{"id":1818,"date":"2010-03-13T15:30:27","date_gmt":"2010-03-13T14:30:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=1818"},"modified":"2011-11-20T21:45:13","modified_gmt":"2011-11-20T20:45:13","slug":"gerechtigkeit-oder-unterhaltungs-show","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/gerechtigkeit-oder-unterhaltungs-show","title":{"rendered":"Gerechtigkeit oder Unterhaltungs-Show?"},"content":{"rendered":"<p>Das Medien- und \u00d6ffentlichkeitsinteresse an den Prozessen gegen &#8222;die drei Schl\u00e4ger von M\u00fcnchen&#8220; oder den &#8222;Horgener Zwillingsmord&#8220; ist beachtlich, allerdings auch schwierig zu erkl\u00e4ren. Es geht dabei eigentlich ausschliesslich um die juristische Bereinigung von Gewaltexzessen.  <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vorbemerkung: Gewalttaten sind durch nichts zu entschuldigen, sie sind auch nicht zu erkl\u00e4ren. Selbst drakonische Gerichtsurteile k\u00f6nnen solche Taten nicht ungeschehen machen, und sie k\u00f6nnen wahrscheinlich weitere solche Taten &#8211; von den gleichen oder anderen T\u00e4terInnen -nicht verhindern. Klar ist auf jeden Fall: die Justiz ist nicht geeignet, eine gewaltfreie oder wenigstens gewalt\u00e4rmere Gesellschaft zu erreichen. Es bleibt dabei: die Gesellschaft muss dazu \u00fcbergehen, Gewalt in allen Lebensbereichen zu \u00e4chten.<\/p>\n<p>In einem <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/Der-Gangster-ist-am-einfachsten-zu-verteidigen\/story\/27364403\" target=\"_blank\">Interview<\/a> sagt der Anwalt Valentin Landmann: <em>Ich habe mir zum Prinzip gemacht, dass Gericht nie zu langweilen. Und keine Geschichte meiner Klienten war, bei echtem Interesse, je langweilig.<\/em> Fr\u00fcher im Interview sagt er, dass er diese Geschichte mit den Angeklagten erarbeitet. Valentin Landmann \u00e4ussert sich auch zum Thema Gest\u00e4ndnis und Entschuldigungen. Klar wird dabei: da gehts nur um die Unterhaltung, da gehts um den Druck auf die Tr\u00e4nendr\u00fcse und das (wo auch immer verortete) Mitleidsorgan. Da passt zu dem, was \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/zuerich\/region\/Der-Richter-der-Schlaeger-Mit-vernuenftigen-Strafen-wird-zu-lange-gewartet\/story\/19966691\" target=\"_blank\">erstinstanzlichen Richter Reinhold Baier<\/a> &#8222;der drei Schl\u00e4ger von M\u00fcnchen&#8220; berichtet wird: er sei ein Mann mit Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen, aber hartem Urteil. Dies heisst: auch bei Herrn Baier spielen neben der Juristerei auch die Emotionen eine Rolle. Oder anders: wenn es einem Angeklagten gelingt, mit seiner &#8222;Geschichte&#8220; das Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen des Richters anzukurbeln, ist eine mildere Strafe zu erwarten, sonst l\u00e4sst dieser die volle H\u00e4rte des Gesetzes \u00fcber den Angeklagten wirken. Mit Gerechtigkeit hat dies allerdings nichts mehr zu tun &#8211; sondern nur noch mit einer schlechten Unterhaltungs-Show.<\/p>\n<p>Denn: bekannt ist beispielsweise, dass Jugendgef\u00e4ngnisse unwirksam und teuer sind &#8211; sie verm\u00f6gen die zentralen Aufgaben des Strafwesens nicht zu erf\u00fcllen: eine angemessene Strafe (&#8222;S\u00fchne&#8220;) ist angezeigt, es muss gelingen, die &#8222;T\u00e4terInnen&#8220; so in die Gesellschaft zu integrieren, dass sie sich zuk\u00fcnftig ethisch und moralisch korrekt verhalten, und es sollte mit den Strafen eine pr\u00e4ventive Wirkung gegen\u00fcber anderen potentiellen T\u00e4terInnen erreicht werden. Alle diese Punkte kann die Justiz nachweislich nicht bewirken, im Gegenteil. P.S. Festzuhalten ist, dass das Prinzip &#8222;Auge um Auge, Zahn um Zahn&#8220;, also die Rache, richtigerweise l\u00e4ngst aus dem Justizsystem verschwunden ist, auch wenn dies die vielen <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/400-zeichen-besser-darauf-verzichten\" target=\"_blank\">StammtischlerInnen<\/a> gerne anders h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Menschheit ist im wesentlichen eine Geschichte der Gewalt. Trotz jahrtausenden trauriger Vorgeschichte ist die Menschheit offenbar nicht lernf\u00e4hig. Balkan, Irak, Afghanistan, Naher Osten (Israel\/Pal\u00e4stina), &#8230;: Tag f\u00fcr Tag zelebrieren Medien und Politik, dass Gewalt offenbar zu den erlaubten Handlungsm\u00f6glichkeiten z\u00e4hlen, wenn es darum geht, Konflikte zu behandeln. Die visuellen Medien bringen die Folgen dieser Gewalt t\u00e4glich in jedes Wohnzimmer &#8211; und zeigt neben den Opfern immer auch die (vermeintlichen) SiegerInnen dieser Gewalt. <\/p>\n<p>Auch der Strassenverkehr dient zur Verherrlichung der Gewalt &#8211; immer noch gr\u00f6ssere und schwerere Autos, die den Velofahrenden noch weniger Platz lassen. Zudem verbunden mit einem \u00fcberm\u00e4ssigen Ausstoss an Treibhausgasen, was auch das Gewaltpotential ansteigen l\u00e4sst. Oder anders: wie erkl\u00e4rt wohl der M\u00fcnchner Richter Reinhold Baier seinem Umfeld, dass milit\u00e4rische Gewaltt\u00e4ter respektive deren milit\u00e4rischen und politischen Aufftraggeber) straffrei ausgehen, w\u00e4hrend er drei Jugendliche, die \u00e4hnliches taten, hart be- und verurteilt? Oder soll einfach der Medienrummel um diesen Prozess davon abhalten, die gesellschaftliche Rolle der Gewaltanwendung zu diskutieren?<\/p>\n<p>Die Nachbemerkung entspricht der Vorbemerkung: Gewalt ist keiner Form &#8211; ob auf staatlicher Ebene oder im pers\u00f6nlichen Kontext &#8211; entschuldbar!    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Medien- und \u00d6ffentlichkeitsinteresse an den Prozessen gegen &#8222;die drei Schl\u00e4ger von M\u00fcnchen&#8220; oder den &#8222;Horgener Zwillingsmord&#8220; ist beachtlich, allerdings auch schwierig zu erkl\u00e4ren. 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