{"id":1082,"date":"2009-10-10T00:52:32","date_gmt":"2009-10-09T23:52:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/?p=1082"},"modified":"2009-10-10T10:12:07","modified_gmt":"2009-10-10T09:12:07","slug":"naturgesetze-abschaffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/naturgesetze-abschaffen","title":{"rendered":"Naturgesetze abschaffen?"},"content":{"rendered":"<p>Die JungsozialistInnen (JUSO) Schweiz haben ein ziemlich eigenartiges <a href=\"http:\/\/juso.ch\/files\/Religionspapier.pdf\" target=\"_blank\">Religionspapier<\/a> entworfen &#8211; es st\u00fctzt sich im wesentlichen auf die Aussage, dass Religionen nicht demokratisch legitimiert seien. Die JUSO sehen Religionen als zwangschaffende Institutionen &#8211; erstaunlich, dass die JUSO nicht gerade auch noch die Abschaffung der Naturgesetze verlangen.<!--more--><\/p>\n<p>Mit einem ziemlich antiquierten Religionsbild &#8211; wahrscheinlich gepr\u00e4gt durch den Schulgeschichtsunterricht, welcher ja \u00fcblicherweise irgendwo zwischen den Weltkriegen aufh\u00f6rt &#8211; beginnt das JUSO-Papier. Die katholische Kirche etwa hat einen grosse Erneuerungsschritt getan nach dem zweiten Vatikanischen Konzil &#8211; VertreterInnen der christlichen Kirchen waren die treibenden Kr\u00e4fte hinter dem Mauerfall in Berlin, in der ehemaligen DDR, ziemlich genau vor 20 Jahren. <\/p>\n<p>Zwang unterstellen die JUSO den Kirchen. Die Mitgliedschaft in einer Kirche ist ein bewusster Vorgang &#8211; ab 16 kann jede und jeder jederzeit frei entscheiden, ob er oder sie Mitglied einer der Kirchen sein m\u00f6chte. Selbstverst\u00e4ndlich ist dabei nicht zu verkennen, dass auch die Traditionen, sowohl des Landes als auch der Familie, bei diesem Entscheid mitwirken. Die kirchlichen Dienstleistungen bei Taufe, Konfirmation oder Firmung, Trauung, aber auch Abdankung oder Beerdigung bieten vielen einen w\u00fcrdigen und feierlichen Rahmen bei &#8222;Lebensabschnittsanl\u00e4ssen&#8220;. Dies \u00e4ndert nichts daran: die Mitgliedschaft bei einer Religionsgemeinschaft ist ein freier, bewusster, dauerhafter aber auch regelm\u00e4ssiger Entscheid eines m\u00fcndigen Menschen. <\/p>\n<p>Dieser Entscheid erfolgt grunds\u00e4tzlich in Kenntnis der Positionsbez\u00fcge und der weltanschaulichen Haltungen der Kirchen.<\/p>\n<p>Brauchen die Glaubensinhalte und die Alltagsgebote einer Kirche eine demokratische Legitimierung? Gelten sie sonst als Zwang und sind daher abzulehnen, wie das die JUSO tun? Naturgesetze, beispielsweise die Schwerkraft, sind ebenfalls nicht demokratisch legitimiert. Dass ein Gegenstand, der schwerer ist als Luft, zu Boden f\u00e4llt, ist manchmal \u00e4rgerlich (und es g\u00e4be daher m\u00f6glicherweise keine demokratische Mehrheit f\u00fcr die Fallgesetze), und kann durchaus als Zwang bezeichnet werden. Aber deswegen die Naturgesetze abzuschaffen, wird nicht mal den JUSO einfallen.<\/p>\n<p>Ethisches Verhalten ist ein M\u00fcssen, Sollen &#8211; sparen wir uns doch die Wortklauberei &#8211; , ist letztlich ein Zwang, der sich aus der goldenen Regel der Ethik ergibt, Fundament eigentlich jeder Religion, oder in der Formulierung des kantschen Imperativ: <strong>Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde<\/strong>.<\/p>\n<p>Viele Religionen berufen sich auf historische ReligionsstifterInnen. Die meisten Religionen sind entstanden aus den Lehren und Erkenntnissen grosser Menschen, aufbauend auf dem \u00f6rtlichen Glaubensgeb\u00e4ude. Die meisten damaligen Gesellschaften waren agrarisch gepr\u00e4gt &#8211; die heutigen mobilit\u00e4tsorientierten Dienstleistungsgesellschaften zumindest in den \u00dcberfluss\u00f6konomien der &#8222;ersten Welt&#8220; entsprechen der damaligen Lebensrealit\u00e4t mit Sicherheit nicht. Gerade Weltkirchen stehen vor der Herausforderung, glaubw\u00fcrdige Haltungen und Lebenshilfen f\u00fcr eine multikulturelle und multi\u00f6konomische Welt pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Individualisierte Ethiken haben zwar einen gewissen Reiz, d\u00fcrften allerdings angesichts der erheblichen Kommunikationsbarrieren &#8211; denn Worte sind gerade in ethischen Fragestellungen zuerst inhaltsleere H\u00fclsen &#8211; kaum mit dem Prinzip der goldenen Regel der Ethik vereinbar sein, weil sich diese Do-It-Yourself-Konstrukte kaum auf ihre gesamtgesellschaftliche Vertr\u00e4glichkeit \u00fcberpr\u00fcfen lassen. Die &#8222;Lebenshilfen&#8220; der Kirchen haben zwar tendentiell eine niedrige Ver\u00e4nderungsgeschwindigkeit, mit hoher Wahrscheinlichkeit darum, um der globalen Dimension der &#8222;Weisheiten&#8220; gerecht zu werden. Viele Individualethiken, m\u00f6gen sie noch so freidenkerisch daherkommen, k\u00f6nnen dem universellen Charakter der goldenen Regel der Ethik nicht gerecht werden. M\u00f6glicherweise fusst in dieser Erkenntnis auch die Ablehnung der Festlegung von &#8222;Gut&#8220; und &#8222;B\u00f6se&#8220; (das &#8222;B\u00f6se&#8220; nicht als &#8222;teuflisch&#8220; verstanden) &#8211; selbst ein \u00fcberm\u00e4ssig grosser <a href=\"http:\/\/www.footprint.ch\" target=\"_blank\">\u00f6kologischer Fussabdruck<\/a> gilt als akzeptabel, auch wenn klar ist, dass eine solche Verhaltensweise unter keinem Titel ethisch verantwortbar ist.<\/p>\n<p>Offensichtlich ist allerdings: auch die Kirchen haben nicht zwingend glaubw\u00fcrdige Antworten auf die dr\u00e4ngenden Fragen der Gegenwart &#8211; dies d\u00fcrfte auch der wesentliche Grund sein f\u00fcr die abnehmende gesellschaftliche Relevanz der Kirchen. Aber: einerseits die mehrere hundert Jahre dauernde gemeinsame Geschichte von Religionen und grossen Bev\u00f6lkerungsteilen, andererseits immer wieder kluge K\u00f6pfe, die sowohl in diesem Milieu zu Hause sind als auch dar\u00fcber hinausdenken k\u00f6nnen, bieten die Chance, an einer gemeinsamen Ethik, an gemeinsamen Vorgaben des menschlichen Lebens zu arbeiten. Ein solches Beispiel: Hans K\u00fcng als treibende Kraft hinter dem <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/ein-versohnlicher-prasident-eine-versohnliche-prasidentin\" target=\"_blank\">Weltethos<\/a>.<\/p>\n<p>Darum trete ich ein f\u00fcr die weitere Pr\u00e4senz der Kirchen, der Religionen &#8211; wohlverstanden nicht ausschliesslich christlich gepr\u00e4gt &#8211; in der Schweiz: da diese Institutionen traditionell f\u00fcr &#8222;h\u00f6here Werte&#8220; stehen (bei allem Wissen auch um die dunklen Seiten der machthungrigen Kirchen), k\u00f6nnten diese wieder vermehrt die Rolle als gesellscahftliche Anker \u00fcbernehmen. <\/p>\n<p>Die Verleihung des Friedensnobelpreises 2009 an den immer noch neuen amerikanischen <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/yes-we-can-yes-we-can\" target=\"_blank\">Pr\u00e4sidenten Barack Obama<\/a> &#8211; zu einem Zeitpunkt, an welchem eine umfassende Beurteilung des Leistungsausweises noch gar nicht m\u00f6glich ist &#8211; zeigt, dass bereits die Worte eines k\u00fchnen Menschen Zeichen setzen k\u00f6nnen, Zeichen der Hoffnung f\u00fcr eine gemeinsame Zukunft der Menschheit (selbst bei eingeschalteten Warnlichtern wegen der nicht nur positiven Wirkung von charismatischen Menschen, Stichwort Propagandaminister). Als Anmerkung: &#8222;Glaubw\u00fcrdigkeit&#8220; ist ein zentrales Kriterium, dass solchen menschlichen Leuchtt\u00fcrmen zugestanden wird &#8211; ausgerechnet der Bezug zum Glauben, sicher kein Zufall!    <\/p>\n<p>Zum Zusammenwirken von Religion und Gesellschaft respektive dem Staat bietet gerade die Schweiz ein lange erprobtes Modell &#8211; ein duales Modell einmal mehr. In vielen Kantonen gibt es staatskirchenrechtliche Gebilde, die den demokratischen Rahmen bieten f\u00fcr das innerkirchliche Wirken. Das Wirken dieser staatskirchenrechtlichen Strukturen ist dabei sowohl in den Verfassungen der Kantone als auch in entsprechenden Gesetzen dargelegt. Sowohl dieser staatliche Rahmen als auch die staatskirchenrechtlichen Aktivi\u00e4ten unterstehen somit den \u00fcblichen demokratischen Gepflogenheiten. Dass damit auch das Recht auf die Steuererhebung verbunden ist, versteht sich &#8211; auch wenn dies derzeit im Kanton Z\u00fcrich noch mehrheitlich akzeptiert ist, d\u00fcrfte die Frage der kirchlichen Steuerpflicht von juristischen Personen regelm\u00e4ssig zu Diskussionen f\u00fchren. Nicht unwichtig: dieser Rahmen muss nicht ausschliesslich f\u00fcr christliche Kirchen reserviert bleiben! Die Trennung von Kirche und Staat w\u00fcrde demgegen\u00fcber in erster Linie fundamentalistische Gemeinschaften st\u00e4rken. Das System der staatlichen Kirchengesetzgebung und der staatskirchenrechtlichen Institutionen schafft die Voraussetzung f\u00fcr ein befruchtendes Miteinander von Gesellschaft und Religionen &#8211; zum Beispiel im Hinbick auf gesamtgesellschaftliche Ziele!         <\/p>\n<p>Angesichts der interessanten Konstruktion der JUSO im Spannungsfeld von Zwang, Ethik und demokratischer Legitimation kommen die konkreten Umsetzungsvorschl\u00e4ge zum Teil sehr un\u00fcberlegt daher; einige davon d\u00fcrften die Religionsfreiheit in \u00e4hnlichem Ausmass betreffen wie die SVP-Initiative &#8222;Gegen den Bau von Minaretten&#8220; (damit ist nicht &#8222;Intelligent Design&#8220; gemeint). Als ein kleines Beispiel: Die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Religionsfreiheit\" target=\"_blank\">Religionsfreiheit<\/a> verlangt sowohl Eidesformeln mit oder ohne religi\u00f6sen Bezug &#8211; bekanntlich z\u00e4hlt die Religionsfreiheit zu den elementaren Grund- und Menschenrechten. Als ein weiteres Element: Dass der Staat sich um die Karitas, die t\u00e4tige N\u00e4chstenliebe, k\u00fcmmert, ist eigentlich selbstverst\u00e4ndlich. Dies d\u00fcrfte allerdings einiges teurer werden, als wenn die Kirchen dies tun, denn nirgendwo sonst ist der Freiwilligenanteil derart gross!<\/p>\n<p>Fazit: Ich meine, dass unsere Gesellschaft einige gr\u00f6bere Probleme zu l\u00f6sen hat, die durchaus gesamtgesellschaftlich betrachtet existenziellen Charakter haben, Stichwort z.B. Mensch gemachter Klimawandel. Unter diesem Gesichtspunkt ist es nicht angezeigt, Kirchen oder Religionen von desn gesellschaftlichen Prozessen auszuschliessen, gerade weil diese Religionen einen Zugang zu den Anliegen erschliessen k\u00f6nnen, welcher traditionell z.B. der Politik nicht zur Verf\u00fcgung steht. Auch hier ein Beispiel: Bereits 1986 gegr\u00fcndet wurde der \u00f6kumenische Verein &#8222;<a href=\"http:\/\/www.oeku.ch\" target=\"_blank\">oeku Kirche und Umwelt<\/a>&#8222;, welcher von der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) und dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) als Beratungsorgan f\u00fcr \u00f6kologische Fragen bezeichnet wurde. Gerade weil diese grossen Probleme immer auch ethische Fragen aufwerfen, ist es von Vorteil, auch die Erfahrungen tats\u00e4chlich weltumspannender Kompetenzzentren in ethischen Aspekten einzubeziehen (im vollen Wissen darum, dass zahlreiche der Umsetzungsempfehlungen der Kirchen und Religionen gesellschaftspolitisch weiterentwickelt werden m\u00fcssen).    <\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Im Sinne der Transparenz, auch wenn dies andernorts auf dieser Internet-Seite festgehalten ist: ich bin nach demokratischen Regeln gew\u00e4hlter Synodal, also Mitglied der <a href=\"http:\/\/www.zh.kath.ch\/synode\" target=\"_blank\">Synode der r\u00f6misch-katholischen K\u00f6rperschaft des Kantons Z\u00fcrich<\/a>, der Legislative der staatskirchenrechtlichen Strukturen der r\u00f6misch-katholischen Kirche im Kanton Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Ein Ausflug in die Innerschweiz, <a href=\"http:\/\/bildergalerien.umweltnetz.ch\/content\/?p=53\" target=\"_blank\">zu Fuss<\/a>, mit dem Velo, auf Skis zeigt es deutlich: das Christentum hat Spuren hinterlassen! Nicht nur Kirchen pr\u00e4gen die Gegenden, omnipr\u00e4sent sind auch Kreuze: an Wegkreuzungen, auf Alpen, als &#8222;Krone&#8220; von Berggipfeln, \u00fcberall ist dieses starke christliche Symbol zu finden. Eine \u00dcbernachtung z.B. in einer Alph\u00fctte mit Kreuz bringt eine weitere \u00dcberraschung: metaphysisches Staunen angesichts der Pracht des Sternenhimmels. Naturwissenschaftlich ist alles klar mit den Myriaden von Sonnen in einer Unzahl von Galaxien und so weiter &#8211; der Gedanke an Etwas, das gr\u00f6sser ist als Mensch, liegt nahe. Ob wohl die St\u00e4dte mit ihrem Lichtsmog die Erfahrung des metaphysischen Staunens erschweren?   <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/bildergalerien.umweltnetz.ch\/content\/wp-content\/gallery\/glattalp\/127_5239.jpg\" alt=\"Gipfelkreuz\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die JungsozialistInnen (JUSO) Schweiz haben ein ziemlich eigenartiges Religionspapier entworfen &#8211; es st\u00fctzt sich im wesentlichen auf die Aussage, dass Religionen nicht demokratisch legitimiert seien. 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