3250 – was eine Zahl verrät

Nach wie vor ist die Schweizerische Energiepolitik nahezu ausschliesslich Atomenergiepolitik – selbst wenn das Parlament ein Ausfranseln der Atomenergie in der Schweiz beschlossen hat. Einmal mehr betreibt der Auto-Anzeiger, früher Tagesanzeiger, ein eigentliches Bashing dieser zwar zögerlichen, aber immerhin mehrheitsfähigen Energiepolitik, wie bereits auch bei der Vision der 2000-Watt-Gesellschaft: der Titel eines Artikel zur Medienkonferenz des Bundesrates über den aktuellen Stand der Abklärungen zur Weiterentwicklung der Schweizerischen Energiepolitik („Energiestrategie 2050) lautet „Über 3000 neue Windräder für den Atomausstieg“ – in der Legende zu zugehörige Grafik heisst es So viele Windräder (nämlich 3250) oder Fotovoltaikanlagen (nämlich 4.3 Mio Einfamilienhausanlagen) bräuchte es. Der Tagesanzeiger outet sich damit einmal mehr als verlängerter Arm der Atomlobby.

Es handelt sich dabei um eine geradezu dümmliche Falschaussage – sie wird offensichtlich wegen des 4-Buchstabenwortes „oder„. Wer nur in Atomkraftwerken denkt, wird an dieser Stelle „oder“ verwenden – alle energiepolitisch wachen ArgumentiererInnen verwenden an dieser Stelle „UND„. Denn: Energiepolitik war noch nie eine monothematische Schiene (entgegen der Auffassung der Atomlobby), sondern ein „UND“ (wobei die Atomenergie seit Tschernobyl 1986 nicht mehr dazugehört). Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten nur nachhaltigen Bereitstellung von Strom aus erneuerbaren Quellen – es wird also nicht nur Windanlagen oder Fotovoltaikanlagen geben, es wird Windanlagen UND Fotovoltaikanlagen UND Biomasseanlagen UND Wasserkraftwerke (UND allenfalls Geothermiekraftwerke) geben – UND es sind zumindest in einer Uebergangzeit auch klimaschutzverträgliche Gaskraftwerke möglich (hier die Argumentation dazu). In der Schweiz gab es 2010 rund 1.642 Mio Wohngebäude, davon 57.74 % oder rund 945’000 Einfamilienhäuser. Da 4.3 Mio Einfamilienhäuser offensichtlich in der Schweiz nicht Platz haben, will offenbar der Tagesanzeiger die Botschaft vermitteln, die vom Bundesrat vorgestellte Enegiepolitik sei gar nicht möglich. Nach Angaben der Windenergie-Lobby könnten in der Schweiz 4’000 Mio kWh Strom aus Windenergie (das sind 4 TWh) produziert werden – woher der Tagesanzeiger die Zahl von 14 TWh aus Windenergie hat (das sind immerhin 3.5 mal mehr) ist nicht nachvollziehbar. Somit gibt es auch 3.5 mal weniger Anlagen – also weniger als 1000 – als die von Tagesanzeiger genannten Zahlen.

Festzuhalten ist, dass realistischerweise zwar ein erheblicher Teil des Stroms aus erneuerbaren Quellen auf der Schweiz produziert werden kann, dass es aber auch diverse Anlagen, idealerweise finanziert mit Mitteln aus der Schweiz, im näheren europäischen Ausland stehen werde – dafür kann die Schweiz mit ihren Stauseen einen Teil des europäischen Angebots- und Nachfrageausgleichs übernehmen. Das heisst: auch hier heisst es nicht „einheimische“, autonome ODER europaweit vernetzte Stromversorgung, sondern UND, also sowohl einheimische wie europaweit vernetzte Stromversorgung. Wie in ziemlich allen anderen Wirtschaftsbereichen gehört auch in der (nachhaltigen) Stromversorgung der Handel und Austausch mit dem Ausland zu den Alltäglichkeiten.


Der Tagesanzeiger-Artikel steht wie bereits oben erwähnt im Zusammenhang mit dem energiepolitischen Zwischenbericht des Bundesrates vom 1. Dezember 2012. Wirklich innovativ und zukunftsgerichtet ist dieser Bericht nicht. Ich verweise stattdessen auf zwei meiner bisherigen Beiträge: