{"id":238,"date":"2008-10-07T11:49:40","date_gmt":"2008-10-07T10:49:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=238"},"modified":"2008-11-08T09:36:35","modified_gmt":"2008-11-08T08:36:35","slug":"schein-und-sein-casino-oder-volkswirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/schein-und-sein-casino-oder-volkswirtschaft","title":{"rendered":"Schein und Sein &#8211; Casino oder Volkswirtschaft?"},"content":{"rendered":"<p>Geld wurde vor tausenden von Jahren als Tauschmittel eingef\u00fchrt &#8211; und war ein wesentliches Element zur Entstehung von Volkswirtschaften, weil nun nicht nur Waren gegen Waren getauscht werden konnten. Eher neuer ist die Tendenz, Geld als Ware zu betrachten. Die Finanzkrise, von Banken und Versicherungen ausgehend, illustriert, dass es sich dabei allerdings mehr um ein Casino handelt als um einen Beitrag zur Volkswirtschaft und damit zur allgemeinen Existenzsicherung.<!--more--><\/p>\n<p>Diverse Umst\u00e4nde f\u00fchren dazu, dass sich sowohl bei Einzelpersonen wie bei Institutionen astronomische Verm\u00f6gen zusammenh\u00e4ufen. Diese sind einenteils virtuell, weil sie sich auf die scheinbare Wertsteigerung von Verm\u00f6gensbestandteilen beziehen (und k\u00f6nnen damit schnell zu realen und\/oder virtuellen Verlusten f\u00fchren). H\u00e4ufig handelt es sich dabei um Verm\u00f6genswerte, die nicht durch Erwerb, sondern durch generationenlange Verm\u00f6gensanh\u00e4ufung entstanden sind, oder die durch Zwangssparen zusammen kommen. Das Schweizerische System der Altersvorsorge etwa f\u00fchrt dazu, dass neben einem Rentensystem ein Verm\u00f6genssystem betrieben wird, welches derzeit einen Umfang von \u00fcber 600 Milliarden Schweizer Franken aufweist &#8211; dies entspricht gerade etwa dem Bruttoinlandprodukt BIP. Oder anders: f\u00fcr einen Teil der Altersvorsorge der EinwohnerInnen der Schweiz (etwas mehr als ein Promille der Weltbev\u00f6lkerung) steht ein Verm\u00f6gen zur Verf\u00fcgung, dass etwa dem Volumen des Anfang Oktober 2008 beschlossenen US-Rettungspaketes f\u00fcr die Finanzwirtschaft entspricht!<\/p>\n<p>Viele der Bankinstitute haben eine Eigenkapitalrendite angestrebt (respektive tun dies immer noch), die deutlich zum Beispiel \u00fcber der Wuchergrenze f\u00fcr Kleinkredite im Kanton Z\u00fcrich liegt. Eine solche Rendite ist nur m\u00f6glich mit Instrumenten, die ohne R\u00fccksicht auf Moral und Ethik die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen des internationalen Finanzsystems ausnutzen &#8211; mit immer neuen Instrumenten, die von ihrer Konstruktion und Hebelwirkung weder intellektuell noch praktisch versteh- oder gar beherrschbar sind. Die Volkswirtschaft dient also als Casino jener, die aus finanzieller Uners\u00e4ttlichkeit immer noch mehr Geld anh\u00e4ufen wollen. Dass diese Zechpreller genau dann, wenn sich die offensichtlichen Risiken zu offenbaren beginnen, nach der helfenden Hand des Staates respektive der Allgemeinheit schreien, illustriert in grotesker Weise die R\u00fccksichtslosigkeit dieser vermeintlichen Geldaristokratie. Dass dann in den Medien die tr\u00e4nendr\u00fcsigen Stories z.B. einer alleinerziehenden Mutter, die einen grossen Teil ihres Verm\u00f6gens in solch windige Instrumente gesteckt hat, abgedruckt werden, lenkt von den wahren Hintergr\u00fcnden ab: mit den diversen aus Steuergeldern finanzierten Hilfspaketen werden letztlich die ungerechtfertigten virtuellen Riesengewinne der bereits Superreichen zu realen Werten gemacht, oder es wird davon abgelenkt, dass das Geld nicht verloren ging, sondern entweder gar nie vorhanden war oder dem \u00fcberm\u00e4ssigen Konsum diente. <\/p>\n<p>Zu beachten bleibt: letztlich ist jede Form der Kapitalanlage mit dem Risiko des vollst\u00e4ndigen Verlusts verbunden. Dieses Risiko ist bei Anlagen mit hohen Renditeerwartungen deutlich gr\u00f6sser, aber auch bei sogenannt konservativen Anlagestrategien nicht gleich null. Aktien beispielsweise sind selbst bei Publikumsgesellschaften Risikokapital mit dem potentiellen Risiko des vollst\u00e4ndigen Verlustes. Wer dieses Risiko nicht tragen kann oder will, hat schlicht auf Aktien in der individuellen Anlagestrategie zu verzichten, erst recht auf deriative Instrumente, die sich auf die Entwicklung von Aktienkursen beziehen.<\/p>\n<p>Es ist davon auszugehen, dass ein erheblicher Teil des Kapitals (also nicht der Ertrag des Kapitals) zur Finanzierung von Konsumausgaben herangezogen worden ist. Die &#8222;Subprime&#8220;-Krise in den USA ist ein illustratives Beispiel daf\u00fcr: da wurden Hypotheken f\u00fcr den Erwerb von Wohneigentum ausgegeben, deren Belastung f\u00fcr die Neo-Hauseigent\u00fcmerschaften auf Dauer offensichtlich untragbar waren, durchaus eine sehr direkte Folge der d\u00fcmmlichen Wohneigentumsf\u00f6rderung &#8211; untauglich nicht zuletzt wegen der Begrenztheit der Ressource Boden. Eine solche Politik ist definitiv nicht nachhaltig &#8211; sie verlagert erhebliche Kosten einfach auf nachfolgende Generationen oder auf Gesellschaften\/Volkswirtschaften in anderen lokalen oder Welt-Regionen. <\/p>\n<p>Was ist zu tun?<\/p>\n<ul>\n<li>Wie Hans K\u00fcng, Pr\u00e4sident der <a href=\"http:\/\/www.weltethos.org\" target=\"_blank\">Stiftung Weltethos<\/a> ausf\u00fchrt, braucht es <em><a href=\"http:\/\/www.kath.ch\/pdf\/kipa_20081006143337.pdf\" target=\"_blank\">ein globales Ethos f\u00fcr die Weltwirtschaft mit einem Minimum an Werten, Grundhaltungen und Massst\u00e4ben, auf das sich alle Nationen und Interessengruppen verpflichten k\u00f6nnen<\/a><\/em>.<\/li>\n<li>Vorerst und hoch priorit\u00e4r: Einf\u00fchrung des <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/work-life-balance-bedingungsloses-grundeinkommen-fur-alle\/\" target=\"_blank\">bedingungslosen Grundeinkommens f\u00fcr alle<\/a>! Dann k\u00f6nnten Pensionskassen mit ihrer Anh\u00e4ufung von Verm\u00f6genswerten in der Gr\u00f6ssenordnung des BIP verhindert werden.<\/li>\n<li>Finanziert wird das bedingungslose Grundeinkommen durch lenkende Abgaben auf Ressourcen, z.B. Energie und Finanzmarkttransaktionen,  Stichwort Tobin-Tax und Weiterentwicklungen dazu. Wichtig ist hier eine breite Diversifizierung der Mittelbeschaffung &#8211; der Zufluss z.B. von Ertr\u00e4gen einer Energielenkungsabgabe darf nicht dazu f\u00fchren, dass Staaten auf eine Energiepolitik verzichten.<\/li>\n<li>Beschr\u00e4nkung der Eigenkapitalrendite.<\/li>\n<li>Anbieter von &#8222;Anlagevehikeln&#8220; d\u00fcrfen KundInnen nicht mehr beraten &#8211; dies ist nur noch m\u00f6glich f\u00fcr Beraterinnen, die ihre Unabh\u00e4ngigkeit von den empfohlenen Produkten regelm\u00e4ssig durch externe Sachverst\u00e4ndige \u00fcberpr\u00fcfen lassen m\u00fcssen.<\/li>\n<li>Grunds\u00e4tzlich ist auf staatliche Beihilfen f\u00fcr die Finanzwirtschaft zu verzichten &#8211; das bedingungslose Grundeinkommen dient ja bereits der Existenzsicherung. Auf diese Weise kann auch der Einfluss der Finanzwirtschaft deutlich vermindert werden. Zudem wird die Selbstregulation verst\u00e4rkt, was letztlich ethische und moralische Aspekte der Finanzwirtschaft betont. Staatliche Leistungen sind als kurzfristige Darlehen zu betrachten, die vollumf\u00e4nglich zur\u00fcckzuerstatten sind.<\/li>\n<li>Jede Politik, die eine \u00dcberbetonung der Privatwirtschaft anstrebt, ist zu \u00e4chten. Es braucht die generelle Anerkennung, dass jedes menschliche Handeln in \u00dcbereinstimmung mit den Gesamtinteressen der Gemeinschaft aller Menschen auf diesem Planeten zu erfolgen hat.<\/li>\n<li>Durch das bedingungslose Grundeinkommen f\u00fcr alle bekommt die Wohnraumpolitik einen neuen Charakter. Das Recht auf ein gesundes und \u00f6kologisch verantwortbares Dach \u00fcber dem Kopf &#8211; variabel entsprechend den sich ver\u00e4ndernden Bed\u00fcrfnisse in den unterschiedlichen Lebensphasen &#8211; bekommt ein h\u00f6heres Gewicht als der Eigentums- und Investitionscharakter von Grund und Boden.<\/li>\n<li>Einf\u00fchrung eines gerechten Welthandels &#8211; nicht im Sinne des WTO, sondern unter St\u00e4rkung der lokalen Eigenst\u00e4ndigkeit &#8211; nach dem Motto &#8222;Global denken, lokal handeln&#8220;. Beispielsweise f\u00f6rdert die Konzentration der Nahrungsmittelproduktion in sogenannten Entwicklungsl\u00e4ndern die Schieflage der globalen Wohlstandsverteilung. N\u00f6tig sind daher Entwicklungen hin zu Volkswirtschaftsverb\u00fcnden, die zumindest auf grossregionaler Ebene umfassend selbstversorgend sind.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mit hoher Wahrscheinlichkeit braucht es eine Weiterentwicklung der Finanzwirtschaft, damit Geld wieder den Charakter als Tauschmittel zur\u00fcckbekommt und nicht als eigenst\u00e4ndige Ware betrachtet wird.<\/p>\n<p>Erste Fassung: 6.10.2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geld wurde vor tausenden von Jahren als Tauschmittel eingef\u00fchrt &#8211; und war ein wesentliches Element zur Entstehung von Volkswirtschaften, weil nun nicht nur Waren gegen Waren getauscht werden konnten. Eher neuer ist die Tendenz, Geld als Ware zu betrachten. 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