Heute ist Sankt-Nikolaus-Tag!

Wie jedes Jahr trifft sich die Jugendgruppe genau am 6. Dezember zum Klausabend. Gespannt warten etwa 40 bis 50 Jugendliche vor der Tür des grossen Gemeindesaals. Du, wer ist wohl dieses Jahr der Samichlaus? Und hat er auch einen Schmutzli dabei? Und kannst Du ein cooles Chlaussprüchli? Hoffentlich hat es nicht so viele Nüssli im Chlaussack. Die Stimmen wirbeln durcheinander.

Plötzlich tönt aus dem Saal lauter Technosound und übertönt alle Stimmen. Wie von Geisterhand öffnen sich die Türen zum Saal. Ganz dunkel ist der Saal, nur auf der Bühne vorne steht eine Band und spielt in gedämpftem Licht. Stühle und Tische hat es keine. Zögernd treten die Jugendlichen ein. Einige setzen sich auf den Boden, andere stehen den Wänden nach. Heute ist Sankt-Nikolaus-Tag! singt der Lead-Sänger. Abrupt hört die Musik auf. Und jetzt geht auch noch das Licht aus. Nur eine winzige Kerze flackert sanft am Bühnenrand. Hoi, schreit der Sänger ins Mikrofon. Hoi, grummeln einige Stimmen im Saal. Ich bin der Niggi, Sänger der Niggi-Bänd, an der Gitarre ist der Kobi, am Bass die Stine, und hinter dem Synthesizer sitzt Dia. So wir machen jetzt Musik für Eure Unterhaltung. Und wieder legt die Band los, lässt einen satten Soundteppich durch den Saal dröhnen, schräge Rhythmen, abgehackte Melodiefetzen donnern von der Bühne herunter. Das war jetzt gerade Knecht Ruprecht, der durch die dunklen Winterwälder zieht, sagt Niggi nach drei Stücken, springt dazu von der Bühne herrunter, steuert auf jemanden im Saal zu und fragt: So, wie gefällts Dir?

Die Musik ist läss, aber sonst ist es ziemlich blöd. Keine Sitzgelegenheiten, nichts zu trinken, keine Nüssli, keine Mandarindli, und nichts vom Chlaus zu sehen. Hoffentlich läuft bald was, sonst wirds ganz schnell langweilig.

Applaus. Bella hat offenbar das gesagt, was Mehrheitsmeinung ist im Saal.

Aha. Was soll denn jetzt passieren?

Wir wollen den Klaus, wir wollen den Klaus, wir wollen den Klaus - skandiert der Saal.

Niggi springt zurück auf die Bühne, fuchtelt ein bisschen rum, flüstert mit den andern Bandmitgliedern. Danach hockt er sich auf die Bühnenkante.

Aha, kommt alle her und setzt euch vor mir auf den Boden.

Kurze Unruhe, heftiges Gedränge. Auf ein Handzeichen von Niggi wird es ruhig.

Aha, ihr wollt also den Klaus? Heute kommt aber keiner. Aufgeregtes Geschwatze im Saal. Nur ruhig, da müssen wir uns selber helfen. Also, was brauchen wir für den Chlaus? Stine schreibt alles, was Ihr sagt, auf ein grosses Blatt Papier, und dann schauen wir, was sich machen lässt.

Chlaus, Nüssli, Mandarindli, Guetzli, Zältli, Schmutzli, Schokolade, Kerzen, Punsch, Rute, Lebkuchen, Sprüchli, Tisch, Stühle, Lieder.

Das reicht. Ihr kennt ja sicher Legenden vom Sankt Nikolaus? Er hat die Armen beschenkt, er hat Leben gerettet. So nötig ist das bei uns im Saal wahrscheinlich nicht. Und gleichzeitig haben die Sankt-Nikolaus-Bräuche viel mit den vor-christlichen Zeiten zu tun. Der Schmutzli oder Knecht Ruprecht steht wahrscheinlich für einen alten germanischen Gott, der mit seinem Straf-Stab unterwegs war.

Auf der Bühne gehen Scheinwerfer an, beleuchten drei grosse Kisten, dick mit Seilen umwickelt.

Wer hilft beim Auspacken? Die Hände fliegen nur so in die Höhe. Niggi zeigt mit den Fingern auf einige der Jugendlichen. Nachdem die Schachteln geöffnet sind, kommen nochmals Schachteln hervor, beschriftet mit "Nikolaus", "Nicola" und "Krimskrams".

Danke für Euren Einsatz, jetzt kommen zwölf andere dran.

Aus der ersten Schachtel werden die Bestandteile eines Nikolaus-Kostüms ausgepackt, aus der zweiten ebenfalls. In der letzten Schachtel hat es viele Säcke, gefüllt mit all dem, was in einen Nikolaus-Sack gehört.

Wer soll denn diese beiden Kostüme anziehen?

Du, Niggi, ruft Lars, der kleinste der Gruppe. Niggi holt die Nikolaus-Robe und hält sie sich vor den Körper. Nein, die passt ihm nicht, ist viel zu klein.

Aha, das ist offenbar nicht für mich, sondern für jemanden von Euch da unten. Wieder spicken die Hände in die Höhe, verbunden mit lauten "Ich"-Rufen.

Aha, so geht das also nicht. Niggi kratzt sich in den Haaren. Ich habe eine Idee: alle schreiben ihren Namen auf ein Blatt, Ihr bekommt sechs rote Punkte, die Ihr bei einem Namen hinkleben könnt, der aus Eurer Sicht Nikolaus oder Nicola werden soll heute abend.

Nach fünf Minuten ist klar: so geht das nicht, denn bei jedem Namen hat es sechs rote Punkte. Nochmals kratzt sich Niggi im Haar.

Aha, so geht das also auch nicht. Ich habe eine andere Idee: wir schreiben auf, was unseren Nikolaus, unsere Nicola ausmacht, und dann bekommt Ihr einen einzigen blauen Punkt, den Ihr bei einem Namen aufkleben könnt, der Eurer Ansicht nach am besten unserem Wunschbild von Nikolaus und Nicola entspricht.

Edel, gerecht, lieb, gütig, einfühlsam, still. Immer schwieriger wird es, neue Wörter zu finden.

Jetzt haben wir genug Wörter, jetzt wollen wir Punkte kleben, reklamiert Sämi.

Aha, also nichts wie los.

Nach einer Weile mit Herumgelaufe ist klar: am meisten blaue Punkte haben Gille und Sebi erhalten. Alle klatschen.

Aha, jetzt hats also geklappt! Und so gehts jetzt weiter: die beiden gehen in die Garderobe, werden eingekleidet, und in der Zwischenzeit macht Ihr im Saal alles bereit für den Besuch von Nicola und Nikolaus. Ihr müsst unbedingt drei ganze schöne Nikolaus-Sprüche lernen, da hinten hat es eine grosse Schachtel mit all dem Krimskrams. Und die Niggi-Bänd macht ein bisschen Sound dazu.

Zwanzig Minuten später ist es soweit. Der Saal glitzert von Kerzenlicht, der feine Duft von Punsch, vermischt mit Mandarinen-Geruch liegt in der Luft. Gespannt sitzen alle im Saal, sind ganz still.

***

Da, ein feines Glöcklein klingt vor der Tür. Laut poltert es an der Tür. Nochmals. Endlich getraut sich Samas, steht auf, öffnet beim dritten Schlag. Guten Abend, guten Abend. Dürfen Nikolaus und Nicola hinein kommen in diesen schönen Saal? Ja, ja, ja!


***
 

Aha, Papa, ich glaube, das waren nicht mehr Gille und Sebi, das waren wirklich die echten, das waren Nicola und Nikolaus. Aha, Mama, nicht einmal ihre Stimmen habe ich mehr gekannt. Und das letzte Niggi-Lied von der Niggi-Bänd war wirklich super - wir haben alle ganz laut mitgesungen, und jetzt bekommen wir dann sogar noch eine CD davon. Ganz begeistert erzählt Lars seinen Eltern von den Erlebnissen am Sankt-Nikolaus-Abend.


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