr flexible D\u00fcnnschicht-Solarzellen<\/a>&#8220; weist darauf hin, dass selbst bereits als nachhaltig eingestufte Technologien nach wie vor Verbesserungspotenzial haben.<\/p>\n<p>Die Forderung des so rasch als m\u00f6glichen erfolgenden Ausstiegs aus der Atomenergie ist alles andere als Leichtsinn oder Hysterie, sondern ein hoch rationaler und sehr gut begr\u00fcndeter Handlungsauftrag an die Politik.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Nachtrag 27.3.2011<\/p>\n<p>Immer wieder gibt es in den Medien Interviews mit energiepolitisch inkompetenen Angstmachertypen. Beispielsweise kommt in der Zeitung &#8222;Der Sonntag&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/wirtschaft\/konjunktur\/AlpiqChef-warnt-vor-Stromrechnungen-von-6000-Franken\/story\/22102341\" target=\"_blank\">zitiert im Tages-Anzeiger, Titel &#8222;Alpiq-Chef warnt vor Stromrechnungen von 6000 Franken&#8220;<\/a>) vom 27.3.2011 Giovanni Leonardi, CEO von Alpiq, zu Wort. Alpiq ist als Betreiberin des bestehenden Kernkraftwerks G\u00f6sgen und wegen der hohen Beteiligung am Kernkraftwerk Leibstadt Lobbyist f\u00fcr Kernenergie, also Teil der weltumspannenden PR-Maschinerie. Wenn Herr Leonardi nun behauptet, auf die Haushalte komme eine gewaltige Strompreiserh\u00f6hung zu, weil Windstrom und Solarstrom so teuer sei, ist er schlicht nicht auf der H\u00f6he des aktuellen technischen und \u00f6konomischen Fachwissens. &#8222;Windstrom billiger als Atomstrom&#8220; und &#8222;Solarstrom erreicht bald Netzparit\u00e4t&#8220; sind typische Titel in den Fachmedien der letzten Zeit &#8211; w\u00e4hrend gleichzeitig \u00fcber die astronomische Kostensteigerung beim Neubau des finnischen Atomkraftwerkes Olkiluoto berichtet wird. Zu beachten ist zudem, dass die Atomenergie mit erheblichen Subventionen gef\u00f6rdert wird; ebenso werden die Risiken vergesellschaftet (Versicherungssumme f\u00fcr Grosssch\u00e4den vernachl\u00e4ssigbar im Vergleich mit den voraussichtlichen Schadenkosten) &#8211; und mit sicherheitstechnisch hoch prek\u00e4ren Laufzeitverl\u00e4ngerungen der Atomkraftwerke wird weiteres Geld in die Kassen der Elektrowirtschaft geschaufelt. Die Marktpreise f\u00fcr erneuerbaren Strom (beispielsweise bietet das ewz die Vollversorgung von Haushalten und Unternehmen mit ausschliesslich erneuerbarem Strom an) zeigen klar: mit solchen Fantasiezahlen will der Alpiq-CEO bloss PR f\u00fcr noch mehr unn\u00f6tige AKW machen.<\/p>\n<p>Ein Stirnrunzeln bleibt: wenn der Alpiq-CEO derart wissen-unbelastet bez\u00fcglich erneuerbare Energien argumentiert, ist er denn fachkompetent genug, um die Sicherheit des von seiner Firma betriebenen Atomkraftwerks beurteilen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<hr \/>\n<p>Ein analoges Angstmacher-Thema: Gaskraftwerke, beispielsweise von Frau Bundesr\u00e4tin Doris Leuthard vertreten &#8211; sie spricht von drei bis f\u00fcnf Gaskraftwerken. Abgesehen von den Zahlen: haben Gaskraftwerke Angstmacher-Potential? Vorerst: Gaskraftwerke haben eine wesentlich k\u00fcrzere Nutzungsdauer als Atomkraftwerke, die Energiepolitik wird somit nicht gleichermassen langfristig beeinflusst.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus: es braucht eine Gesamtbetrachtung. Ich gehe davon aus, dass durch energetische Geb\u00e4udemassnahmen der Gasverbrauch vermindert wird. Es gibt gr\u00f6ssere Geb\u00e4udebest\u00e4nde, bei denen der Verbrauch um 2\/3 reduziert werden kann. Diese H\u00e4user k\u00f6nnten weiterhin mit einer Gasheizung betrieben werden &#8211; oder aber dieses Gas wird in einem GUD-Kraftwerk mit 60% Wirkungsgrad zur Stromproduktion verwendet. Stattdessen werden die Geb\u00e4ude mit guten W\u00e4rmepumpen ausgestattet, die aus einer Kilowattstunde Strom 3.8 kWh W\u00e4rme bereitstellen. Zahlenm\u00e4ssig:<\/p>\n<ul>\n<li>Ausgangspunkt 100 Einheiten Erdgasverbrauch f\u00fcr die Beheizung von 100 Wohneinheiten <\/li>\n<li>Effizienzmassnahmen am Geb\u00e4ude: es verbleiben 33 1\/3 Einheiten Erdgasverbrauch f\u00fcr die Beheizung der 100 Wohneinheiten<\/li>\n<li>Dieses Gas wird mit einem Wirkungsgrad von 60 % zur Produktion von 20 Einheiten Strom verwendet.<\/li>\n<li>Dezentral werden mittels W\u00e4rmepumpen aus diesen 20 Einheiten Strom 78 Einheiten W\u00e4rme bereitgestellt &#8211; damit lassen sich insgesamt 228 Wohneinheiten mit W\u00e4rme beliefern.<\/li>\n<li>F\u00fcr diese Wohneinheiten wurden urspr\u00fcnglich 228 Einheiten Gas verwendet, neu nur noch 33 1\/3 &#8211; der CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss konnte auf 15 % des Ausgangswertes vermindert werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Eine Anmerkungen dazu: Da etwa von der Axpo ein starker Aussentemperatureinfluss auf den Stromverbrauch geltend gemacht wird, ist davon auszugehen, dass ein erheblicher Teil des Stromverbrauchs f\u00fcr die Raumheizung verwendet wird &#8211; da lassen sich sehr gut W\u00e4rmepumpen einsetzen. Auf diese Art kann die grosse Zahl von Elektroheizungen ohne Mehrausstoss an Treibhausgasen durch W\u00e4rmepumpen ersetzt werden.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Nachtrag 28.3.2011<\/p>\n<p><em>Rhetorik und Realit\u00e4t: Die neun Gemeinpl\u00e4tze des Atomfreunds<\/em> nennt sich ein Artikel aus der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE\/Doc~E02AA44CC26634CBDB7322680CADEA714~ATpl~Ecommon~Scontent.html\" tagret=\"_blank\">FAZ vom 28.3.2011 von Frank Schirrmacher<\/a> &#8211; weitere Anmerkungen er\u00fcbrigen sich, es gibt wirklich keine Gr\u00fcnde f\u00fcr den Betrieb von Atomkraftwerken! &#8211; Danke an Balthasar Gl\u00e4ttli f\u00fcr diesen Hinweis. <\/p>\n<p>Erste Fassung 26.3.2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CVP-Bundesr\u00e4tin Doris Leuthard und $VP-Bundesrat Ueli Maurer kanzeln einen erheblichen Teil der SchweizerInnen als leichtsinnig und hysterisch ab. 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