{"id":1908,"date":"2010-05-21T09:01:41","date_gmt":"2010-05-21T07:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=1908"},"modified":"2012-04-09T11:37:04","modified_gmt":"2012-04-09T09:37:04","slug":"vom-neid-zum-gluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/vom-neid-zum-gluck","title":{"rendered":"Vom Neid zum Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Wer beispielsweise die \u00fcberm\u00e4ssigen L\u00f6hne und Boni in der Finanzindustrie in Frage gestellt, wird geradezu reflexartig mit dem Vorwurf eingedeckt, ein neidiger Mensch zu sein. Das populistische Argument der Neiddebatte f\u00fchrt allerdings in die Sackgasse. &#8222;<strong>Haben oder Sein<\/strong>&#8220; hat der Sozialpsychologe Erich Fromm bereits 1976 in seinem Buch mit dem Untertitel &#8222;<em>Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft<\/em>&#8220; thematisiert. Die <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/zuerich\/region\/Schulwege-zum-Glueck\/story\/24934326\" target=\"_blank\">Reaktionen eines Teils der \u00d6ffentlichkeit auf den Vorschlag<\/a> von Bastien Girod, Gl\u00fcck zum Unterrichtsthema zu machen &#8211; dies als ein Beitrag zum &#8222;Green Chance&#8220; &#8211; zeigen, dass hier nach wie vor erhebliche gesellschaftliche Defizite bestehen.<!--more--> <\/p>\n<p>Seit langer Zeit macht insbesondere die SVP eine populistische Politik, die den Eindruck erweckt, als werde sie gepr\u00e4gt von Menschen, die behaupten, im Leben zu kurz gekommen zu sein &#8211; und daran seien &#8222;die Anderen&#8220;, beispielsweise MigrantInnen, schuld. Und diese Politik richtet sich an Menschen, die diese Gef\u00fchle auch haben. Nun, die Milliard\u00e4rsdichte d\u00fcrfte zwar in keiner anderen Partei gr\u00f6sser sein als bei der SVP; angesichts des <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/tag\/okologischer-fussabdruck\" target=\"_blank\">massiv \u00fcberm\u00e4ssigen \u00f6kologischen Fussabdrucks<\/a> der SchweizerInnen grenzt es an Zynismus, aus dieser Sicht von &#8222;zu kurz gekommenen&#8220; zu sprechen. Trotzdem scheint die SVP-Leier auch bei anderen Parteien Wirkung zu zeigen &#8211; die offenbar &#8222;Immer-noch-zu-wenig-Habenden&#8220; pr\u00e4gen immer deutlicher die Alltagsthematiken der Schweizerischen Politik.<\/p>\n<p>Eine Untersuchung (ich suche noch nach der Fundstelle) hat vor einiger Zeit Menschen befragt, wie viel Geld sie f\u00fcrs Gl\u00fccklich sein ben\u00f6tigen w\u00fcrden. Unabh\u00e4ngig von den aktuell verf\u00fcgbaren Geldmitteln meinen Menschen, dass sie f\u00fcr ihr Gl\u00fcck doppelt so viel Geld haben m\u00f6chten. Die Konsequenz ist offensichtlich: weil es ja Menschen gibt, die mit doppelt so viel Geld nur halb zufrieden sind &#8211; weil sie ja auch doppelt so viel Geld brauchen, um gl\u00fccklich zu sein &#8211; m\u00fcsste f\u00fcr jeden Menschen unendlich viel Geld verf\u00fcgbar sein, um das Gl\u00fcck kaufen zu k\u00f6nnen. Weil dies ja offensichtlich nicht funktioniert, heisst dies schlussfolgernd: Geld ist keine relevante Gl\u00fcckskomponente, Gl\u00fcck hat keinen Zusammenhang mit materiellen Werten &#8211; was andererseits nicht heisst, dass die materielle Komponente keinen Zusammenhang mit dem Wohlergehen hat, darum ist das <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/tag\/bedingungsloses-grundeinkommen-fur-alle\" target=\"_blank\">bedingungslose Grundeinkommen f\u00fcr alle<\/a> eine zentrale gesellschaftliche Forderung. <strong>Das Haben alleine macht das Gl\u00fcck nicht aus!<\/strong>   <\/p>\n<p>Da zwar die deutsche Sprache viele W\u00f6rter hat, aber auch nur eine endliche Zahl, werden W\u00f6rter f\u00fcr mehrere Bedeutungen verwendet. &#8222;Gl\u00fcck&#8220; wird also sowohl f\u00fcr den zuf\u00e4lligen Lotto-Sechser als auch f\u00fcr &#8222;gl\u00fccklich sein&#8220; verwendet &#8211; wobei gerade die ausgepr\u00e4gte Fokussierung der Gesellschaft auf die materiellen, hedonistischen Aspekte das Zufallsgl\u00fcck in den Vordergrund r\u00fcckt.<\/p>\n<p>Gl\u00fcck als Unterrichtsthema spricht genau nicht das Zufallsgl\u00fcck an, sondern ausschliesslich die aktuelle, momentane Zufriedenheit. Dabei geht es auch nicht um euphorische, allenfalls durch chemische Substanzen beeinflusste Gef\u00fchlszust\u00e4nde, sondern eine ausgesprochen n\u00fcchterne, geradezu rationale Auseinandersetzung mit der jeweiligen Lebenssituation.<\/p>\n<p>Spannend ist, dass gegen den Gl\u00fccksunterricht das gleiche Argument wie gegen das bedingungslose Grundeinkommen f\u00fcr alle angef\u00fchrt wird: es handle sich um einen Angriff auf das Leistungsprinzip. Abgesehen davon, dass die kritiklose Umsetzung des Leistungsprinzips massgeblich f\u00fcr den \u00fcberm\u00e4ssigen \u00f6kologischen Fussabdruck verantwortlich ist, kommt damit zum Ausdruck, dass diese Leistung den Menschen mit finanziellen Anreizen abgen\u00f6tigt werden soll &#8211; Menschen sollen also dazu gezwungen werden, Dinge zu tun, die sie nicht wollen und schon gar nicht brauchen! Klar ist, und dies zeigen diverse Forschungsergebnisse: Menschen tun Dinge, von denen sie \u00fcberzeugt sind, sogar freiwillig, also auch ohne Entsch\u00e4digung &#8211; und diese Dinge werden ohne Geldbonus sogar wesentlich verantwortungsbewusster getan! Wertsch\u00e4tzung, die pers\u00f6nliche Zufriedenheit mit einem erfolgreichen Projektabschluss oder die Freude und den Stolz \u00fcber ein gelungenes Produkt sind f\u00fcr die meisten Menschen wesentlich wichtigere Faktoren als \u00fcberm\u00e4ssig erscheinende Geldzahlungen. &#8222;Open Source&#8220; im Softwarebereich oder der Wikipedia-Ansatz f\u00fcr das Wissensmanagement sind exemplarische Beispiele. <\/p>\n<p>Der &#8222;Green Chance&#8220; setzt voraus, dass Menschen den materiellen Aspekten deutlich weniger Gewicht beimessen, als dies etwa bei den heutigen Bonusdiskussionen zum Ausdruck kommt. Das &#8222;Sein&#8220; muss deutlich in den Vordergrund ger\u00fcckt werden. Auch die Umsetzung der 2000-Watt-Gesellschaft profitiert davon, wenn Menschen sich freiwillig am <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/lohas-sind-out-den-lovos-gehoert-die-zukunft\" target=\"_blank\">Lebensstil &#8222;LOVOS&#8220; &#8211; freiwillige Einfachheit<\/a> orientieren. &#8222;Green Chance&#8220; braucht darum den Gl\u00fccksunterricht. Wobei, Frage nicht nur an Bastien Girod: warum eigentlich nur in der Schule? Das (individuelle und gesellschaftliche) Gl\u00fcck, das Gl\u00fccklich sein, das Wohlergehen erfordert mit hoher Wahrscheinlichkeit lebenslanges Lernen! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer beispielsweise die \u00fcberm\u00e4ssigen L\u00f6hne und Boni in der Finanzindustrie in Frage gestellt, wird geradezu reflexartig mit dem Vorwurf eingedeckt, ein neidiger Mensch zu sein. 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