{"id":2354,"date":"2010-12-29T16:29:08","date_gmt":"2010-12-29T15:29:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=2354"},"modified":"2012-04-22T18:11:07","modified_gmt":"2012-04-22T16:11:07","slug":"wenn-der-mittelweg-weder-golden-noch-nachhaltig-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/wenn-der-mittelweg-weder-golden-noch-nachhaltig-ist","title":{"rendered":"Wenn der Mittelweg weder golden noch nachhaltig ist"},"content":{"rendered":"<p>H\u00e4ufig gilt eine pragmatische Vorgehensweise &#8211; gerne als goldener Mittelweg bezeichnet &#8211; als akzeptabler Entscheidungsweg. Gerade in \u00f6kologischen Fragen ist ein solcher pragmatischer Mittelweg allerdings weder golden noch nachhaltig. Dies l\u00e4sst sich etwa an der Energiepolitik der Familienheim-Genossenschaft Z\u00fcrich (FGZ) zeigen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nach den Fehlentscheiden der Genossenschaft zu den <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/familienheim-genossenschaft-zurich-die-neue-grunmatt-ist-kein-zukunftsprojekt\" target=\"_blank\">Nicht-Gr\u00fcnmatt-Ersatzneubauten<\/a> ist &#8211; bei allem guten Willen &#8211; davon auszugehen, dass auch diese &#8222;neue Energiepolitik&#8220; (dargestellt etwa in der <a href=\"http:\/\/www.fgzzh.ch\/resources\/uploads\/FGZInfo_2010-3_Web.pdf\" target=\"_blank\">FGZ-Info 2010 \/ Nr. 3<\/a>) der FGZ nicht wirklich zukunftsf\u00e4hig ist.<\/p>\n<p>Vorerst ist es verdienstvoll, dass sich eine Genossenschaft Gedanken macht zur W\u00e4rmeversorgung ihrer Bauten. Allerdings handelt es sich offenbar um einen ung\u00fcnstigen Zeitpunkt, verunsichert doch die groteske Diskussion \u00fcber Strategien gerade auch die verantwortungstragenden Gremien einer Genossenschaft: w\u00e4hrend die Stimmberechtigten der Stadt Z\u00fcrich der Vision der 2000-Watt-Gesellschaft zugestimmt haben, welche <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/2000-watt-gesellschaft-wenn-physik-energie-und-klimaschutzpolitisch-wird\" target=\"_blank\">sowohl eine Verminderung des Prim\u00e4renergieverbrauchs als auch eine Reduktion des Ausstosses von Treibhausgasen umfasst<\/a>, setzen einige wenige <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/nicht-und-fehldenk-professorinnen\" target=\"_blank\">ETH-ProfessorInnen<\/a> auf in Konzept, welches im Geb\u00e4udebereich vor allem auf die Verminderung des Ausstosses von Treibhausgasen fokussiert. Die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft ist ein Komplett-Konzept, welches die Fragen der individuellen Anspr\u00fcche (\u00f6kologischer Fussabdruck), des Technologieeinsatzes (Effizienz) und der \u00f6kologischen Qualit\u00e4ten der eingesetzten Energietr\u00e4ger und -quellen einbezieht. Das ETH-Konzept ist demgegen\u00fcber ein Teilansatz, welcher im wesentlichen eine Fortsetzung der bisherigen Arbeits- und Denkweisen mit Modifikationen in einem Teilbereich (Einsatz erneuerbarer Energien anstelle von fossilen Energien &#8211; bereits bei der Atomenergie gehen die Meinungen dieser Professoren erheblich auseinander) erlaubt. In breit anerkannten Fachkreisen steht eindeutig die 2000-Watt-Gesellschaft im Vordergrund: z.B. <a href=\"http:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/content\/dam\/stzh\/hbd\/Deutsch\/Hochbau\/Weitere%20Dokumente\/Nachhaltiges_Bauen\/1_2000_Watt\/0_Grundlagen\/Nachhaltiges%20Bauen%20Diskussionsbeitrag.pdf\" target=\"_blank\">Diskussionspapier<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.ee-news.ch\/de\/erneuerbare\/article\/21246\/emissionsfreie-architektur-statt-waermedaemmung-und-energiesparen\" target=\"_blank\">Blog-Beitrag<\/a>. <\/p>\n<p>Wie geht nun die FGZ mit diesem absurden Disput um? Da heisst es: <em>&#8222;Es streiten sich jene, f\u00fcr welche die perfekte oder gar maximale Geb\u00e4ude-D\u00e4mmung das einzig richtige ist, mit denjenigen, die pointiert sagen, dass es eigentlich nur darauf ankommt, dass man CO<sub>2<\/sub>-freie Energie einsetze, zumal diese im \u00dcberfluss vorhanden sei. &#8211; Die FGZ und ihre &#8222;Arbeitsgruppe Energie&#8220; m\u00f6chte sich von keiner Seite dieser polarisierten Diskussion vereinnahmen lassen. &#8230; Es k\u00f6nnte ja sein, dass die L\u00f6sung darin liegt, die beiden Ans\u00e4tze zu kombinieren. Und genau das m\u00f6chte die FGZ tun. &#8211; &#8230; basiert auf einer eher sanften Sanierung der Altbauten.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass die Diskussion nicht richtig dargestellt wird &#8211; das 2000-Watt-Szenario ist (siehe oben) ein Komplett-Szenario, das Nur-Erneuerbare-Szenario ein Teilaspekt &#8211; verschliesst sich die FGZ mit diesem scheinbaren Mittelweg einer ernsthaften Diskussion dar\u00fcber, was denn &#8222;<em>eher sanfte Sanierung der Altbauten<\/em>&#8220; exakt heisst, die Suffizienz-Frage (Fl\u00e4chenbedarf pro BewohnerIn) wird ausgespart, ebenso das Verkehrsverhalten der NutzerInnen, der Umgang mit dem Stromverbrauch der MieterInnen\/GenossenschafterInnen und das Konsumverhalten. Mag sein, dass Genossenschaften in dieser Hinsicht bereits gut dastehen &#8211; andererseits ist auch der aktuelle durchschnittliche \u00f6kologische Fussabdruck der GenossenschafterInnen deutlich gr\u00f6sser als weltvertr\u00e4glich! <\/p>\n<p>Warum kann sich dies die FGZ leisten? Das Vernebelungswort heisst &#8222;Abw\u00e4rme&#8220;! Sommer-Abw\u00e4rme, die derzeit bei der Swisscom und der Credit Suisse aus grossen Computer-Server-Einrichtungen anf\u00e4llt, soll \u00fcber gr\u00f6ssere Distanzen herangef\u00fchrt werden und in Erdspeichern eingelagert werden, um im Winter zumindest zum Teil dem Speicher wieder entzogen zu werden und mittels W\u00e4rmepumpen auf das f\u00fcr die Raumheizung und die Wassererw\u00e4rmung erforderliche Temperaturniveau gebracht zu werden. T\u00f6nt im ersten und wahrscheinlich auch im zweiten Moment gut, sehr gut sogar. <\/p>\n<p>Allerdings gibt es einige Knackpunkte.<\/p>\n<p>Auch wenn ich seit rund dreissig Jahren die Entwicklung im Computerbereich speziell auch unter Energieaspekten verfolge, wage ich keine Prognose \u00fcber den Stromverbrauch eines Banken-Rechenzentrums und damit verbunden den sommerlichen, nicht anderes nutzbaren Abw\u00e4rmeanfall. Zur Illustration: Noch Mitte der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts brauchte ein Harddisk mit einem Speicherplatz von einigen hundert MB eine dauernde K\u00fchlung &#8211; nicht zuletzt dank relativ jungen, aber bereits mit dem Nobel-Preis ausgezeichneten Forschungen sind unterdessen hosensacktaugliche Speichermedien mit 1000 mal gr\u00f6sserem Volumen verf\u00fcgbar, die auch bei l\u00e4ngerer Benutzung kaum erw\u00e4rmt werden. Objektiverweise ist ein Energiekonzept f\u00fcr das Jahr 2050, welches auf Abw\u00e4rmequellen von derart schnelllebigen Technologien aufbaut, schlicht und einfach fahrl\u00e4ssig. <\/p>\n<p>Dazu kommt, dass nach wie vor Erdgas ben\u00f6tigt wird &#8211; auch wenn selbst die \u00fcberkonservative Internationale Energie-Agentur unterdessen von einem absehbaren Ende der fossilen Energietr\u00e4ger ausgeht!<\/p>\n<p>Die vorgesehenen Erdspeicher (wenn sie denn geologisch funktionieren und die eingelagerte W\u00e4rme sich nicht im austrocknenden Lehm \u00fcber die Uetliberg-W\u00e4sserchen verfl\u00fcchtigt) sollen im Zusammenhang mit Neubauvorhaben erstellt werden. Wie einfach r\u00fcckholbar eine einzelne defekte Erdw\u00e4rmesonde sein wird, dar\u00fcber d\u00fcrften sich wahrscheinlich erst zuk\u00fcnftige Generationen Gedanken machen &#8211; ob dies allerdings nachhaltig ist?<\/p>\n<p>Derzeit bereitet Minergie einen Standard Minergie-A f\u00fcr Wohnbauten vor &#8211; Plus- oder Null-W\u00e4rmeenergieh\u00e4user (im \u00fcbrigen auch in der EU eine zuk\u00fcnftige Anforderungen an Neubauten). Die Ersatzneubausiedlung Nicht-Gr\u00fcnmatt d\u00fcrfte weit davon entfernt sein, derartige Anforderungen zu erf\u00fcllen. Mit anderen Worten: diese ganze Abw\u00e4rme-Erdspeicher-Konzeption ist nur darum erforderlich, um sowohl die schlechte energetische Qualit\u00e4t dieses Neubaus als auch der &#8222;eher sanften Sanierung der Altbauten&#8220; zu kaschieren. <\/p>\n<p>Dass bereits wieder unter Zeitdruck \u00fcber die erste Etappe eines solchen Erdspeichers entschieden werden muss, ist mehr als \u00e4rgerlich: zusammen mit der wegen der Deklaration als pragmatisch Mittelweg blockierten Diskussion \u00fcber die Energieziele ist einmal mehr die demokratische Entscheidungsfreiheit der GenossenschafterInnen ausser Kraft gesetzt, denn ein Nein zu diesem alles andere als nachhaltigen Konzept f\u00fchrt zu einem gr\u00f6sseren Scherbenhaufen. Liebe GenossenschafterInnen, liebe Genossenschafter: den Abend des 28. Februar 2011 m\u00fcssen Sie sich also nicht f\u00fcr die a.o. GV der FGZ freihalten!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Was w\u00e4ren denn die Alternativen?<\/p>\n<p>Vorerst eine eindeutig an den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft orientierte Geb\u00e4udebewirtschaftung. Der Energieeverbrauch im Geb\u00e4udebestand unter Einbezug der (Ersatz-)Neubauten und der baulichen Verdichtungsm\u00f6glichkeiten kann schneller und deutlicher vermindert werden als von der FGZ vorgesehen. <\/p>\n<p>Als eine der gr\u00f6sseren Eigent\u00fcmerschaften nicht nur auf dem Platz Z\u00fcrich hat es die FGZ in der Hand, hier Akzente zu setzen. Aus rein bautechnologischer Sicht steht die Bauwirtschaft nach wie vor in den Anf\u00e4ngen der umfassenden Erneuerung von Bauvorhaben. Warum eigentlich gibt es bei Sanierungsvorhaben nur immer einen Konkurrenzkampf um den Ausf\u00fchrungspreis, nicht aber um die Qualit\u00e4ten eines solchen Vorhabens (z.B. kosteng\u00fcnstig, einfach, Umsetzungsgeschwindigkeit, &#8230;)? Das Festhalten der FGZ an der &#8222;eher sanften Sanierung der Altbauten&#8220; hat auch damit zu tun, dass auch hier wieder zu stark auf die Vergangenheit geschaut wird (<a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/ist-zu-viel-knowhow-moglich\" target=\"_blank\">stimmt, das Energie-Know-how der Baubranche ist tats\u00e4chlich mangelhaft<\/a>). Wer bereits heute f\u00fcr die n\u00e4chsten 40 Jahre &#8222;sanfte&#8220; Sanierungen postuliert, unterstellt, dass die Bauwirtschaft nicht lernf\u00e4hig ist. Nur: auch im genossenschaftlichen Wohnungsbau gibt es &#8211; sowohl bei Neubauten wie bei Sanierungen &#8211; die 2000-Watt-Gesellschaft-konformen Bauvorhaben zu genossenschafts\u00fcblichen Konditionen! Allerdings muss man sie bestellen, muss klare Rahmenbedingungen setzen &#8211; dies gilt gerade auch f\u00fcr den Zusammenhang von energetischer\/\u00f6kologischer Qualit\u00e4t und Mietzins!<\/p>\n<p>Und die W\u00e4rmeversorgung? Aus fachlicher Sicht komme ich zum Schluss, dass sich die W\u00e4rmeversorgung eines Quartiers ideal an einen oder auch mehrere Energie-Contractor auslagern l\u00e4sst, selbstverst\u00e4ndlich auch hier verbunden mit einem klaren \u00f6kologischen und \u00f6konomischen Leistungsauftrag (und ein solcher w\u00e4re auch genossenschaftsdemokratisch vertr\u00e4glicher als das Nachvollziehen objektiver oder scheinbarer Sachzw\u00e4nge). Auch hier wieder also: Wettbewerb der guten Ideen, unter Einbezug \u00f6kologischer und \u00f6konomischer Aspekte! Die Energieversorgung der 2000-Watt-Gesellschaft wird sich durch einen bunten Energietr\u00e4germix aus erneuerbaren Quellen auszeichnen &#8211; mit Sicherheit gilt dies auch f\u00fcr die FGZ. Es mag sein, dass in einzelnen Teilbereichen sogar Erdspeicher aus Abw\u00e4rme mit dazu geh\u00f6ren, aber eher nicht in der jetzt vorgeschlagenen Form.     <\/p>\n<hr \/>\n<p>Auff\u00e4llig im \u00fcbrigen: der gesamte Artikel in der FGZ-Info 2010 \/ Nr. 3 zur &#8222;Energiepolitik&#8220; enth\u00e4lt keinen Bezug zur 2000-Watt-Gesellschaft (und dies obwohl voraussichtlich auch die in Angelegenheit der Stadt Z\u00fcrich stimmberechtigten FGZ-GenossenschafterInnen <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/die-stadtzurcherinnen-sagen-ja-zur-vision-der-2000-watt-gesellschaft\" target=\"_blank\">am 30. November 2008 deutlich Ja zur Verankerung der 2000-Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung der Stadt Z\u00fcrich<\/a> gesagt haben &#8211; die BewohnerInnen des Kreises 3 mit \u00fcber 80 % Ja-Anteil sogar noch deutlicher als der &#8222;Rest&#8220; der Stimmberechtigten)! Die 2000-Watt-Gesellschaft folgt einige Seiten sp\u00e4ter, unter &#8222;Tipps zum  (Energie)Sparen&#8220;, mit einem mehr als berechtigten Appell an jede und jeden Einzelnen. Glaubw\u00fcrdig wird dies allerdings erst, wenn sich die Genossenschaft &#8211; als Zusammenschluss vieler Einzelner &#8211; ebenfalls auf das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft verpflichtet!    <\/p>\n<hr \/>\n<p>Auch wenn der pragmatische Mittelweg in der Energiepolitik manchmal verlockend erscheint (andere haben diesen Pragmatismus auch bereits als &#8222;Wurstelszenario&#8220; eingestuft), bleibt das Gesamtkonzept der 2000-Watt-Gesellschaft die Vorgabe f\u00fcr die Energiepolitik auch einer gr\u00f6sseren Wohnbaugenossenschaft! Dazu muss die vom FGZ-Vorstand in der FGZ-Info 2010 \/ Nr. 3 vorgestellte Vorgehensweise deutlich nachgebessert werden!<\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00e4ufig gilt eine pragmatische Vorgehensweise &#8211; gerne als goldener Mittelweg bezeichnet &#8211; als akzeptabler Entscheidungsweg. Gerade in \u00f6kologischen Fragen ist ein solcher pragmatischer Mittelweg allerdings weder golden noch nachhaltig. 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