{"id":2548,"date":"2011-02-14T00:39:43","date_gmt":"2011-02-13T23:39:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=2548"},"modified":"2011-02-14T00:39:43","modified_gmt":"2011-02-13T23:39:43","slug":"taugt-der-okologische-fussabdruck-als-abstimmungspropaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/taugt-der-okologische-fussabdruck-als-abstimmungspropaganda","title":{"rendered":"Taugt der \u00f6kologische Fussabdruck als Abstimmungspropaganda?"},"content":{"rendered":"<p>Die Mehrheit der Befragten gibt an, umweltfreundlicher als der Durchschnitt der Bev\u00f6lkerung zu sein &#8211;  diese mehr als unlogische Einsch\u00e4tzung ist die Hauptursache daf\u00fcr, dass Umweltpolitik, dass Klimaschutz randst\u00e4ndige Themen sind. Denn: wenn man meint, schon mehr als der Durchschnitt zu tun, ist man kaum bereit noch f\u00fcr Umwelt- und Klimaschutz zu tun. Hilft der \u00f6kologische Fussabdruck in dieser Frage weiter?<!--more--><\/p>\n<p>Die ersten Ans\u00e4tze f\u00fcr eine \u00f6kologische Beurteilung des eigenen Verhaltens gehen etwa 20 Jahre zur\u00fcck. Greenpeace hatte, damals noch auf Papier (Umweltschutzpapier selbstverst\u00e4ndlich!), einen entsprechenden Fragebogen ausgearbeitet. Dieser Fragebogen gab \u00f6kologisch engagierten Menschen einen kr\u00e4ftigen D\u00e4mpfer: auch jene, die nachweislich einen \u00f6kologischen Lebensstil pflegten &#8211; also jene, die von ihren FreundInnen und Bekannten als \u00d6kofundis bezeichnet wurden &#8211; erreichten in der Punktierung Werte, die &#8222;bloss&#8220; etwa 30 bis 40 % unter dem Schweizerischen Mittel lagen. Die Ursache liegt vor allem im Grundfussabdruck, den jeder Mensch durch seine blosse Existenz mitbekommt. Zur Illustration: wenn eine Autobahn gebaut wird, entsteht dadurch eine \u00f6kologische Last, die von allen zu schultern ist, und nicht nur von den Autofahrenden. Auch allf\u00e4llige Atomkraftwerke geh\u00f6ren in die Grundhypothek, selbst dann, wenn nur Oekostrom verbraucht wird.<\/p>\n<p>Aufgrund der langj\u00e4hrigen Besch\u00e4ftigung mit dem \u00f6kologischen Fussabdruck komme ich zum Schluss, dass ein Fussabdruck von 1.8 Erden &#8211; wie von Martin Graf, Kandidat der Gr\u00fcnen f\u00fcr den Z\u00fcrcher Regierungsrat angegeben &#8211; einen hervorragenden Wert darstellt. Es ist zwar die Freiheit des Karikaturisten Felix Schaad, den Bericht im <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/zuerich\/stadt\/Wie-die-Regierungsratskandidaten-die-Umwelt-belasten\/story\/12762308\" target=\"_blank\">Tagesanzeiger vom 12. Februar 2011<\/a> mit der polemischen Anmerkung &#8222;Von einem gr\u00fcnen Politiker erwarte ich eigentlich einen kleineren \u00f6kologischen Fussabdruck&#8220; zu illustrieren &#8211; von der immer st\u00e4rker SVP-lastige Zeitung ist kein schliesslich kein gekonnter Umgang mit diesem komplexen Thema zu erwarten. <\/p>\n<p>Alle diese Tools zur Ermittlung des individuellen \u00f6kologischen Fussabdruckes erfordern trotz wissenschaftlichem Anspruch sehr starke Abstraktionen: mit 34 Fragen jeweils mit 4- bis 5-stufigen Antwortm\u00f6glichkeiten l\u00e4sst sich der \u00f6kologische Fussabdruck in erster Linie als p\u00e4dagogisches Instrument gebrauchen. Die meisten NutzerInnen gebrauchen dieses Tool auch so, etwa mit der Frage, wie gross der Einfluss des Fleischkonsums ist. <\/p>\n<p>Schwierig sind auch Abgrenzungsfragen. Dies zeigt sich etwa am Beispiel des SP-Kandidaten Mario Fehr &#8211; in etwa \u00e4hnlich \u00f6kologisch engagiert wie Martin Graf (siehe dazu auch die Einleitungsbemerkung). Sein \u00f6kologischer Fussabdruck ist deutlich gr\u00f6sser als jener von Martin Graf &#8211; unter anderem darum, weil Mario Fehr als Nationalrat h\u00e4ufig zwischen Z\u00fcrich und Bern unterwegs ist. Nun gilt zwar der Arbeitsweg eindeutig als Bestandteil des \u00f6kologischen Fussabdruckes &#8211; bei einem Nationalrat (selbstverst\u00e4ndlich auch bei einer Nationalr\u00e4tin) geh\u00f6rt allerdings dieser Arbeitsweg zwischen dem zwingenden Wohnort im &#8222;Wahlkanton&#8220; und dem Amtsort in Bern zum Amt, ist also ein etwas spezieller Arbeitsweg. In Analogie dazu ist es fraglich, wenn die Z\u00fcrcher Stadtpr\u00e4sidentin aussagt, dass wegen ihrer durch das Amt gegebenen Reisen, sei es nach Kopenhagen an die Weltklimakonferenz oder nach Shanghai an die Stadtz\u00fcrcher Pr\u00e4senz an der Weltausstellung, ihr pers\u00f6nlicher Fussabdruck gr\u00f6sser geworden sei. Denn: der pers\u00f6nliche Fussabdruck enth\u00e4lt ja bereits Anteile des durch die Allgemeinheit und die Wirtschaft verursachten Umweltbelastung. Dazu geh\u00f6rt auch ein Anteil der Amtsaus\u00fcbung eines Nationalrates oder einer Stadtpr\u00e4sidentin.<\/p>\n<p>Der \u00f6kologische Fussabdruck als p\u00e4dagogisches Instrument stellt zudem die Frage nach der Ehrlichkeit nicht: f\u00fcr den Lerneffekt ist es unbedeutend, ob ich das Tool mit den Idealvorstellungen oder den Realwerten des individuellen Verhaltens benutze &#8211; bei im Wahlkampf stehenden PolitikerInnen ist dies anders, da wird eine ehrliche Auskunft erwartet. Aus den Erfahrungen mit diesen Tools kann ich klar festhalten: dies setzt allerdings eine durch Fachpersonen begleitete Benutzung des Tools voraus, um beispielsweise Fragen der Abgrenzung zwischen pers\u00f6nlichem und Amtsteil des Fussabdrucks gleichartig zu beantworten.<\/p>\n<p>In der vom Tagesanzeiger gew\u00e4hlten Pr\u00e4sentationsform wird der Eindruck verst\u00e4rkt, dass \u00f6kologische Fragestellungen nicht von politischer und gesellschaftlicher Relevanz seien. Dabei hat die reale Politik des Kantons sehr direkte Auswirkungen auf die individuelle Oekobilanz. Ich zitiere aus dem umweltnetz.ch-Beitrag &#8222;<a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/2000-watt-gesellschaft-wenn-physik-energie-und-klimaschutzpolitisch-wird\" target=\"_blank\">2000-Watt-Gesellschaft: wenn Physik energie- und klimaschutzpolitisch wird<\/a>&#8222;: <em>Das heisst: allein wegen des Strommixes lag im Jahr 2009 die mittlere Prim\u00e4renergiedauerleistung mit EKZ-Strom rund 30 % h\u00f6her als mit ewz-Strom!<\/em> Dieser Unterschied ist eine direkte Folge von politischen (Fehl-)Entscheiden auch der $VP-Regierungsr\u00e4te, welche gleichzeitig EKZ-Verwaltungsr\u00e4te sind. Diese politisch gewollten \u00f6kologischen Mehrbelastungen sind einerseits eine \u00f6kologische Hypothek, die alle im Staate Z\u00fcrich zu schultern haben, die aber zu einem erheblichen Teil insbesondere durch die $VP-Regierungsr\u00e4te zu verantworten sind. Im Sinne einer realistischen Einsch\u00e4tzung werde dies zu vergleichen mit den \u00f6kologischen Auswirkungen, die Martin Graf als Stadtpr\u00e4sident von Illnau-Effrektikon angestossen hat. Es ist zwar sicher so, dass auch PolitikerInnen, insbesondere Exekutiv-Mitglieder, eine \u00f6kologische Vorbildverantwortung haben. Letztlich bleibt aber: auch gr\u00fcne PolitikerInnen k\u00f6nnen nur das umsetzen, was politisch gewollt ist, also mehrheitsf\u00e4hig ist. Und dazu ist in erster Linie gesellschaftlicher Konsens erforderlich, denn Politik ist nur dort mehrheitsf\u00e4hig, wo dies gesellschaftlich gewollt ist. Selbst der zwar ansprechend schlanke, aber im globalen Kontext immer noch viel zu grosse \u00f6kologische Fussabdruck von Martin Graf \u00e4ndert nichts daran: die umfassende Realisierung des Lebensstils <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/tag\/lovos\" target=\"_blank\">LOVOS<\/a> muss zum gesellschaftlichen Konsens werden! In dieser Hinsicht allerdings lassen insbesondere die b\u00fcrgerlichen Regierungsratsmitglieder keinen Lernerfolg erkennen &#8211; das heisst bei ihnen hat der p\u00e4dagogische Ansatz der Idee des \u00f6kologischen Fussandrucks keine Ver\u00e4nderungsbereitschaft ausgel\u00f6st. Ob dies wohl f\u00fcr alle Politikerinnen des &#8222;b\u00fcrgerlichen&#8220; Spektrums gilt?     <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mehrheit der Befragten gibt an, umweltfreundlicher als der Durchschnitt der Bev\u00f6lkerung zu sein &#8211; diese mehr als unlogische Einsch\u00e4tzung ist die Hauptursache daf\u00fcr, dass Umweltpolitik, dass Klimaschutz randst\u00e4ndige Themen sind. Denn: wenn man meint, schon mehr als der Durchschnitt zu tun, ist man kaum bereit noch f\u00fcr Umwelt- und Klimaschutz zu tun. 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