Auch in Zürich: #FossilFree und #Divest statt Erdgas-Propaganda

Wenn der Mensch gemachte Klimawandel auf ein für die Menschheit bewältigbares Mass reduziert werden soll, gibt es nur einen Ansatz: Raschmöglichster Ausstieg aus allen fossilen Energien. In der Stadt Zürich beispielsweise ist dies noch nicht angekommen. Da wird immer noch intensiv Erdgas-Propaganda betrieben, was sich auch entsprechend auswirkt. #FossilFree und #Divest sind auch für Zürich als raschestmöglich umzusetzende Strategien angesagt.

2008 haben sich die Stimmberechtigten der Stadt Zürich für die 2000-Watt-Gesellschaft ausgesprochen. Auch für den Kliamschutz war dies aus damaliger Sicht vorbildlich: eine Tonne Treibhausgase pro Person und Jahr bis zum Jahr 2050 sollten erreicht werden, ausgehend von 5.5 Tonnen pro Person und Jahr im Jahr 2005. Die Zwischenbilanz, welche die Stadt Zürich Mitte 2017 veröffentlicht hat, zeigt allerdings, dass es kaum mehr möglich ist, das für das Jahr 2020 vorgesehene Zwischenziel von 4 Tonnen Treibhausgasemissionen pro Person und Jahr zu erreichen.

Bereits mehrfach zitiert habe ich, was zu tun wäre: Wollen wir den Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen, wie im Pariser Klimaschutzabkommen versprochen, auf deutlich unter 2 °C und möglichst auf 1,5 °C begrenzen, müssen wir die weltweiten Kohlendioxidemissionen möglichst um das Jahr 2040 auf null, also um 100 Prozent reduzieren. 2017 ist klar, dass die Klimaschutzanforderungen deutlich strenger sind als noch 2008 angenommen. Es braucht also weitergehende Anforderungen an den Klimaschutz als noch vor 10 Jahren angenommen wurde.

Ein Projekt von Energieforschung Stadt Zürich weist auf eine mögliche Ursache hin, warum das Zwischenziel 2020 nicht erreicht werden dürfte: es werden noch deutlich zu wenig Heizungen auf erneuerbare Energien umgestellt. Oder anders: Die Propaganda der fossilen Erdgaslobby wirkt – Erdgas gilt nach wie vor als «freundliche» Energie! Allein aufgrund der öffentlich wahrnehmbaren Sponsoring-Präsenz von Energie 360° AG stehen offenbar erhebliche Propaganda-Mittel zur Verfügung, und dies in erster Linie für den Verkauf eines fossilen Energieträgers!

Dieser Propagandaeffekt zeigt sich auch der kürzlich veröffentlichten Antwort des Stadtrates auf eine Anfrage von Markus Kunz (Grüne) im Zürcher Gemeinderat. Markus Kunz erkundigte sich angesichts der Klimaschutzthematik nach Sinn und Zweck von weiteren Käufen von Gemeindegasversorgungen durch die städtisch dominierte Energie 360° AG, konkret am Beispiel des Gasnetzes der Gemeinde Wiesendangen, etwas mehr als 6’000 Einwohnende, ost-nordöstlich der Stadt Winterthur gelegen.

In der Antwort erwähnt der Stadtrat zwar den längerfristig erforderlichen Transformationsprozess weg von «konventionellen» hin zu den erneuerbaren Energien – eine Jahrzahl fehlt dabei allerdings. Dies lässt den Eindruck entstehen, dazu bestehe noch unendlich viel Zeit. Am 6. Oktober 2017 hat die Schweiz endlich das Klimaschutzübereimkommen von Paris ratifiziert, Zitat aus der Medienmitteilung des dafür verantwortlichen EDA: Mit der Übergabe der Ratifikationsurkunde am 6. Oktober 2017 in New York wird die Schweiz offiziell Mitglied des Klimaübereinkommens von Paris. Es wird für die Schweiz 30 Tage später, also am 5. November 2017, in Kraft treten. Es sieht unter anderem die Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 °C gegenüber vorindustriellen Werten vor. Die Schweiz hatte sich bei den Verhandlungen zum Klimaübereinkommen stark engagiert.

Was dies konkret heisst, lässt sich aus einer gleichtags publizierten Medienmitteilung des WWF ableiten: Die Schweiz muss den CO2-Ausstoss bis 2038 netto auf null senken. Das entspricht einer linearen Reduktion um 3,8 Prozentpunkte pro Jahr. Als Zwischenziel muss der CO2-Ausstoss 2030 zwei Drittel unter dem Niveau von 1990 liegen. Zum Vergleich: Gemäss Vorschlag des Bundesrats soll die Schweiz ihren eigenen Ausstoss im kommenden Jahrzehnt gerade Mal um 1 Prozentpunkt pro Jahr senken. 2030 wäre er damit gerade Mal 30 Prozent unter dem Stand von 1990.

Eine Energiewirtschaftspolitik der Stadt Zürich, die den Transformationspfad hin zu den erneuerbaren Energien nicht zu einem nicht mehr als 20 bis 25 Jahre entfernten Zeitpunkt terminiert, ist untauglich.

Die Antwort des Stadtrates verweist auf Biogas und auf Gas aus erneuerbarem Überschussstrom.

Diverse Studien zeigen, dass das lokal verfügbare Biogaspotenzial sehr gering ist; auf keinen Fall kann damit ein europaweit ausgedehntes Gasnetz betrieben werden – Biogas ist möglichst nahe am Produktionsort energetisch zu nutzen. Zu beachten ist zudem, dass Biogas nicht zwingend nachhaltig verfügbar ist. Biogas erfordert eine ausgeprägt tierhaltungsorientierte Landwirtschaft und profitiert offensichtlich von Food Waste. Wenn es – auch aus Klimaschutzgründen – gelingt, die Zahl der gehaltenen Nutztiere zu vermindern und Food Waste zu reduzieren, sinkt das Biogaspotenzial deutlich.

Das heutige Biogas-Angebot von Energie 360° AG setzt zu einem erheblichen Teil auf Biogas aus einer Anlage bei der Zuckerfabrik im ungarischen Kaposvár. Nur etwa 16 Prozent der in Zuckerrüben enthaltenen Stoffe wird für die Zuckerproduktion verwendet – für eine Zuckerproduktion zudem, welche für die menschliche Ernährung nicht nötig ist: Menschen konsumieren derzeit zu viel Zucker. Dazu kommt, dass etwa in der Schweiz die bei der Zuckerprdouktion anfallenenden Reststoffe, Rübenschnitzel beispielsweise, als Futtermittel für Rinder und Pferde Verwendung finden. Kaposvár liegt mehr als 1’000 km östlich von Zürich. In Zürich wird somit bestenfalls buchhalterisch Biogas verbrannt, nicht aber physisch. Je weniger Erdgas konsumiert wird, desto unwahrscheinlicher ist, dass dieses Biogas auch virtuell in Zürich ankommt. Wenn derzeit etwa beim Kantonsrat versucht wird, dieses Biogas als Alternative zu vom Gesetz vorgegebenen Lösungen zuzulassen, ist auch dies einmal mehr Propaganda des fossilen Imperiums. Interessant noch dies: In der Antwort des Stadtrates auf die Anfrage von Markus Kunz steht: Die Gasbranche hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil von erneuerbaren Gasen im Gasnetz bis ins Jahr 2030 auf 30 Prozent zu steigern. Ein erheblicher Teil dieses Biogas ist zertifiziertes Biogas. Bei der Veröffentlichung der kommunalen Energieversorgungsplanung der Stadt Zürich enthielt die Medienmitteilung die Aussage, dass 45 % des Erdgasabsatzes im Jahr 2050 aus Biogas stammen werde – was sicher nicht funktioniert, wenn gemäss Pariser Klimaschutz-Übereinkommen bis spätestens 2040 der Ausstieg aus den fossilen Energien zu erfolgen hat.

Die Antwort des Stadtrates sieht ein Potenzial für «Gas aus erneuerbarem Überschussstrom». Vorerst weist der Begriff «Überschussstrom» auf einen fudamentalen Denkfehler hin: Es geht wenn schon darum, dass Stromproduktion und Stromnachfrage (aus welchen Gründen auch immer) zeitlich nicht zusammenpassen. Es ist seit Urzeiten so, dass sich die Energiewirtschaft damit beschäftigt, den aktuellen Energiebedarf mit speicherbaren Energien abzudecken (letztlich ist das in einem Heizöltank gelagerte Heizöl oder das Gas in der Gasleitung Überschussenergie aus fossilen Vorzeiten, auch Holz ist gespeicherte Sonnenenergie). Da die Stromspeichertechnologien technisch, ökologisch und ökonomisch derzeit erhebliche Entwicklungsschritte durchmachen, besteht keinerlei Notwendigkeit, Strom mit hohen Verlusten in Gas umzuwandeln. Das macht allenfalls lokal Sinn, aber sicher nicht zum Betrieb eines flächendeckenden Gasnetzes. Dazu gibt es auch eine Studie aus dem Kanton Schaffhausen.

Die Antwort des Stadtrates suggeriert, Energie 360° AG könne den heutigen Gaskunden im Rahmen des Transformationsprozesses Alternativlösungen anbieten. Es ist durchaus denkbar, dass an gewissen Orten Energieverbundlösungen realisiert werden können, die ausschliesslich mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Solche Lösungen brauchen eine minimale Überbauungsdichte – in Wiesendangen ist diese gemäss kantonaler GIS-Karte nicht gegeben, hier wird als zukünftig die Wärmeversorgung mit dezentralen Lösungen zu funktionieren haben. Der Energie 360° AG dürfte es somit vor allem zukommen, irgendwann in absehbarer Zeit das Gasnetz in Wiesendangen stillzulegen.

Nicht zu vermeiden war offenbar, dass in dieser Antwort auch die Dividenden der Energie 360° AG – hauptsächlich an die 96-Prozent-Aktionärin Stadt Zürich – angesprochen werden. Fast 30 Mio CHF pro Jahr, bei einem Aktienkapital von etwa 70 Mio CHF. Nein, eine Rendite ist dies definitiv nicht. Es handelt sich um einen Mittelzufluss im Sinne der Rentier-Staaten (von französisch rentier), mit Charakter eines Schweigegeldes, damit sich die Politik nicht wirklich mit der Zukunft der Gasversorgung beschäftigt.

Diese 30 Mio CHF als Dividende an die Stadtkasse sind zudem zu relativieren. Im November 2015 war im Tages-Anzeiger zu lesen: Rund 490 Milliarden Dollar gaben Staaten im Jahr 2014 aus, um die Preise für Kohle, Öl und Erdgas mit Subventionen künstlich zu verbilligen. Es kann hier offen bleiben, was genau mit Subventionen gemeint ist. Diese 490 Mia Dollar lassen sich über den Beölkerungsanteil auf die Stadt Zürich umrechnen, was jährliche Subventionen von etwas mehr als 25 Mio CHF ausmachen würde. Wird zudem berücksichtigt, dass in Zürich weniger als 30 % des Erdgasabsatzes im Einzugsgebiet von Energie 360° AG verkauft werden, entspricht der auf die Stadt entfallende Dividendenteil fast 9 Mio CHF. Auch die Dividenden von Energie 360° AG für die Stadt Zürich sind also kein Grund, auf Divestaktivitäten oder einen ambitionierten Transformationspfad der Stadt Zürich zu erneuerbaren Energien zu verzichten.

Offensichtlich ist, dass die Antwort des Stadtrates den Anforderungen des Pariser Klimaschutz-Übereinkommens bei weitem nicht genügt. Erdgas hat keinen Platz im Transformationspfad für eine zukunftsfähige Energieversorgung. Biogas und eventuell erneuerbares Gas zur Zwischenspeicherung von Strom spielen bestenfalls lokal/dezentral eine Rolle. Darum: Auch in Zürich: #FossilFree und #Divest statt Erdgas-Propaganda! Nur so gelingt ein klimafreundlicher Transformationspfad.

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