{"id":2024,"date":"2010-09-18T21:11:51","date_gmt":"2010-09-18T19:11:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=2024"},"modified":"2010-09-18T21:29:38","modified_gmt":"2010-09-18T19:29:38","slug":"herrscht-wohnungsnot-die-marktwirtschaft-und-der-umgang-mit-grenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/herrscht-wohnungsnot-die-marktwirtschaft-und-der-umgang-mit-grenzen","title":{"rendered":"Herrscht Wohnungsnot? &#8211; Die Marktwirtschaft und der Umgang mit Grenzen"},"content":{"rendered":"<p>Nach allgemeiner Ueberzeugung herrscht Wohnungsnot in der Stadt Z\u00fcrich. Diese \u00e4ussert sich etwa dadurch, dass Menschen eine Wohnung gem\u00e4ss ihren Preis- und Gr\u00f6ssenvorstellungen nicht oder nur mit sehr viel Aufwand finden. W\u00e4hrend insbesondere die Medien und ein Teil der Politik monokausale Konstrukte erfinden, handelt es sich letztlich um einen klaren Fall von Polykausalit\u00e4ten, die letztlich zeigen, dass der Markt durchaus auf Grenzen &#8211; im Sinne von Grenzen des Wachstums &#8211; reagiert.<!--more--><\/p>\n<p>Wohnen ist einerseits ein Grundbed\u00fcrfnis, andererseits stellen Konsumanspr\u00fcche und Wohlstandsspielr\u00e4ume eine wichtige Triebkraft im Wohnungsmarkt. Der Wohnungspreis ist somit eine Art integrativer Indikator f\u00fcr den Umgang mit der Begrenztheit de Erde. In einer Welt mit einem viel zu grossen \u00f6kologischen Fussabdruck &#8211;  am 21. August 2010 war global betrachtet das aufgebraucht, was die Erde im Jahr 2010 nachhaltig, also ohne Folgen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Generationen, hergeben kann, obwohl erst knapp 2\/3 des Jahres verflossen waren an diesem Datum &#8211; signalisiert letztlich &#8222;Wohnungsnot&#8220;, dass es der Gesellschaft nicht gelingt, individuelle Anspr\u00fcche mit den M\u00f6glichkeiten des Planeten Erde und den Bed\u00fcrfnissen  der Gemeinschaft in \u00dcbereinklang zu bringen. Solange ein solches Gleichgewicht nicht erreicht ist, haben Massnahmen Pfl\u00e4sterli-Charakter, bek\u00e4mpfen also Symptome statt an der Beseitigung der Ursachen zu wirken. <\/p>\n<p>Das Symptom &#8222;Wohnungsnot&#8220; hat viele Ursachen, ich behaupte nicht, s\u00e4mtliche zu kennen, ich behaupte ebenfalls nicht, die letztg\u00fcltigen L\u00f6sungen bezeichnen zu k\u00f6nnen. Ich stelle fest, dass die Lobbyies der verschiedenen Interessensgruppen &#8211; von den Mietenden \u00fcber die Bauwirtschaft bis zu den Hauseigent\u00fcmerschaften usw &#8211; zwar stark sind, aber aus wahrscheinlich vor allem politischen Gr\u00fcnden nicht in der Lage sind, im Interesse der Gesamtgesellschaft einen tats\u00e4chlichen Interessensausgleich zu erm\u00f6glichen.  Es scheint, als h\u00e4tten die diversen Gruppen die Ernsthaftigkeit, die Dramtatik und die erhebliche Ver\u00e4stelung der Situation noch nicht verstanden &#8211; m\u00f6glicherweise warten sie auch einfach darauf, dass andere den ersten Schritt tun.<\/p>\n<p>Eine Schl\u00fcsselgr\u00f6sse ist der <strong>Anspruch auf Wohnfl\u00e4che<\/strong> &#8211; es l\u00e4sst sich zeigen, dass w\u00e4hrend langer Zeit die<a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/mietzinse-sind-ein-spiegelbild-der-wohnflachenanspruche\" target=\"_blank\"> Mietzinsentwicklung direkt korreliert ist mit der durchschnittlich pro Person zur Verf\u00fcgung stehenden Wohnfl\u00e4che<\/a>!<\/p>\n<p>Zudem erfolgt die Bewirtschaftung dieses Wohnraumes derzeit nicht nach Nachhaltigkeitsprinzipien. Die \u00fcbliche Nutzungsdauer einer Geb\u00e4udestruktur liegt bei etwa 80 bis 100 Jahren, wobei diverse Bauteile und Komponenten w\u00e4hrend dieser Zeit mindestens einmal erneuert werden m\u00fcssen. In der Schweiz sind Sanierungsraten und Abbruch- respektive Erneuerungsraten vil zu gering &#8211; es wird von einem <strong>Sanierungsstau<\/strong> gesprochen. Dies heisst: <strong>Wohnraum ist zu g\u00fcnstig auf dem Markt<\/strong>, die aktuellen Nutzenden konsumieren Verm\u00f6genswerte ihrer Vorfahren, welche nicht mehr an nachfolgende Generationen weitergegeben werden k\u00f6nnen. Weil der Wohnraum nicht nachhaltig bewirtschaftet wird, stehen erhebliche Geldmittel f\u00fcr andere Konsumbed\u00fcrfnisse (von noch mehr Wohnraum pro Person \u00fcber Konsumg\u00fcter bis zum Ferien- und Freizeitbereich) zur Verf\u00fcgung. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit l\u00e4sst sich zeigen, dass etwa die Zweitwohnungsquote oder die Pro-Person-Flugkilometer eine Abh\u00e4ngigkeit von den zu tiefen Mietzinsen zeigen.<\/p>\n<p>Es ist nicht zuf\u00e4llig, dass die politische Diskussion \u00fcber &#8222;Wohnungsnot&#8220; einige Jahre nach Start einer beschr\u00e4nkten Erneuerungsinitiative der Stadt Z\u00fcrich (<a href=\"http:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/prd\/de\/index\/stadtentwicklung\/stadt-_und_quartierentwicklung\/wohnen\/10_000_wohnungen.html\" target=\"_blank\">10&#8217;000 neue Wohnungen in Z\u00fcrich innerhalb von 10 Jahren<\/a>, gestartet im Jahr 2000) verst\u00e4rkt stattfindet. Diese Initiative hat insbesondere auch die nachhaltige Bewirtschaftung der Liegenschaften thematisiert, insbesondere neben den \u00f6kologischen auch die \u00f6konomischen Anliegen, ohne die sozialen Aspekte zu vernachl\u00e4ssigen. Dies hat zur Folge, dass gr\u00f6ssere Best\u00e4nde an Wohnungen erneuert oder gar durch Neubauten ersetzt wurden, wobei die Mietzinse selbst im gemeinn\u00fctzigen, also nicht gewinnorientierten Wohnungsbau den tats\u00e4chlichen Kosten erh\u00f6ht wurden. Die Zahl der billigen Wohnungen, meist eher mit Bruchbudencharakter, ist mit Sicherheit kleiner geworden. Die MieterInnen sind derzeit daran zu entdecken, dass die Phase der Billig-Wohnungen vorbei ist, dass also zuk\u00fcnftig auch f\u00fcr g\u00fcnstige (was nicht das gleiche ist wie billige)  Wohnungen auch bei reduzierten Anspr\u00fcchen mehr Geld ausgegeben werden muss, also f\u00fcr anderen Konsum weniger Geld zur Verf\u00fcgung steht. Oder anders: <strong>echte Nachhaltigkeit hat einen Preis<\/strong>, durchaus mit der schmerzhaften Erkenntnis verbunden, dass auch lieb gewordene Gewohnheiten in Frage gestellt werden m\u00fcssen! Dass nicht erst als Folge der Finanzwirtschaftskrise im Herbst 2008 vermehrt Anlageverm\u00f6gen mit hohen Renditeanspr\u00fcchen in den Liegenschaftenbereich investiert werden, wird zus\u00e4tzlich preistreibend, ebenso wie die weltweit bekannt hohe Lebensqualit\u00e4t in der Stadt Z\u00fcrich (nicht zuletzt eine Folge der deutlich auf den Umweltverbund ausgerichteten und von den Stimmberechtigten getragenen Verkehrspolitik der Stadt Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>Zu erw\u00e4hnen ist, dass die Anforderungen aus dem <strong>Klimaschutz<\/strong> die Notwendigkeit sowohl einer ausreichenden Erneuerung der Bauten zur gleichzeitigen Umsetzung energetischer Massnahmen (Energieeffizienzsteigerung, Einsatz erneuerbarer Energien) als auch einer Reduzierung des Fl\u00e4chenanspruchs pro Person verst\u00e4rkt. Die (Energie-)Effizienz wird sinnvollerweise mit der (Fl\u00e4chen-)Suffizienz verbunden &#8211; <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/lohas-sind-out-den-lovos-gehoert-die-zukunft\" target=\"_blank\">LOVOS als Zukunftslebensstil<\/a>!<\/p>\n<p>Neue Bescheidenheit, bewusste freiwillige Einfachheit als Teil von LOVOS weist auch gerade auf einen ersten L\u00f6sungsbeitrag hin: weniger Fl\u00e4che pro Person ist eine zwingende Vorgabe an den Wohnungsmarkt. Auch wenn es \u00fcbergrosse Familienwohnungen durchaus auch gibt: Single-Wohnungen und die Rumpffamilie (die alternden Eltern nach Auszug der erwachsen gewordenen Kinder (vielleicht in eine Single-Wohnung)) geh\u00f6ren auch zum Fl\u00e4chenreduktionsprogramm &#8211; bis hin zu gemeinsamen Wohnformen im Alter, wie sie etwa als <a href=\"http:\/\/www.metropolis-verlag.de\/%22Key-Points%22-nachhaltigen-Konsums\/663\/book.do\" target=\"_blank\">Key Points nachhaltigen Konsums<\/a> benannt wurden. <\/p>\n<p>Einen wichtigen Beitrag sowohl f\u00fcr die Verminderung (oder Tiefhaltung) der Fl\u00e4chen pro Person leisten bereits heute Genossenschaften und andere Tr\u00e4ger des nicht gewinnorientierten Wohnungsbaus. Auch wenn bereits heute rund 1\/4 des Wohnungsangebotes in der Stadt Z\u00fcrich von diesen Tr\u00e4gerschaften angeboten wird, besteht hier sicher erhebliches Ausbaupotential.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6sste Teil der Wohnungen auf Stadtgebiet wird &#8211; juristisch gesprochen &#8211; von &#8222;nat\u00fcrlichen Personen&#8220; angeboten. Diverse Untersuchungen zeigen, dass viele Menschen in erster Linie durch Erbvorg\u00e4nge, daher meist selber schon in h\u00f6herem Alter, in den Besitz von eher schlecht unterhaltenem Wohnraum kommen, und kaum in erster Linie langfristig orientierte Projekte, und dazu z\u00e4hlt die nachhaltige Bewirtschaftung von Liegenschaften, anpacken wollen. Hier braucht es modifizierte Eigentumsformen: individuelles Eigentum an Geb\u00e4uden ist abzul\u00f6sen durch Liegenschaftenfonds-Anteile mit damit verbundenem Wohnrecht, quasi eine kommerzialisierte Form von Genossenschaften, welche eine professionelle Liegenschaftenbewirtschaftung sicherstellt, aber auch im Sinne einer B\u00f6rse sicherstellen kann, dass die einzelnen Fondseigent\u00fcmerInnen eine ihrer Lebensabschnittssituation entsprechende Wohnungsgr\u00f6sse finden, ohne die schon fast zwanghafte Fixierung auf die &#8222;eigenen vier W\u00e4nde&#8220;. Illustratives Beispiel, berichtet im <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/zuerich\/stadt\/Ein-linkes-Dilemma\/story\/23860602\" target=\"_blank\">Tages-Anzeiger<\/a>: der Schriftsteller J\u00fcrg Acklin hat zwei Mehrfamilienh\u00e4user geerbt, hat billigen Wohnraum anbieten wollen &#8211; als die Geb\u00e4ude immer mehr zerfielen, erkannte J\u00fcrg Acklin, dass es so nicht weitergehen k\u00f6nne, und hat die H\u00e4user verkauft und damit zum Abbruch freigegeben, nach 94 Jahren mit im wesentlichen sanften Renovationen: lange Zeit davon waren die Mieten g\u00fcnstig, gar billig &#8211; dauerhaft, also nachhaltig, war dies nicht!<\/p>\n<p>Was bleibt: das Grundbed\u00fcrfnis Wohnen braucht ein hohes Mass an Professionalit\u00e4t zur Gew\u00e4hrleistung einer nachhaltigen Bewirtschaftung. Es bleibt kein Raum f\u00fcr politische Spielereien und Proilierungen, es bleibt kein Raum f\u00fcr Gruppenegoismen, weder auf Seiten der MieterInnen noch auf Seiten der Eigent\u00fcmerInnen. Zu beachten ist, dass Raum, sowohl als Boden als auch als Wohnfl\u00e4che, endlich ist. Die Respektierung dieser Grenzen ist die Grundvoraussetzung f\u00fcr eine tats\u00e4chlich nachhaltige Bewirtschaftung! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach allgemeiner Ueberzeugung herrscht Wohnungsnot in der Stadt Z\u00fcrich. Diese \u00e4ussert sich etwa dadurch, dass Menschen eine Wohnung gem\u00e4ss ihren Preis- und Gr\u00f6ssenvorstellungen nicht oder nur mit sehr viel Aufwand finden. 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